Messerschmiede Dober
Drinks statt Messer: Im Oktober wird Aarau um eine Bar reicher sein

Seitdem bekannt ist, dass die Messerschmiede an der Pelzgasse schliesst, rennen die Kunden den Dobers den Laden ein. Die Enkel feilen derweil am Konzept für das Nachfolgeprojekt – einem Bubentraum.

Katja Schlegel
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Eine Bar in der einstigen Messerschmiede: die Gebrüder Andreas (sitzend) und Patrik Dober sind ihrem Ziel einen Schritt näher gekommen. Archivbild: Chris Iseli

Eine Bar in der einstigen Messerschmiede: die Gebrüder Andreas (sitzend) und Patrik Dober sind ihrem Ziel einen Schritt näher gekommen. Archivbild: Chris Iseli

Chris Iseli

Hinten in der Werkstatt ist die Luft irgendwie dunstig. «Schleifstaub», sagt Theo Dober und schiebt mit dem Besen ein Häufchen Dreck auf die Schaufel. Dann hängt er den blauen Kittel an die Werkbank. Feierabend. Arbeiten müsste er ja schon seit über 20 Jahren nicht mehr. Aber Theo Dober winkt ab. «Die Arbeit ist ja nicht streng, das macht mir nichts aus.» Vorne im Laden geht regelmässig die Türglocke. Jetzt, da bekannt ist, dass die Messerschmiede Dober bald schliesst, rennen die Kunden den Laden ein. «Sogar die Ladenhüter gehen jetzt weg», sagt Urs Dober, der aktuelle Geschäftsführer.

Noch dauert es ein paar Monate bis zur Schliessung. Erst Mitte Juni soll es so weit sein. Der Laden und die Werkstatt sind noch voll eingerichtet. Da stehen die Schleifmaschinen, da hängen die Polierscheiben aus Filz an der Wand, da stehen Flaschen mit Putzsprit, Öl, Seife. Dazwischen reihen sich alte Möbel mit vielen kleinen Schubladen, so alt wie der Laden selbst. 1957 haben Theo und Monika Dober das Geschäft an der Pelzgasse eröffnet, nachdem Theo zehn Jahre lang an der Rathausgasse bei einem Messerschmied gearbeitet hatte. An der Pelzgasse arbeiteten und lebten die beiden, zogen ihre Kinder in der Wohnung im Obergeschoss gross. Jetzt ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Messerschmiede braucht es keine mehr. Wer ein stumpfes Messer hat, schmeisst es fort und kauft ein neues.

Wechsel im Sinne der Familie

Es ist ein wehmütiger Abschied, aber kein plötzlicher. Die Schliessung des Ladens hat sich schon lange abgezeichnet. Jetzt, da auch Sohn Urs Dober ins Rentenalter gekommen ist, wird er definitiv. Und doch ist es kein richtiger, kein endgültiger Abschied. Die Messerschmiede Dober bleibt in Dober-Hand: Die Enkel Andreas und Patrik Dober, 25 und 28 Jahre alt, übernehmen die Geschäftsliegenschaft. Sie schleifen hier aber keine Messer mehr und verkaufen keine Sackmesser, sondern schenken Cocktails aus und servieren dazu Häppchen. Aus der Messerschmiede wird ein Lokal für Geniesser. Die Auflagefrist für das Umnutzungsgesuch ist gestern abgelaufen, Einsprache hat es Stand gestern eine gegeben.

Dass die Geschäftsliegenschaft für ein Projekt aus der Familie genutzt wird, ist gewollt und wird von allen mitgetragen. «Wir haben als Familie verschiedene Ideen angeschaut», sagt Patrik Dober, Projektleiter bei den SBB. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise gewesen, dass die Eltern Lotti und Kurt Dober, die den Catering-Service «Querbeet» betreiben, hier ein Lokal für geschlossene Gesellschaften eröffnen. Das Rennen machte dann aber doch die Idee der Jungmannschaft: «Das ist ein Bubentraum, den wir uns hier verwirklichen», sagt Patrik Dober. Gemeinsam mit den vier Kollegen aus der Schulzeit – Raphael Fischler, Tobias Niklaus, Peter Osterwalder und Flavio Brockmann – wollen die Brüder Dober eine GmbH gründen und das Lokal führen. Zwei von ihnen haben bereits Gastroerfahrung, die anderen vier wollen die Barfachschule noch besuchen. Patrik Dober wird zusätzlich noch das Wirtepatent machen.

Die sechs Freunde sind in Aarau gut verwurzelt und kennen die Gastroszene in- und auswendig – wenn auch bisher nur als Konsumenten. «Wir wissen ganz genau, woran es in Aarau fehlt und was man aus unserer Sicht besser machen kann», sagt Wirtschaftsstudent Andi Dober, der nebenbei noch bei einer Bank arbeitet. Deshalb sollen bei ihnen auch die Kundenwünsche einen hohen Stellenwert haben. «Liebe zum Detail und ein individuelles Angebot liegen uns am Herzen.» Wer einen Drink beispielsweise mit einer anderen Zutat will, soll diesen auch bekommen. Die Karte soll ausserdem nicht gross sein, sondern übersichtlich und saisonal. Zu den Drinks wird jeweils ein kleines Häppchen serviert, schliesslich hat die Crew ja eine Cateringfirma im Rücken.

Keine Radau-Bar

Als Premium-Bar sehen sie sich aber nicht, vielmehr als stilvolles Qualitätslokal mit marktüblichen Preisen und dem gewissen Etwas dazu. «Unser Konzept ist so ausgerichtet, dass wir keinem anderen Barbetreiber ins Gärtchen treten», sagt Patrik Dober. Und auch die Nachbarn müssten sich nicht sorgen, versprechen die beiden: «Das Lokal wird keine Radau-Bar, sondern ein Ort, an dem man gepflegt was trinken kann», sagt Andi Dober. Wegen Lärm Probleme mit den Nachbarn zu bekommen, könne man sich gar nicht leisten. Schliesslich sind die sieben Wohnungen im Haus vermietet – und die Vermieter sind die Grosseltern Dober.

Den bisherigen Job an den Nagel hängen will vorläufig keiner der sechs, das Lokal soll eine Herzensangelegenheit sein. «Wir werden zu Beginn nur am Freitag- und Samstagabend offen haben», sagt Patrik Dober. Dann werden sich die sechs hinter der Bar abwechseln. Sobald das Geschäft angelaufen ist, wollen sie Personal einstellen und die Öffnungszeiten erweitern. Optisch soll das Lokal übrigens weiterhin an die Schleifwerkstatt erinnern. So wird der heutige Verkaufstresen zur Bar umgebaut, die Schubladenmöbel werden integriert und auch die Schleifscheiben an den Wänden werden in die Dekoration eingebunden. Den Umbau wollen sie hauptsächlich in Eigenregie stemmen. Kann die Einsprache bereinigt werden, bleiben nach der Schliessung im Juni und der Räumung des Ladens noch knapp drei Monate bis zur geplanten Eröffnung im Oktober. Alles ist geplant und besprochen – nur der Name des Lokals, da sind sich die sechs noch nicht einig.