Entfelden

Ein Islamexperte leitet die Pfarrei St.Martin: «Die grosse Welt ist auch hier zu Hause»

Das Ehepaar Ana und Samuel Behloul sind neu Gemeindeleiter und Seelsorger der Pfarrei St. Martin Entfelden.

Das Ehepaar Ana und Samuel Behloul sind neu Gemeindeleiter und Seelsorger der Pfarrei St. Martin Entfelden.

Mit Samuel Behloul und seiner Ehefrau Ana führt ein prominentes Ehepaar neu die Entfelder Katholiken. Dass ein Dialog zwischen Christen und Moslems entstehe, sei wichtig – doch man müsse sich bewusst sein, dass es ein anhaltender Lernprozess ist.

Es dürfte selten vorkommen, dass ein Theologe gleichzeitig auch noch Islamwissenschaftler ist: Samuel Behloul, zusammen mit seiner Ehefrau Ana neuer Gemeindeleiter und Seelsorger der Pfarrei St.Martin Entfelden, kennt beide Weltreligionen vertieft. Wegen des zeitweise gespannten Verhältnisses der westlichen und der muslimischen Welt war er oft als Experte in den Medien präsent. Zuletzt war er Fachleiter am Zürcher Institut für interreligiösen Dialog (ZIID) und Dozent an der Uni Luzern.

Warum übernimmt eine so prominente Persönlichkeit nun die Pfarreileitung im kleinen Entfelden? «Entfelden mag zwar geografisch klein sein, die grosse Welt mit ihrer kulturellen und religiösen Vielfalt ist aber inzwischen auch hier zu Hause», sagt Samuel Behloul. Der 52-jährige gebürtige Brugger suchte mit seiner Familie ein Haus in der Nähe von Aarau. Letztes Jahr zogen er, Ana und die beiden Kinder nach Unterentfelden. Dass gerade dort eine Stelle für ein Theologen-Ehepaar frei wurde – ein jahrelanger Traum von Ana und ihm –, war eine glückliche Fügung. Die Region kannte er: Vor 20 Jahren war er Seelsorger in Erlinsbach SO.

Oberentfelden mit Moschee: ein religiöser Brennpunkt?

Vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war es nicht üblich, dass Theologen sich mit dem Islam auseinandersetzen. An der Uni war Samuel Behloul zeitweise der Einzige, tiefer thematisiert wurde sonst höchstens das Judentum. Das Wissen über beide Glaubensgemeinschaften kommt ihm heute zugute.

Ist gerade Oberentfelden mit der bosnischen Moschee eine Art Hotspot, wo Christentum und Islam aufeinandertreffen? «Es sind immer zunächst Menschen, die aufeinandertreffen», sagt er. «Religionen kann man nicht reduzieren auf heilige Schriften, Dogmen und Institutionen.» Die Menschen leben ihre Religion sehr individuell und immer beeinflusst vom kulturellen und sozio-politischen Umfeld.

Burkaverbot als «reine Symbolpolitik» kritisiert

Dass ein Dialog zwischen Christen und Moslems entstehe, sei wichtig – doch man müsse sich bewusst sein, dass es ein anhaltender Lernprozess ist. Dazu sei es auch die Aufgabe von Staat und Glaubensgemeinschaften, sich für die Bewahrung des Religionsfriedens einzusetzen. Beispiel Burkaverbot: «Jede Form des Zwangs, ob religiös oder ideologisch begründet, ist entwürdigend», sagt er. «Wenn aber jemand in einer demokratisch-liberalen Gesellschaft von der individuellen Wahlfreiheit Gebrauch macht und eine Burka trägt, was ist es dann?»

In einer Stellungnahme des ZIID, die Samuel Behloul mitverfasste, wurde ein Burkaverbot als «reine Symbolpolitik» kritisiert. «Die Stunde der Populisten und Fundamentalisten, egal welcher Couleur, schlägt immer in Umbruchzeiten», sagt er. «Sie mögen zwar relevante Probleme ansprechen, über das blosse Skandalisieren kommen sie jedoch nicht hinaus.»

50 Jahre Pfarrei Entfelden: statt Pfarrer ein Migrantenehepaar

Die Pfarrei St.Martin Entfelden feiert 2021 das 50-Jahr-Jubiläum. Einiges hat sich in der Zeit verändert – nicht zuletzt die Kirche selber, angekurbelt durch die Migration, die eine noch nie dagewesene Vielfalt ins Schweizer Christentum gebracht hat. Heute haben mehr als die Hälfte der Katholiken im Pastoralraum Aarau einen Migrationshintergrund, darunter das Ehepaar Behloul, das die Kirche leitet anstelle eines klassischen Pfarrers.

«In der erwähnten Vielfalt der Region sehe ich grosses Potenzial», sagt Samuel Behloul. So könne man die aktuell brennenden Fragen der Entfelder Katholiken bezüglich Umwelt, soziale Gerechtigkeit oder Generationenwechsel aus verschiedenen Perspektiven angehen. Das Überleben der Kirche hänge aber – wie in der Antike – davon ab, dass die so unterschiedlichen Mitglieder trotz Differenzen geeint bleiben, einander zuhören und voneinander lernen.

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