Aarau
Ein Blumentopf ist auch ein Regenschirm

23 Aargauer Klassen nahmen am Schultheatertreffen im Theater Tuchlaube in Aarau Teil. Vom durchwegs begeisterten Publikum gab es viel Applaus für die Darbietungen

Hubert Keller (Text) undAndre Albrecht (Fotos)
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Aargauer Schultheatertreffen 2011 4. und 5. Primar Erlinsbach von Dagmar Gerber und Markus Wittwer.
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Aargauer Schultheatertreffen 2011 4. und 5. Primar Erlinsbach von Dagmar Gerber und Markus Wittwer.
Aargauer Schultheatertreffen 2011 5. Primar Gebenstorf von Ramona Gloor.
Aargauer Schultheatertreffen 2011 4. Primar Staufen von Rosmarie Wernli.
Aargauer Schultheatertreffen 2011 4. Primar Staufen von Rosmarie Wernli.
Aargauer Schultheatertreffen 2011 4. Primar Staufen von Rosmarie Wernli.
Aargauer Schultheatertreffen 2011 im Theater Tuchlaube
Aargauer Schultheatertreffen 2011 5. Primar Seengen von Barbara Küng

Aargauer Schultheatertreffen 2011 4. und 5. Primar Erlinsbach von Dagmar Gerber und Markus Wittwer.

André Albrecht

Muss noch jemand auf die Toilette? Will noch jemand etwas trinken? Theaterpädagoge Mark Roth versammelt die Primarschüler aus Gebenstorf. «Jungs, konzentriert euch bitte.» Es sind die Fünftklässler von Ramona Gloor, die sich vor ihrem Auftritt sammeln.

Auf der Bühne stehen Blumentöpfe. Eins ums andere greifen die Kinder nach einem Topf: «Das da ist mein Regenschirm, das meine Frisur, meine CD, mein Rasierapparat.» Blumentöpfe können im Theater alles sein. Theater sei nämlich Fantasie, erklären die Gebenstorfer nach der Aufführung auf die Frage, was Theater denn sei. Theater sei sehr kreativ, im Theater könne man viele Ideen spinnen und umsetzen.

Von der Beratungsstelle Theaterpädagogik der Pädagogischen Hochschule FHNW organisiert, findet gegenwärtig das 12. Aargauische Schultheatertreffen statt. Während fünf Tagen zeigen 23 Klassen aus allen Regionen des Kantons im Theater Tuchlaube in Aarau ihre Produktionen. Gestern Dienstag waren Primarschüler aus Gebenstorf, Erlinsbach, Seengen und Staufen an der Reihe.

Tigerkrallen und Samtpfoten

«Von Schnippblumen und Klatschtrommeln» hiess das eingangs erwähnte Stück der Fünftklässler aus Gebenstorf.

Ihre Kolleginnen und Kollegen der dritten Primar hatten in der Klasse die Erfahrung gemacht, dass sich Gruppen bildeten und diese mitunter aneinandergerieten. Die Schülerinnen und Schüler von Alice Richard entwickelten daraus ihre Theaterproduktion, eine kleine West-Side-Story. Der Chef der «Tigerkrallen», wie sich die eine Gruppe nennt, verschafft sich mit einem herrischen Ton Respekt, der allerdings mehr und mehr bröckelt. Am Schluss muss er, das Grossmaul, allein gegen die Chefin der «Samtpfoten» antreten. Sie, die Friedfertige, hat für alle Fälle immer ein «Pflästerli» mit.

«Wenn Kinder und Jugendliche in der Schule Theater spielen, fördern und stärken sie ihre Selbst- und Sozialkompetenz, sie gewinnen Selbstvertrauen und lernen Problemlösungsstrategien», erklärt Regina Wurster, die ebenso wie Mark Roth Dozentin Theaterpädagogik an der Pädagogischen Hochschule FHNW ist. Nicht immer berührt der Unterricht die Persönlichkeit des Schülers. Und es war schon früher so, dass das wirklich interessante Leben oft erst nach Unterrichtsschluss beginnt. Nicht so im Schultheater.

Die besonderen Stärken

Barbara Küng spielte mit ihren Fünftklässlern aus Seengen einen Fernsehabend, der das Publikum, das sich aus den Klassen bildete, die gerade nicht spielen mussten, bestens unterhielt. Kabarettistische Stilelemente und solche aus Fernsehshows wurden geschickt in die Inszenierung eingearbeitet.

In der Schule und auch im Seminar habe sie selber gerne Theater gespielt, sagt die Lehrerin. Vor zwei Jahren habe sie von ihren Schülern, damals noch Drittklässler, und deren Eltern in einem Punkt ein schlechtes Feedback erhalten: Die Kinder waren nämlich der Meinung, dass ihre Lehrerin nicht wirklich weiss, was ihre besonderen Stärken sind. Also führte sie die wöchentliche «Showtime» ein. Da durften die Kinder zeigen, was sie können. Am Anfang war es ein Vorspiel auf der Gitarre oder ein Zaubertrick. Mehr und mehr begannen die Kinder, Theater zu spielen. Jetzt wusste die Lehrerin, was ihre Schützlinge besonders gut können. «Showtime», die wöchentliche Stunde, gab den Kindern Raum, ihre Kreativität zu entfalten – und wie.

«Es ist eine lebendige Klasse», sagt Barbara Küng, «fast nicht zu bändigen.» Von Letzterem war während des originellen Auftritts (fast) nichts zu spüren. «Das Schultheatertreffen gab uns die Gelegenheit, vor dem Übertritt in die Oberstufe die vielen Ideen, die Kreativität und Fantasie der Kinder in einem Projekt zu bündeln und auf die Bühne zu bringen», erklärt Lehrerin Küng.

Kinder sind schlechte Zeitsparer

Die Erlinsbacher Viert- und Fünftklässler von Dagmar Gerber und Markus Wittwer nahmen den Film Momo nach dem fantastischen Roman von Michael Ende als Vorlage. Die grauen Herren wollen die Menschen dazu bringen, Zeit zu sparen, indem sie schneller arbeiten, alles Überflüssige weglassen und wenn nötig sogar die pflegebedürftige Mutter ins Heim abschieben. Die Menschen werden aufgefordert, die gesparte Zeit auf der Zeitsparkasse gegen Zins anzulegen. In Wirklichkeit werden sie um die Zeit betrogen. Die grauen Herren müssen auch bald einsehen, dass vor allem Kinder sich nur schlecht zum Zeitsparen bewegen lassen.

Und zum Schluss war «Pause», so hiess nämlich das Stück, das Rosmarie Wernli mit ihren Staufener Kindern einstudierte. Sie zeigten Szenen auf dem Pausenplatz. Und dann gab es wieder viel Applaus von einem begeisterten Publikum.