Ob sich die Besucher im Aargauer Kunsthaus gestern Abend bewusst waren, wer mit ihnen die Ausstellung «Blumen für die Kunst» genoss? Wohl kaum.

Der Name und das Gesicht von Laimdota Straujuma kennen die wenigsten Schweizer. Die 65-Jährige ist klein, fällt nicht auf, höchstens wegen ihres knallblauen Blazers oder der Brosche mit baltischem Bernstein.

Und doch war Straujuma bis vor kurzem eine der wichtigen Personen Europas. Bis zum 11. Februar, als sie ihr Amt als Premierministerin Lettlands – die erste Frau auf diesem Posten – nach zwei Jahren an ihren Nachfolger übergab.

Jetzt ist sie nur noch Abgeordnete des lettischen Parlaments – und ihre Bodyguards los. «Endlich Freiheit», sagt sie beim Interview im Restaurant Einstein. «Und endlich darf ich wieder selber Auto fahren, das war aus Sicherheitsgründen verboten.»

Straujuma ist auf Einladung der Gesellschaft Schweiz-Lettland in Aarau. Deren Vorstandsmitglied Regina Wirz wohnt in Biberstein und ist eng mit Straujuma befreundet, hat die Alt-Premierministerin in einem Bibersteiner Bed-and-Breakfast einquartiert. Straujuma kam vor 21 Jahren zum ersten Mal in die Schweiz, in Aarau war sie aber noch nie. «Ich will ihr unbedingt die Giebel zeigen», sagt Wirz.

Vorerst genehmigen sich die Frauen aber einen Cocktail. Alkoholfrei. Straujuma sind deshalb beim Interview keine Staatsgeheimnisse zu entlocken. Dennoch berichtet sie relativ offen über ihr Land. Über «little Switzerland», eine Gegend um das lettische Städtchen Sigulda. Es wird «kleine Schweiz» genannt, «weil es nicht ganz so flach ist», sagt die konservative Politikerin und kichert, wie so oft in diesem Gespräch. Nicht so flach heisst in Lettland: eine Erhebung von vielleicht hundert Metern. Aber immerhin mit Bob- und Seilbahn.

Damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen der Schweiz und Lettland nicht. Flüchtlinge sind auch drüben ein riesiges Thema. Nur 63 Personen wurden zwischen 1998 und 2014 in Lettland als Flüchtlinge anerkannt. In 2016 soll Lettland – 2 Mio. Einwohner – mehr als 700 Flüchtlinge aufnehmen. Und sträubt sich dagegen. Warum? Wegen der Geschichte, sagt Straujuma.

Sowjetunion. Besetzung. «People remember.» Jetzt kommen wieder Fremde, das mache Angst.

Straujuma kritisiert die EU: «Wir müssen die Flüchtlingsströme besser organisieren. Jetzt bilden wir Wände in Europa; in Ungarn, Kroatien. Wie weit werden wir gehen?»

Lettland müsse seine Grenzen sichern, im Budget 2016 habe das Priorität. Hat sie Angst vor den Russen? «Nicht wirklich», sagt Straujuma, «weil wir Nato-Mitglied sind. Seit 12 Jahren, das war eine gute Entscheidung. Ohne die Nato wären die Russen bei uns einmarschiert wie in der Ukraine.»

Aber der Nachbar im Osten macht die Letten nervös. Und jetzt die Flüchtlinge. Natürlich werde man die «echten» aufnehmen, – «aber keine Wirtschaftsflüchtlinge». Dabei waren die Letten vor nicht langer Zeit, in der Finanzkrise ab 2007, ebenfalls Wirtschaftsflüchtlinge.

Viele Junge sind ausgewandert. Wie holt man sie zurück? «Das ist nur möglich, wenn unsere Wirtschaft wächst», sagt Straujuma und klopft mit dem Fingernagel auf den Tisch. «Bei uns haben sie die Möglichkeit, etwas zu entwickeln, das Land zu prägen. Junge Menschen mögen das. Aber wir müssen ihnen eine Perspektive bieten.»

2015 ist das Bruttoinlandsprodukt um 2,8 Prozent gewachsen, für 2016 sind 3,3 Prozent prognostiziert. «Es geht vorwärts.»

1940 war Lettland wirtschaftlich vergleichbar mit Dänemark. «Und dann kam die Sowjetunion.» Jetzt versucht das baltische Land alles, um den Rückschlag wettzumachen. Landwirtschaft und Holzindustrie sind Haupteinnahmequelle. Tourismus? «Vernachlässigbar», so Straujuma, «aber wir arbeiten daran».

Öffentliche Veranstaltung der Gesellschaft Schweiz-Lettland mit Vortrag von Laimdota Straujuma zu aktuellen Herausforderungen Lettlands. Heute Samstag, 15–17 Uhr, Hotel Aarauerhof.