Bezirksgericht Aarau

Drogensüchtiger und Heroinhändler – gibt ihm das Gericht noch eine Chance?

Heroinsüchtiger setzt sich eine Spritze. (Symbolbild)

Heroinsüchtiger setzt sich eine Spritze. (Symbolbild)

Der Heroindealer, der vor kurzem auf der Anklagebank des Bezirksgerichts Aarau sass, ist ein kleiner Fisch. Er war selber ein Süchtiger und verkaufte Drogen an andere Süchtige. Heute ist er in einem Methadonprogramm.

Marco (Name geändert) war ein Drogensüchtiger. Um sein Heroin zu finanzieren, verkaufte er die Droge auch an andere Süchtige.

Immer in Aarau, obwohl er nicht dort wohnt. Manchmal an der Bushaltestelle, manchmal beim Stauwehr, aber meist im Kasinopark.

Dieser Park liegt gleich gegenüber dem Bezirksgericht Aarau. Dort sass Marco kürzlich. Angeklagt wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz. Der Oberstaatsanwalt forderte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten.

Marco, ein schlanker, unauffälliger Typ. Er ist heute in einem Methadonprogramm und hat einen Temporärjob mit Aussicht auf Festanstellung.

2004 schon verurteilt

Es ist nicht das erste Mal, dass er vor einem Richter sitzt. Bereits 2004 wurde er verurteilt wegen Handels mit Heroin. Seine Strafe wurde damals zugunsten einer Massnahme aufgeschoben.

Marco war lange clean. Dann verlor er in kurzer Zeit die Freundin, die Arbeitsstelle und die Wohnung. Er flüchtete sich wieder ins Heroin.

Zuerst konnte er es aus seinen Ersparnissen finanzieren. Ende März 2012 waren diese aufgebraucht. Er begann, Heroin zu verkaufen, um sich seinen eigenen Konsum und den Lebensunterhalt zu finanzieren.

Zu dieser Zeit erhält er von einem Drogenhändler, dessen Namen er der Polizei nicht genannt hat, 20–25 Gramm Kokain auf Kommission. Er verkauft in Aarau 13–18 Gramm, erzielt einen Erlös von 750 Franken, den er dem Drogenhändler abliefert. Den Rest konsumiert er selber.

Der Händler gibt ihm beim nächsten Mal 200 Gramm Kokain auf Kommission. Er füllt es in kleine Portionen ab. Als er auf dem Weg zu einem Kunden ist zum Stauwehr in Aarau, wird er von der Polizei angehalten und fliegt auf.

Eine seiner Kundinnen ist eine 44-jährige Frau, die vor Gericht als Zeugin aussagt. Sie schreibt Marco SMS mit dem Inhalt: «Kann ich um 18 Uhr anrufen wegen 1 und 2.» Oder: «16.15 Uhr in Aarau. Gehen wir was trinken? Hätte auch Lust auf zwei Glacékugeln.»

Gerichtspräsidentin Bettina Keller will wissen, ob damit tatsächlich Glacékugeln gemeint sind oder nicht eher Drogen. Die 44-Jährige sagt: «Glacékugeln». Und freut sich darauf, das Zeugengeld abzuholen. Bevor sie aus dem Gerichtssaal geht, gibt sie Marco drei Küsschen vor den Richtern. «Machs guet», sagt er.

Auf gutem Weg

Gegenüber dem Gericht ist Marco eher wortkarg, manchmal sogar arrogant. Seine Verteidigerin bat darum, den positiven Weg, den Marco beschritten hatte, nicht mit einem Gefängnisaufenthalt zu unterbrechen. Marco habe Heroin verkauft, weil er selber süchtig war, nicht aus Gewinnsucht heraus. «Er war das letzte Glied in der Drogendealerszene.»

Nun sei er auch dank der Unterstützung der Familie auf einem guten Weg. Der Vertrag für eine Festanstellung liege auf dem Tisch.

Das Gericht gab ihm die Chance. Es sprach ihn zwar schuldig der qualifizierten Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz. Sprach eine Strafe von 14 Monaten Freiheitsstrafe aus – allerdings bedingt, dafür mit einer Probezeit von drei Jahren.

Gerichtspräsidentin Keller begründete damit, dass Marco beabsichtigt habe, eine beträchtliche Menge Heroin zu verkaufen, und nur durch die Polizei gestoppt worden sei.

Das Gericht wollte ihm aber die Chance geben, sich zu bewähren. Doch sollte er rückfällig werden, gebe es beim nächsten Mal sicher keine bedingte Strafe mehr. «Wir wünschen Ihnen, dass das nicht passiert.»

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