Aarau

E-Hockey: Doppelpass zwischen Rollstühlen

Junge Menschen aus dem Aargau spielen Elektro-Rollstuhl-Hockey

Junge Menschen aus dem Aargau spielen Elektro-Rollstuhl-Hockey

Sport und körperliche Behinderung schliessen sich keineswegs aus – die Aarauer zeka-Rollers machen es vor. Elektro-Rollstuhl-Hockey nennt sich das wenig bekannte Spiel, dass von jugendlichen Rollstuhlfahrern gespielt wird.

Ben ist ein Filigrantechniker. Den Schläger in der einen Hand, den Joystick in der anderen, dreht er seinen Rollstuhl geschickt im Kreis und schlägt den Ball an den Gegenspielern vorbei ins Tor.

Nicht nur Ben ist begeistert. Auch Daniel freut sich jeweils schon zu Wochenbeginn auf das Donnerstags-Training der zeka-Rollers (siehe Kasten): «Mir gefällt, dass man sich hier so gut austoben kann», sagt der 10-Jährige.

Elektro-Rollstuhl-Hockey

Elektro-Rollstuhl-Hockey nennt sich das wenig bekannte Spiel, zu dem sich an diesem Abend zehn Jugendliche eingefunden haben. Gespielt wird fünf gegen fünf. Die Regeln sind mit einigen Anpassungen dem Unihockey entnommen. Karambolagen sind nicht erlaubt, ebenso darf der Ball aus Sicherheitsgründen mit dem Schläger nicht berührt werden, wenn er unter einen Rollstuhl gerät.

Die wichtigste Regel besteht jedoch in der Teilnahmeberechtigung, wie Beatrice Bürgisser, die Leiterin des Trainings, erklärt: «Mitspielen darf nur, wer körperlich nicht dazu in der Lage ist, andere Sportarten auszuüben.» Dies hat nicht zwangsläufig zu bedeuten, dass jemand auch im Alltag an den Rollstuhl gebunden sein muss. «Alle aber leiden an einer bestimmten Körperbehinderung», so Bürgisser. Einige der Jugendlichen haben Muskelkrankheiten, andere sind cerebral gelähmt, nochmals andere können zwar gehen, verfügen aber über einen Herzfehler, der ihnen die sportliche Betätigung ohne Rollstuhl verunmöglicht.

Weite Anreise zum Training

Weil es in der Schweiz bis jetzt nur 13 E-Hockey-Teams gibt, reist Ben Wadley jeweils mit seiner Mutter aus dem baselländischen Münchenstein an. Ben leidet seit Geburt an Muskeldystrophie, einer Art Muskelschwund. Heute sitzt er zum ersten Mal in einem speziellen Sportrollstuhl. Seine Füsse sind durch eine Eisenverschalung geschützt, damit sie auch bei einem allfälligen Zusammenstoss unversehrt bleiben. An der Rückenlehne ist die Nummer 50 montiert, seine Spielernummer am Swisscup, dem jährlichen nationalen E-Hockey-Highlight. Stolz nennt Ben die Eckdaten seines Gefährts: «Mit den fünf Gängen kann ich maximal 15 Stundenkilometer schnell fahren.»

Gesponserte Sportrollstühle

Die Sportrollstühle sind eine Investition. An die 15000 Franken kostet ein Exemplar. Dank Spenden können sich die zeka-Rollers ab und zu neue Sportrollstühle anschaffen. Einige Jugendliche müssen sich aber nach wie vor mit gewöhnlichen und weniger wendigen IV-Rollstühlen begnügen.

So zum Beispiel auch der Torwart Liridon Gashi. Der 20-Jährige leidet ebenfalls an einer Muskeldystrophie, im Unterschied zu Ben aber bereits in fortgeschrittenem Stadium. Seine Muskeln sind so geschwächt, dass er keinen Schläger mehr halten kann. Dank einem Festschläger, der vorne an seinem Rollstuhl angebracht ist, kann er trotzdem mittun. Dreht Liridon seinen Rollstuhl, vermag er den Ball in die gewünschte Richtung zu beschleunigen.

Stärkt die Solidarität

Die E-Hockey-Regeln sehen vor, dass in jedem Team mindestens zwei Spieler mit Festschläger spielen müssen. Bürgisser zufolge stärkt dies die Solidarität unter den Jugendlichen. «Schwächere werden so automatisch ins Team integriert.»

Mittlerweile ist auch Michel Joye im Training eingetroffen. Der Ergotherapeut hat die zeka-Rollers im Jahr 2003 gegründet. Nach wie vor ist er vom E-Hockey-Spiel begeistert: «Die Jugendlichen sind im Alltag oftmals so stark betreut, dass sie gar nicht mehr wissen, wozu sie überhaupt fähig sind. Die Erfolgserlebnisse mit dem Ball geben ihnen ein Gefühl für ihre Fähigkeiten zurück.»

E-Hockey macht durstig. Beatrice Bürgisser reicht Liridon den Eistee mit einem Röhrchen, damit er ihn selber trinken kann. Nach einem tiefen Schluck geht das Spiel weiter. Als Torwart verteidigt Liridon seinen Kasten mit Bravour. Als er einen Ball abzuwehren versucht, gerät dieser unter ein Rad. Liridon muss grinsen.

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