Suhr

Ein gutes und mutiges Kulturprojekt, das Widersprüche aufdeckte

«Dorfschreiber» Andreas Neeser

«Dorfschreiber» Andreas Neeser

Andreas Neeser beendet sein Jahr als Dorfschreiber mit gemischten Gefühlen. Und trotzdem: «Es ist ein gutes und mutiges Projekt, auch wenn der Start schwierig war», sagt er.

Vor einem Jahr war Schriftsteller Andreas Neeser, der wenige Monate zuvor von Aarau nach Suhr gezogen war, von der Kulturkommission zum «Dorfschreiber» von Suhr berufen worden. Die Idee: Über Kultur sollte ein anderer Zugang zum Dorf angeboten, der Blick auf das Dorf geweitet werden. Ein hehres Ziel, aber ist es auch erreicht worden?

Eine solche Idee in einem Dorf zu etablieren, brauche seine Zeit. Und so hofft er, dass Kati Rickenbach mehr Rückhalt und Echo findet – in der Bevölkerung und beim «offiziellen» Suhr. Die Comiczeichnerin und Illustratorin aus Zürich wird die Kulturarbeit dieses Jahr weiterführen. Neeser ist überzeugt: «Das Projekt ist gut, kann wachsen und über längere Zeit bestehen.»

«Dorfschreiber» – die Bezeichnung wollte Neeser nicht recht passen; er verstand sich nicht als Auftragsschreiber, der über Suhr Geschichten verfasst. Vielmehr wollte er Kultur im weitesten Sinn an- und betreiben. Er wollte Katalysator sein für eine Kultur, die reflektiert und Denkarbeit leistet. Er konzipierte Performances und Veranstaltungen und nahm an Stammtischen teil, an denen über Kultur in Suhr, aber auch über die sozialen und politischen Befindlichkeiten der Gemeinde diskutiert wurde.

An den Stammtischen habe er selber viel gelernt und viel über die Gemeinde erfahren, von Brüchen und Widersprüchen, von widerstrebenden Kräften, die das Leben in Suhr nicht einfacher machen.

Ungutes Gefühl

Ein ungutes Gefühl hinterliess beim Dorfschreiber die Text-Klang-Bild-Performance, die er zusammen mit der Malerin Marianne Büttiker und dem Musiker Michel Erismann schuf. Das Bildwerk, das – drei auf zweieinhalb Meter gross – daraus entstand, hätte als Geschenk in den Besitz der Gemeinde übergehen sollen, doch diese fand keinen geeigneten Ort dafür.

Die Aktion fand dennoch ein glückliches Ende. Das Bild wurde in wohnzimmertaugliche Stücke geschnitten und versteigert. 1150 Franken kamen so zusammen, eine Summe, die in Mal- und Sprachworkshops am Kindergarten und an der Primarschule Suhr gut angelegt wird. Die Workshops werden im Rahmen von «Kultur macht Schule» vom Kanton unterstützt.

Nach acht Jahren gab Andreas Neeser auf Ende Jahr auch die Leitung des Aargauer Literaturhauses in Lenzburg (Müllerhaus) ab. Neeser will sich stärker auf die eigene schriftstellerische Arbeit konzentrieren können. Im Februar erscheinen sein Roman «Fliegen, bis es schneit« sowie «Luftposcht», eine Chanson-CD mit Mundarttexten von ihm, komponiert und gesungen von Michel Erismann. «Das gibt Schub und Kraft», sagt der Autor.

Als «Dorfschreiber» hat Andreas Neeser heute Mittwoch einen letzten Auftritt. Im Alters- und Pflegeheim Steinfeld liest er aus seinem Mundart-Band «No alles gliich wie morn».

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