Ich reise gerne in ferne Länder. Es erweitert den Horizont, gibt mir Impulse für neue Ideen und kalibriert mich in gewisser Weise. Meine letzte Asienreise, die mich nach China, Hongkong und Indonesien führte, beeindruckte und schockte mich gleichermassen. Beeindruckend finde ich, wie rasend schnell sich Asien entwickelt, wie innovativ und gebildet die junge Generation ist. Da erscheint mir Europa grösstenteils im Dornröschenschlaf.

Es gibt aber mindestens einen Bereich, auf den gerade wir Schweizer ein stückweit stolz sein können, denn es ist nahezu ein Novum auf dieser Welt: ein Gesundheitssystem das jeden – unabhängig von seiner Finanzkraft – auf Spitzenniveau versorgt.
Wer einmal ernsthaft um seine Gesundheit fürchten musste, einen geliebten Angehörigen verloren hat oder gar selber schwer erkrankt ist, der weiss, dass fast alles andere im Leben Makulatur ist.

Die Gesundheit ist unser wichtigstes Gut und das merken viele erst, wenn sie abhanden kommt. Wenn es ernsthaft um die Gesundheit geht, sind zumindest in der Schweiz alle gleich. Weder Geld, Status oder Macht verschaffen einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Rest der Bevölkerung. Beruhigend ist insofern auch, dass nirgendwo sonst auf der Welt sich jemand mit Geld seine Gesundheit in letzter Konsequenz erkaufen kann. Ein nicht heilbarer Krebs ist sowohl für die Top Ten der «Forbes»- Reichenliste, als auch für die Präsidenten und Könige der Industrienationen dieser Welt genauso tödlich wie für die Bewohner der Slums von Jakarta.

Es gibt in diesem Spiel aber leider ein grosses Aber ... Abgesehen von der Schweiz und ein paar anderen Kleinstaaten wie Luxemburg und Singapur bedeutet in den meisten Ländern dieser Welt, dass Geld die Eintrittskarte zur Gesundheitsversorgung ist. Und eben kein Geld im Zweifel einen früheren Tod bedeutet, weil man sich die notwendige Behandlung nicht leisten kann.

In Jakarta erzählte mir ein Concierge eines Hotels, dass seine Tochter lebensbedrohlich erkrankt sei und er sich die Gesundheitsbehandlung nicht leisten könne. Das hat mich tief berührt und zum Nachdenken gebracht. Unweigerlich kamen mir Bilder aus meiner Studentenzeit in Afrika wieder hoch, wo Menschen in der Notaufnahme verbluteten, weil niemand die Behandlung zahlen konnte. Wo Eltern ihr gesamtes Hab und Gut verkauften, um die grossflächigen Verbrennungen ihres Kindes therapieren zu lassen. Aber auch in einem hoch entwickelten Land wie den USA müssen sie an jeder Spitalrezeption erstmal die Kreditkarte zücken, bevor ein Arzt ihnen auch nur «Guten Tag» sagt.

Zurück zu der Begegnung mit dem Concierge in Jakarta. Ist es nicht eine unglaublich schlimme Vorstellung, seine eigenen Kinder nicht vor Versehrtheit schützen zu können, nur weil das Geld fehlt? Sein eigenes Kind sterben zu sehen, weil der Job als Concierge nicht genug abwirft, um zumindest die Grundversorgung seiner Angehörigen sicherstellen zu können? Solche Momente helfen mir, unser eigenes Dasein zu reflektieren. Wer in ferne Länder reist und die Augen aufmacht, dem wird sehr schnell bewusst, wie unendlich gut es uns in der Schweiz geht.

Natürlich ist unser Gesundheitssystem teuer und natürlich müssen wir alle gemeinsam daran arbeiten, dass es finanzierbar bleibt. Unbedingt sogar! Aber es muss uns auch bewusst sein, dass eine medizinischen Spitzenversorgung für alle etwas kostet. Wir in der Schweiz sollten uns alle darum bemühen, unser Gesundheitssystem zu erhalten. Dazu müssen alle Beteiligten mitarbeiten, von den Ärzten und Spitälern über die Pharmaindustrie bis hin zum Patienten. Es gibt bei allen Beteiligten Stellschrauben, die justiert werden können und vielleicht auch müssen. Ärzte und Spitäler müssen darauf hinarbeiten, ihre Leistungen hinsichtlich der Qualität mess- und vergleichbar zu machen. Ärzte sollten in ihrer Ausbildung lernen, Untersuchungsmethoden möglichst präzise und passgenau einzusetzen, um möglichst zielorientiert zur Diagnose zu kommen. In den USA ist das Prüfungsgegenstand, das heisst, junge Ärzte werden auch danach bewertet, wie effizient und wirtschaftlich sie Untersuchungsmöglichkeiten auf dem Weg zur Diagnose einsetzen. Qualität, Wirtschaftlichkeit und Effizienz sollten auch im Gesundheitswesen belohnt werden.

Aber auch der Patient muss daran mitarbeiten, dass unser Gesundheitssystem erhalten bleibt. Allzu oft besteht eine Vollkasko-Mentalität und man nutzt den Notfalldienst im Spital, weil es bequemer oder einfacher ist oder schneller geht. Gerne wird auch gefordert, die Oberlid-Straffung über die Krankenkasse laufen zu lassen mit dem Argument «ich zahle doch schon so viel an Prämien». Ich versuche dann klar zu machen, dass wir mit dieser Einstellung und Vorgehensweise in Zukunft nur noch mehr zahlen werden.

Und last but not least wird es auch bei den Krankenkassen Einsparpotenzial geben; Marketingbudgets haben nichts in der obligatorischen Grundversicherung zu suchen.

Wenn es uns gelingt, unser Gesundheitssystem zukunftsfest zu machen, dann können wir den Asiaten für einen Moment ihre wahnsinnige Innovationskraft und ihr sensationelles Tempo überlassen. Denn Gesundheit ist das Wichtigste und die Voraussetzung für unsere Schaffens- und Innovationskraft.

Dr. Felix Bertram (42) ist ärztlicher Leiter und Inhaber von Skinmed, dem Zentrum für Dermatologie und plastische Chirurgie in Aarau/Lenzburg. Er lebt im Raum Lenzburg. fbertram@skinmed.ch