Aarau

Ein Bummel durch die Altstadt – ein Abend zum Dahinschmelzen

Wenn es bald 18.30 Uhr schlägt, wenn der Carillon in seinem Kabäuschen im Oberturm in die Tasten haut, die Kanonen ihre Böllerschüsse in den Schachen schicken und die Kadetten die Schultern straffen und zum Zapfenstreich ansetzen – dann platzt sie heraus, dann ist sie greifbar, diese unbändige Vorfreude auf den Maienzug.

Es ist so verrückt heiss in den Gassen, dass man es tun möchte wie die Kinder an normalen Sommertagen: barfuss und mit hochgekrempelten Hosenbeinen in der Stadtbachrinne die Rathausgasse hinaufwaten. Doch dieser Tag ist nicht normal, die Rinne ist gedeckt, natürlich, darin würden im Dunkeln die Knöchel brechen wie spröde Äste. Also bleibt nichts anderes, als über das glühende Kopfsteinpflaster zu schleichen, unter den Fahnen hindurch, die so starr und leblos in der stehenden Hitze hängen, als wären sie aus Blei gegossen.

Es ist der Spätnachmittag vor dem Vorabend. Das ungeduldige Warten, während die Beizer und Helfer hetzen. Und als wäre die Luft nicht schon geladen genug, kommt noch dieses Flirren dazu, das in der Magengrube stichelt. Wenn es bald 18.30 Uhr schlägt, wenn der Carillon in seinem Kabäuschen im Oberturm in die Tasten haut, die Kanonen ihre Böllerschüsse in den Schachen schicken und die Kadetten die Schultern straffen und zum Zapfenstreich ansetzen – dann platzt sie heraus, dann ist sie greifbar, diese unbändige Vorfreude auf den Maienzug.

Maienzug-Vorabend: Böllerschüsse in den Schachen

Die Uniform saugt gut

Auf der Zinne bei der Stadtkirche geht ein Lüftchen. An Ruedi Amslers Mützenschirm zittert ein Schweisströpfchen im Luftzug. Kurz lupft er den Hut, streicht sich mit dem Ärmel über die Stirn. Die gefilzte Uniform ist saugfähig. Dass man diese auch bei dieser Hitze trägt, ist Ehrensache für die wackeren fünf Mannen und eine Frau des Artillerievereins Aarau. Wobei, dieses Jahr haben sie die Uniform nicht schon im Zeughaus, sondern erst beim Schlossplatz angezogen.

Ruedi Amsler (73) aus Densbüren ist an diesem Abend zum 45. Mal mit dabei, wenn die Kanoniere die 23 Böllerschüsse zünden, für jeden Kanton einen. Er ist der Dienstälteste. «Früher», sagt er und reibt sich noch einmal mit dem Ärmel über die Stirn, «früher haben wir die Geschütze noch mit den Rössern in die Stadt gezogen, jojojo.» So war das, bevor am Vorabend so viel Volk in den Gassen unterwegs war. Spätnachts sei er dann wieder zurück nach Densbüren geritten. «Jojojo». Überall sei er schon gewesen mit seinen Rössern, sagt Amsler und lacht. «Nur auf dem Mond war ich noch nie.»

Der Glockenschlag der Stadtkirche kommt überraschend. Und dann kracht es. Einmal. Ein zweites Mal. Zerfetzte Sagexstücke und Kastanienblätter flattern durch die Luft, hinter der Absperrung rufen die Zuschauer mit den Fingern in den Ohren «Ah» und «Oh», und die Schwarzpulverwolke beisst in der Nase. Das ist er, der Anfang! Und schon werden die nächsten zwei Böller in das Kanonenrohr geschoben, angebohrt und die Lunte eingesteckt. «Auf 800 Meter Distanz würden sie noch ein Ziel treffen können», sagt Jean-Pierre Conod, der technische Leiter, um dann gleich wieder «Achtung, Feuer!» zu schreien. Nicht, dass jemand vergisst, die Finger in die Ohren zu stecken.

Und dann darf Ruedi Amsler tun, was er in all den 45 Jahren beim Artillerieverein noch nie getan hat: Er darf die Lunten zünden. «Zur Feier des Tages», sagt Conod und klopft Amsler auf die Schuler. Warum hat er es all die Jahre nie getan? Amsler winkt ab, er habe sich immer um die Pferde gekümmert. «Früher hatten wir mit den Rössern genug zu tun, da konnten wir nicht auch noch am Geschütz hebeln.»

Vorabend gefällt nicht allen

Nach 23 Schüssen ist alles wieder vorbei. Das Publikum verzettelt sich, vor der Stadtkirche spielt die Kadettenmusik, vor dem Rathaus stossen die aktiven und ehemaligen Einwohnerräte und Stadträte miteinander an, der Vorabend nimmt seinen Lauf. Noch grösser, noch dichter, noch lauter als im Vorjahr, wie es scheint.

Das gefällt vielen, aber nicht allen. Ein Beizli bleibt geschlossen. Im Fenster von «Liz&Chrege» hängt ein Plakat: «Wie setzen dieses Jahr einmal aus.»

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