Interview

Ehe-Falle Corona: Aargauer Juristinnen befürchten mehr Scheidungen – und geben diese Tipps

«Trotz aller Hilfe muss man sich letztlich bewusst sein, dass eine Trennung und Scheidung meistens sehr schmerzhaft ist»: Gabriela Rohner (l.) und Anja Schmid.

«Trotz aller Hilfe muss man sich letztlich bewusst sein, dass eine Trennung und Scheidung meistens sehr schmerzhaft ist»: Gabriela Rohner (l.) und Anja Schmid.

«Wir haben im Moment viele Anfragen», erklären Gabriela Rohner und Anja Schmid, die ihre Kanzlei in Aarau haben.

«Altes fair abschliessen, Neuem eine Chance geben.» Unter diesem Motto betreiben Gabriela Rohner (55), Dr. iur., Anwältin und Mediatorin SAV, und Anja Schmid (48), lic. iur., Mediatorin SDM mit Spezialisierung Familienmediation, seit bald zehn Jahren in Aarau eine Kanzlei für Trennungen, Scheidungen und Mediationen. Sie fürchten, dass nach dem Corona-Lockdown Paare in angespannten Verhältnissen in ihrer Verzweiflung überstürzt Fehler machen, und geben Tipps, wie sich diese vermeiden lassen.

In der Schweiz lassen sich jedes Jahr über 15'000 Paare scheiden. Warum befürchten Sie, dass nach dem Lockdown diese Zahl noch steigen wird?

Anja Schmid: Die lange Zeit auf engem Raum, die veränderten Tagesstrukturen, die verordnete Entschleunigung – all das traf viele Paare und Familien mit voller Wucht. Dazu kamen Existenzängste und die Unsicherheit, wie es weitergeht. Alles Nährboden für dicke Luft und Gefühlsausbrüche.

Gabriela Rohner: Wir haben daher im Moment viele Anfragen. Wenn die Nerven blankliegen, ist es jedoch schwierig, gute Entscheidungen zu treffen. Es sollte mit Bedacht geprüft werden, ob die Ehe wirklich nicht mehr funktioniert, insbesondere wenn Kinder vorhanden sind. In dieser Coronakrise gilt es, Ruhe zu bewahren.

Die Liebe geht, der Hass kommt: Kann man mit rationalen Argumenten gegen diese Entwicklung ankämpfen?

Schmid: In jeder Beziehung ist es völlig normal, wenn man sich ab und zu in die Haare gerät, gerade wenn sie schon länger dauert. Aber dabei sollen der Anstand und Respekt voreinander nicht verloren gehen.

Lohnt es sich, für eine Beziehung zu kämpfen, in der die Liebe nicht mehr im Vordergrund steht?

Schmid: Durchaus. Viele Paare schätzen einander sehr und sehen im Partner einen unverzichtbaren Freund und Gefährten, mit welchem sie weiterhin durchs Leben gehen möchten. Auch unmündige Kinder oder die finanzielle Situation können Gründe sein, um in einer Beziehung zu bleiben, in der die Liebe nicht mehr an erster Stelle steht. Wichtig ist, dass Paare offen darüber sprechen und eine Form des Zusammenlebens finden, die für beide stimmt.

Was ist der häufigste Fehler, den Partner in einer eskalierenden Situation machen?

Schmid: Oft verlieren sie den Kopf und handeln im Strudel der Gefühle überstürzt. Sie ziehen zum Beispiel einfach aus oder stellen den Partner vor die Tür, ohne sich der weitreichenden Konsequenzen bewusst zu sein.

Rohner: Ein grosser Fehler ist es auch, die Kinder in den Streit zu involvieren, zu versuchen, die andere Partei schlechtzumachen und die Kinder auf die eigene Seite zu ziehen.

Die Koffer packen und einfach gehen: Was muss man dabei beachten?

Schmid: Man muss sich gut überlegen, was auf einen in emotionaler, sozialer, rechtlicher und finanzieller Hinsicht zukommen kann.

Rohner: Grundsätzlich ist jeder Partner jederzeit berechtigt, den ehelichen Haushalt zu verlassen. Wenn man später aber in der ehelichen Liegenschaft wohnen möchte, sollte man sich einen Auszug gut überlegen. Wenn beide Parteien Anspruch auf die eheliche Wohnung/Liegenschaft erheben und die Argumente für die Zuteilung in etwa gleich sind, so ist die Partei, welche schon auswärts wohnt, im Nachteil. Weiter sollte man vor einem Auszug Kopien der wichtigen Belege machen. Es lohnt sich, sich vorher beraten zu lassen, selbst wenn die finanziellen Mittel eng sind.

Den mit der Ehe eingegangenen Verpflichtungen kann man nicht einfach entfliehen. Was ist das Wichtigste, damit es nicht zu einem bösen Erwachen kommt?

Schmid: Man sollte schon bei Eheabschluss gewisse Dinge regeln, etwa schriftlich festhalten, wer was in die Ehe mitgebracht hat. Das klingt unromantisch, macht aber Sinn.

Wer muss nach einem Bruch sofort wie viel zahlen?

Schmid: Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Massgebend sind die Ehedauer, die gelebte Rollenverteilung, die Einkommensverhältnisse und das Alter allfälliger Kinder.

Rohner: Beide Parteien haben Anspruch auf denselben Lebensstandard nach einer Trennung. Für die Bemessung von Unterhaltsbeiträgen bei einer Trennung wird im Normalfall die Methode des betreibungsrechtlichen Existenzminimums mit Überschussverteilung angewandt. Für beide Parteien wird nach den Regeln des Betreibungsrechts das Existenzminimum berechnet. Basis ist der Grundbetrag von 1200 Franken für eine erwachsene Person, von 400 Franken für ein Kind bis zehn Jahren bzw. von 600 Franken danach. Dazu kommen Beträge für Miete, Krankenkasse, Arbeitsweg, usw.

Und dann?

Rohner: Vom Total der Einkommen beider Parteien werden beide Existenzminima abgezogen, was dann bleibt, ist der sogenannte Überschuss. Dieser wird nach Köpfen aufgeteilt. Jeder Ehegatte gilt als ein Kopf, die Kinder als halber Kopf. Die Berechnung ist grundsätzlich einfach, sollte aber von einer Fachperson gemacht werden, da auch kleine Fehler Wirkungen auf den Unterhalt haben.

Stimmt es, dass bei Kampfscheidungen nur die Anwälte profitieren?

Schmid: Eine Kampfscheidung ist diejenige Form der Entzweiung, welche die grössten Kosten nach sich zieht. Kampfscheidungen sollten immer Ultima Ratio sein. Aber es gibt durchaus Fälle, bei denen wir Klienten diesen Weg empfehlen müssen. Jedes Entgegenkommen sollte irgendwann seine Grenze haben.

Rohner: Anwälte, die genügend Arbeit haben, profitieren meines Erachtens nicht von Kampfscheidungen. Ich verdiene an Kampfscheidungen nicht mehr als an Konventionen, da ich im Stundenlohn abrechne.

Was empfehlen Sie grundsätzlich?

Rohner: Meistens lohnt es sich, wenn beide Parteien aufeinander zugehen und die Trennung/Scheidung friedlich regeln. Die Parteien können so bedeutende Gerichts- und Anwaltskosten sowie viel Zeit und emotionale Energie sparen. Wenn Kinder vorhanden sind, darf nicht vergessen werden, dass strittige Scheidungen für diese höchst belastend sind. Hier ist es an den Eltern, einen Schritt zurückzutreten und Verantwortung zu übernehmen.

Schmid: In der Regel ist es am kostengünstigsten, wenn beide Parteien sich zusammen von einer Fachperson beraten lassen und mit dieser eine Konvention ausarbeiten. Dies kann auch im Rahmen einer Mediation geschehen. In der Mediation erarbeiten die Parteien ihre Konvention selbstständig, der Mediator leitet die Gespräche. Wir halten es in unserem Büro oft so, dass wir eine Mischform zwischen Beratung und Mediation anbieten. Um gut verhandeln zu können, müssen die Parteien in etwa wissen, was ihnen zusteht.

Besonders bitter ist es meist für den verlassenen Partner.

Schmid: Er sollte sich möglichst schnell eine Krisenbewältigungsstrategie zurechtlegen, damit er handlungsfähig bleibt. Dazu gehört eine gute rechtliche Fachberatung sowie Hilfe auf der psychologischen Ebene. Wir machen gute Erfahrungen mit unserem auf Achtsamkeit basierenden Konzept.

Rohner: Anja Schmid hat letztes Jahr eine Ausbildung in Achtsamkeit absolviert. Weiter haben wir bürointern mit Danièle Zatti zusätzlich einen sehr guten Coach. Trotz aller Hilfe muss man sich aber letztlich bewusst sein, dass eine Trennung und Scheidung meistens sehr schmerzhaft ist.

Was war in Ihrer Praxis ein besonders abschreckendes Beispiel?

Rohner: Nach dem Auszug der Kinder verliess eine Frau den Ehemann. Sie suchte immer wieder das Gespräch zwecks schriftlicher Regelung des Getrenntlebens. Das Paar lebte schliesslich über sechs Jahre getrennt, ohne schriftliche Trennungsvereinbarung. Der gutverdienende Mann hatte ihr während der Trennung nur einen kleinen Unterhalt überwiesen, der zusammen mit ihrem Einkommen ihr Existenzminimum knapp deckte. Obwohl sie damit nicht einverstanden war, hatte die Ehefrau nie die Kraft gefunden, den ihr zustehenden Anspruch auf den früheren Lebensstandard mit Hilfe des Gerichts feststellen zu lassen. Das Gericht entschied bei der Scheidung, dass der während der langen Trennungszeit gelebte tiefe Lebensstandard der Frau massgebend war für die Bemessung des nachehelichen Unterhalts. Ihr langes Zögern und ihre Angst vor einem Streit führten schlussendlich dazu, dass sie nur einen minimalen Unterhalt zugesprochen bekam.

Und ein besonders gutes Beispiel?

Schmid: Gute Beispiele sind alle Paare, die es schaffen, zusammen eine Lösung zu finden, die sie vom Inhalt her verstehen und als fair empfinden. Für uns sind es immer wieder schöne Momente, wenn Paare, auch wenn sie teilweise heftig gestritten haben, im Sitzungszimmer schlussendlich eine Konvention unterschreiben, sich anschliessend die Hand geben und finden: «Das haben wir trotz allem gut hinbekommen.»

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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