Lange interessierte sich André Widmer nicht für den Osten. Der 40-jährige Gränicher ist Lokaljournalist und arbeitet als freier Autor. 2003 packte ihn das Interesse an den Ländern der Ex-Sowjetunion, als er seinen Vater zur Pensionierung auf eine Reise nach Moskau begleitete. Auf den vielen nachfolgenden Reisen in den Osten entstanden mehrere Reportagen für grössere deutschsprachige Zeitungen und letztlich sogar das Buch «Der vergessene Konflikt» über Bergkarabach (siehe Box).

Noch immer keine Lösung

«Ich begann Russland journalistisch ‹auszuschlachten›», sagt André Widmer. In der Ex-Sowjetunion gebe es viele Geschichten zu erzählen. Bei der Themensuche während der Reisen stiess er auf Bergkarabach. «Der Name hatte etwas Mystisches», sagt der 40-Jährige, der sich an die Nachrichten über den Krieg aus seiner Jugend erinnerte.

Widmer machte sich 2008 erstmals auf in das von Armenien und Aserbaidschan umstrittene Gebiet im kleinen Kaukasus, geplant war nur eine einzelne Reportage. Bis im letzten Jahr folgten seinen jährlichen Besuchen dies- und jenseits der Waffenstillstandslinie weitere Zeitungsartikel. «Da begann ich erst die Dimension des Karabach-Konflikts zu realisieren», sagt er über die Begegnungen in Flüchtlingsdörfern in Aserbaidschan.

Die Menschen leben teilweise nur ein paar Kilometer von ihrer besetzten Heimat entfernt – ohne Chance auf Rückkehr. Entlang der Waffenstillstandslinie wird immer noch geschossen, nach wie vor sterben Soldaten und auch Zivilisten. Einen Friedensvertrag zwischen Aserbaidschan und Armenien gibt es auch 19 Jahre nach Ende des Krieges nicht.

Widmer regt sich auf: «Eigentlich ist es ein Skandal, dass nichts gegangen ist und keine Lösung gefunden wurde.» In seinem Buch möchte er auf die Schicksale der entwurzelten Menschen hinweisen. «Es ist ein Buch gegen das Vergessen.»

Menschen im Fokus

Vor zwei Jahren beschloss Widmer, sein umfangreiches Material zusammenzufassen. Über ein Jahr arbeitete er daran, die Geschichte der Menschen beider Seiten zu erzählen. «Das musste raus, in dieser Form gab es nichts», sagt André Widmer, der sich auf die Auswirkungen für Menschen und Landschaft fokussierte.

Widmer zeigt die Situation in den besetzten Gebieten, das Leben der Flüchtlinge im Exil, Minen- und Blindgängerräumung oder das Militär in den Schützengräben an der Waffenstillstandslinie. «Ich bin kein Völkerrechtler und auch kein Historiker», erklärt er. «Ich will Aufmerksamkeit dafür, dass nach zwei Jahrzehnten noch immer Hunderttausende aus ihrer Heimat verbannt sind und nicht nach Hause können.»

André Widmer kann auch nicht mehr nach Bergkarabach reisen, er gilt in Armenien als «Persona non grata». Den Grund vermutet er in einem Artikel über die von armenischen Separatisten vollends zerstörte und geplünderte Stadt Agdam, welche er auch besucht hatte.

Eine letzte Geschichte

Nach fünf Jahren Recherche gehen Widmer die journalistischen Ansätze langsam aus. «Für mich sind viele Aspekte der Geschichte mit dem Buch nun erzählt», sagt der Autor. Eine Geschichte interessiert ihn aber doch noch speziell: «Zwei Dörfer haben, als sich der Krieg anbahnte, selbstständig über die armenisch-aserbaidschanische Grenze hinweg ihre Wohnorte getauscht.»

So zogen die Armenier ins aserbaidschanische Dorf in Armenien und umgekehrt. Sie schlossen zudem einen Vertrag ab, dass sie gegenseitig die Gräber ihrer Vorfahren pflegen. «Im ganzen Hass, der dort herrscht, ist das ein versöhnlicher Aspekt.»

Persönlich bleibt Bergkarabach eine Herzensangelegenheit: «Ich will erleben, wie die Leute in ihre Heimat zurückkehren.» So wie der Mann auf dem Buchumschlag, der mit seiner Familie in einem spartanischen Lehmhaus halb unter der Erde lebt. Hände verwerfend sagte dieser: «Wir brauchen kein neues Haus, sondern wollen unser altes Land zurück.»

Das Buch: André Widmer, «Der vergessene Konflikt – The Forgotten Conflict», ISBN 9 783033 038097.