Aarau
Droht dem «Mordschlapf» wegen der Feuerwerk-Initiative das Ende?

Die Feuerwerksinitiative will Knallerei weitgehend verbieten. Doch die gehört bei Anlässen wie dem Maienzug, dem Freischarenmanöver oder dem Bachfischet einfach dazu

Katja Schlegel
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Der Artillerieverein Aarau feuert zum Auftakt des Maienzug-Vorabends die Kanonen ab.Jiri Vurma

Der Artillerieverein Aarau feuert zum Auftakt des Maienzug-Vorabends die Kanonen ab.Jiri Vurma

Jiri Vurma

Auch wenn einem vor Schreck fast das Weissweinglas aus der Hand fällt – die Kanonenschüsse gehören zum Maienzug-Vorabend in Aarau dazu. Dutzende versammeln sich auf der Zinne bei der Stadtkirche, schauen mit ängstlich-gespannter oder freudiger Miene den Mannen vom Artillerieverein zu, wie sie das Schwarzpulver in die Kanonen stopfen und abfeuern.

23 Mal, für jeden Kanton ein Schuss. Am Morgen danach krachen die Kanonenschüsse beim Alpenzeiger, fegen die Schlafkappen für den Umzug aus den Federn. Am Bachfischet warten die Kinder sehnsüchtig auf den Mordschlapf nach dem Umzug. Und was wäre ein Lenzburger Freischarenmanöver ohne Knallerei?

Undenkbar, darüber muss man nicht diskutieren. Wenn da nicht die Abstimmung über die Feuerwerksinitiative vor der Tür stehen würde. Am 8. März stimmen die Aargauer darüber ab, ob Feuerwerk verboten wird – mit einer dreistündigen Ausnahme für die 1.-August-Feiern.

Ausnahmen vom Verbot gelten für «besondere öffentliche Anlässe». Hier soll der Regierungsrat Ausnahmen bewilligen können. Aber auch da wären nur Feuerwerke «ohne Knallkörper» erlaubt.

Laut den Initianten wären Böllerraketen, Feuerwerkskörper, die mit einem Schlussknall ein Feuerwerk beenden, sowie Knallkörper, deren Zweck hauptsächlich darin besteht, eine Detonation oder einen grossen Knall zu erzeugen, verboten. Was bedeutet das für den Maienzug, das Freischarenmanöver oder den Bachfischet?

Nicht der Knallerei willen

Eine klare Antwort darauf zu finden, gestaltet sich nicht einfach. Balz Bruder, Leiter Kommunikation beim kantonalen Departement Gesundheit und Soziales, geht davon aus, dass die Knallerei beim Freischarenmanöver Lenzburg beispielsweise einer «Darstellung historischer Geschehnisse vor authentischer Kulisse» dient und nicht der Knallerei um der Knallerei willen.

Weil hier nicht pyrotechnische Knallkörper abgefeuert werden, bleibt das erlaubt. Das Gleiche gelte auch für Böllerschüsse aus Kanonen am Maienzug in Aarau oder bei Fronleichnamsprozessionen im Freiamt, so Bruder. Entscheidend sei, womit der Knall erzeugt werde: «Bei den Kanonenböllern handelt es sich nicht um Feuerwerkskörper im Sinn der Sprengstoffverordnung, die die Initiative verbieten will», so Bruder.

Der Ausdruck täuscht

Und was ist mit dem Mordschlapf nach dem Bachfischet? Hans-Urs Ackermann, seit über zehn Jahren Feuerwerksmeister bei der Heinerich-Wirri-Zunft, gibt Entwarnung. Denn der Begriff «Mordschlapf» täuscht. Einst tatsächlich ein fulminanter Schlussknaller, hat sich der Mordschlapf in den Jahrzehnten gemausert. «Der Mordschlapf ist kein spezieller Schlussknall zum Ende des Feuerwerks mehr, sondern die Bezeichnung für das gesamte Feuerwerk», so Ackermann. Er gehe deshalb davon aus, dass der Mordschlapf als «besonderer öffentlicher Anlass» bewilligt wird und wie bis anhin stattfinden kann – selbstverständlich unter Berücksichtigung aller geltenden Bestimmungen.

An ein Bachfischet ohne finalen Mordschlapf, daran will Ackermann gar nicht erst denken. «Der Mordschlapf ist ein Bestandteil des Bachfischet, genauso wie das Verbrennen der Ruten nach dem Umzug. Würde man das verbieten, würde ein Teil der Tradition fehlen.» Er habe als Kind jeweils sehnsüchtig auf das Feuerwerk gewartet. «Man würde nicht nur den Traditionalisten, sondern insbesondere den Kindern etwas wegnehmen.»

Sollten alle Stricke reissen, bliebe den Aarauern immerhin ein Hintertürchen: Weil die Knallerei nur auf Kantonsgebiet verboten wäre, könnte man im Notfall ein paar hundert Meter weiter bei den Solothurner Nachbarn um Gastrecht bitten. Zum Glück sind ja die Kanonenschüsse über weite Distanzen hörbar.