«Zehn Tafeln Schoggi», sagt der alte Mann und grinst wie ein Schuljunge. Heidi Michel fragt nach. Milchschokolade oder doch lieber die mit Nüssen? «Und bist du sicher, dass du zehn Tafeln möchtest?»

Die beiden einigen sich auf drei Tafeln, denn eigentlich ist es ja viel zu warm für Schokolade. Der Herr bedankt sich, Heidi Michel fährt weiter durchs Alterszentrum Mühlefeld in Erlinsbach, im Gang hinten winkt ihr bereits eine Frau zu.

Bewohner für Bewohner fragt sich Heidi Michel durch, notiert mit einem dünnen Kugelschreiber die Wünsche auf einem Block: vier Nektarinen, 500 Gramm Aprikosen, ein Liter Eistee mit Pfirsichgeschmack, zwei Töpfchen von der Hautcreme, die so schön einzieht, eine Rolle Biskuits, eine Schachtel Ricola-Täfeli und ein paar Miniaturpflänzli.

Seit einem guten Jahr geht die 59-jährige Erlinsbacherin einmal pro Woche für die Bewohner des Alterszentrums Mühlefeld im Dorf oder in Aarau einkaufen. Das ist nicht selbstverständlich. Und für jemanden wie Heidi Michel schon gar nicht: Seit drei Jahren sitzt sie im Rollstuhl.

Eine spontane Glace-Idee

Heidi Michel ist seit 25 Jahren krank. Sie leidet an verschiedenen Formen von Rheuma, vor allem an einer Skoliose, einer starken Verkrümmung der Wirbelsäule. 22 Jahre lang ging sie an den Stöcken, seit 1991 kann sie nicht mehr als Sekretärin arbeiten.

Seither plagt sie das schlechte Gewissen: «Es belastet mich, dass ich mit der IV auf Kosten der Allgemeinheit leben muss. Deshalb ist es mir so wichtig, dass ich mit diesem Dienst etwas zurückgeben kann.» Sie freue sich, so den Bewohnern helfen zu können – und sich selbst.

«Wenn man nicht mehr arbeiten kann, muss man sich eine andere Beschäftigung suchen. Ohne Aufgabe wird der Mensch wahnsinnig.»

Seit sie vor drei Jahren den elektrischen Rollstuhl bekommen hat, ist sie wieder viel draussen unterwegs – und geniesst es. «Der Rollstuhl hat mir viel Lebensqualität zurückgebracht», sagt sie. Früher sei sie nur mit dem Auto herumgefahren, von Tiefgarage zu Tiefgarage. «Heute habe ich Fahrtwind im Gesicht. Ich kann sogar die Blumen riechen.»

«Ich brauche keine Hilfe»

Dass sie als Rollstuhlfahrerin ja eigentlich in der Position wäre, sich helfen zu lassen, will sie nicht gelten lassen: «Ich brauche keine Hilfe, ich bin selbstständig.» Die Selbstständigkeit sei für sie das A und O.

Da komme es schon auch vor, dass sie einmal zu wenig um Hilfe bitte und etwas schief gehe. «Aber die Zeit, in der ich auf viel Hilfe angewiesen sein werde, wird noch früh genug kommen.» Heidi Michel lächelt entschuldigend: «Ich bin manchmal etwas stur, ein richtiger Bärner Grind.»

Es war an einem heissen Tag im Mai 2012, als Heidi Michel auf die Idee kam, den Bewohnern ihre Einkaufswünsche zu erfüllen. Damals hatte sie ihre liebe Freundin besucht, als sie plötzlich die Lust auf eine Glace überkam.

«Weil es so heiss war, habe ich auch den anderen Bewohnern eine Glace offeriert. Da wurde mir bewusst, dass viele gar nicht mehr in der Lage sind, selber im Dorf einkaufen zu gehen und sich den einen oder anderen Wunsch zu erfüllen.» Deshalb tut sie es.

Im Alterszentrum wird ihre Hilfe jedenfalls ungemein geschätzt. Monika Jaun, Leiterin des Pflegedienstes, meint: «Für unsere Leute ist es eine schöne Bereicherung.» Und eine alte Dame tätschelt Heidi Michels Unterarm, als sie sagt: «Sie ist ein Engel.»