Küttigen
Eigentlich wollte er gar nie Ammann werden – aber Tobias Leuthard hat die Politik im Blut

Tobias Leuthard ist aussichtsreichster Kandidat für den Gemeindeammann-Posten in Küttigen.

Nadja Rohner
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Tobias Leuthard – und ja, er ist mit der Bundesrätin verwandt.

Tobias Leuthard – und ja, er ist mit der Bundesrätin verwandt.

SEVERIN BIGLER

Eigentlich wollte er ja gar nie in die Politik. Und jetzt kandidiert Tobias Leuthard als Küttiger Gemeindeammann. Für die falsche Partei, findet sein Vater. Doch der Reihe nach.

Wir treffen Gemeinderat Tobias Leuthard auf dem Sportplatz Ritzer, dessen Sanierung eines seiner grösseren Projekte ist. Ein anderer grosser Brocken, die Revision der Nutzungsplanung Siedlung, hat er bereits erfolgreich über die Bühne gebracht. Der 50-Jährige fällt auf als einer jener Gemeinderäte, die komplexe Sachverhalte verständlich erklären können. Und er weiss zu unterhalten – an der letzten Gmeind brachte Leuthard ein Spielzeugfeuerwehrauto mit, um den Kreditantrag für zwei neue Einsatzfahrzeuge zu erläutern. Nötig gewesen wäre es nicht, aber ein willkommenes Schmankerl an einem sonst eher ernsten Abend.

Die berühmte Cousine

Tobias Leuthard wuchs mit drei Geschwistern in Frick auf. «Meine Familie, besonders mein Vater, ist stark in der CVP engagiert», sagt er. Und da ist natürlich die Freiämter Cousine Doris, die es bis zur Bundespräsidentin geschafft hat. Von Parteipolitik wollte Tobias Leuthard allerdings früher nichts wissen – «als Jugendlicher will man sich abgrenzen, und das hat lange angehalten». Engagiert war er aber schon immer: «In der Kantizeit haben eine Schulfreundin und ich gemeinsam mit Jungwacht-Blauring eine Alusammelstelle initiiert. Zu einem Zeitpunkt, an dem noch kaum einer von Recycling sprach.»

Nach der Matur ging Leuthard ein Jahr zum Zirkus Monti und fing danach ein Ethnologie- und Germanistik-Studium an. Auch hier drückte die Politik durch: «Wir nahmen an zahlreichen Demonstrationen teil, setzten uns für indigene Völker und für linke Gruppierungen in Nicaragua und El Salvador ein.» Später wechselte er das Studium und liess sich zum Lehrer ausbilden, arbeitete im Wynental und in Oberentfelden, verbrachte für das Sekundarlehrer-Studium ein Jahr in Paris und machte die Ausbildung zum Schulleiter. 2010 wechselte er als Fachmann für Schulevaluationen an die Fachhochschule Nordwestschweiz nach Brugg.

Der Vater hat leer geschluckt

Seit elf Jahren lebt Leuthard mit seiner Frau, der Teenager-Tochter, einem blinden Hund und drei Katzen in einem Einfamilienhaus «auf Stock» in Rombach; zwei erwachsene Söhne aus früherer Ehe wohnen in Aarau. Seine Integration im Dorf sei eigentlich erst mit dem Gemeinderatsamt so richtig in Gang gekommen, sagt Leuthard rückblickend. Aber er hat Feuer gefangen.

Und nun will er Ammann werden. Für die Sozialdemokraten, die ihn 2012 angefragt hatten, ob er – obwohl damals noch nicht Genosse – für den Gemeinderat kandidieren wolle. «Ich habe meinen Vater angerufen und gesagt: Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich.» Der Vater habe ja schon immer gewollt, dass er sich in der Gemeindepolitik engagiere – aber das mit der SP habe ihn schon «leer schlucken lassen», erinnert sich Leuthard und lacht. Immerhin schlägt er familienintern nicht als Einziger aus christdemokratischer Reihe: Die Wohler Grünen-Grossrätin Monika Küng ist auch eine Cousine.

«Habe wirklich Herzblut dafür»

Nach fünf Jahren Gemeinderat ist Leuthards Bilanz klar positiv: «Ich habe wirklich Herzblut für diese spannende Aufgabe.» Und doch hat es gedauert, bis er seine Kandidatur für den freiwerdenden Ammann-Posten bekannt gab. «Das Amt hat mich von Anfang an gereizt und ich habe Lust auf Neues – aber zuerst brauchte ich die volle Unterstützung meiner Familie.» Diese ist, so lässt Leuthard durchblicken, nicht immer begeistert davon, dass sein Engagement in der Gemeinde so viel Zeit in Anspruch nimmt. Deshalb würde er sein Arbeitspensum reduzieren, wenn er als Ammann gewählt wird.

Bevölkerung besser einbinden

Leuthard bezeichnet sich als Teamplayer. Gute Zusammenarbeit ist ihm wichtig, inner- und ausserhalb des Gemeinderats. «In der Dorfpolitik stört mich am meisten, dass sich nur wenige einbringen. Ich will die Bevölkerung mehr in Meinungsbildungsprozesse einbinden, die einzelnen Bevölkerungsgruppen besser abholen.» So habe das kürzlich durchgeführte Altersforum überraschend viele Teilnehmende gehabt, und «bei der Abstimmung zu den Tagesstrukturen kamen 300 Leute an die Gmeind statt nur 150 wie sonst. Auch viele Junge. Es ist diese Anteilnahme am Dorfgeschehen, die ich fördern will.» Zudem müsse man sich überlegen, wie auch Neuzuzüger besser integriert werden könnten. Engagements aus der Bevölkerung, wie etwa die Entwicklung der Alten Kanzlei zu einer Art Begegnungszentrum, begrüsst er sehr.

Abgesehen von zwingend anstehenden Infrastrukturprojekten – die Ritzer-Sanierung, die Entwicklung der Schulanlage Stock, nötige Strassenprojekte und Werkleitungssanierungen – hat die Gemeindepolitik in den nächsten Jahren auch einen gewissen Spielraum. «Wir stehen auf gesunden Füssen, das erlaubt uns eine aktive Gestaltung», so der Ammann-Kandidat.

Was ist mit «Zukunftsraum»?

Auch die Frage nach dem «Zukunftsraum Aarau» könnte in Küttigen nach Leuthards Einschätzung noch einmal aufkommen. Er ist kein Gegner des Projekts, selbst wenn er gegenüber einer Fusion skeptischer ist als etwa seine Parteikollegen – im Dorf wie in der Stadt: «Es geht immer nur um Sparpotenziale, Synergien und Aussenwirkung. Die grosse Frage ist aber die nach der Identität der Menschen. Ich habe gewisse Zweifel, ob eine grosse Organisation es schafft, dafür neue Formen zu finden oder beispielsweise Quartiere zu erhalten und zu stärken. Darüber spricht leider aktuell niemand.»

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