Aarau
Dreist: Jetzt sind Diebe schon in Altersheimen unterwegs

Fritz Stettler (Name geändert) ist ein hochbetagter, aber noch immer rüstiger Mann. Und er ärgert sich darüber, dass Trickdiebinnen bei ihm so leichtes Spiel hatten. Denn immerhin ist Stettler ein ehemaliger Polizist.

Adrian Hunziker
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In diesem engen Lift wurde der 93-Jährige bestohlen. Ahu

In diesem engen Lift wurde der 93-Jährige bestohlen. Ahu

«40 Jahre lang war ich bei der Kantonspolizei tätig und jetzt bin ich so plump reingefallen», sagt Fritz Stettler. Trotz Ärger kann er nun auch über den Vorfall lachen. «Ich habe ja keinen Ruf mehr zu verlieren», meint er. Trotzdem will er anonym bleiben. Doch was ist genau passiert?

Ende letzten Jahres kam Stettler zusammen mit seiner 89-jährigen Frau zurück in die Alterssiedlung neben dem Alters- und Pflegeheim Herosé in Aarau. Er war zuvor auf der Post und auf der Bank. «Als wir zur Eingangstüre kamen, standen zwei Frauen vor den Klingeln und taten so, als suchten sie nach einem Namen», schildert Stettler die Situation. Die jungen Damen waren gut gekleidet und sahen nett aus. «Ich hatte kein ungutes Gefühl. Wenn sie schlecht gekleidet gewesen wären, hätte ich vielleicht Hintergedanken gehabt», sagt der Pensionär. Die Frauen sagten kein Wort, hatten aber einen fremdländischen Einschlag.

Von beiden Seiten flankiert

Als die Stettlers das Wohnhaus betraten, folgten ihnen die Frauen. Im Lift flankieren sie das ältere Ehepaar von beiden Seiten. «Der Lift ist sehr eng. Diese Platzverhältnisse haben die Damen ausgenützt. Es war Körperkontakt da», erklärt der ehemalige Polizist. Den Augenkontakt im Lift taxiert Stettler heute so: «Es war ein Engelsblick mit Teufels Augen!»

Denn als die Stettlers in ihrer Wohnung waren, bemerkte der 93-Jährige, dass das Couvert, das er in der Innentasche der Jacke hatte, verschwunden war. Eine der Frauen muss während der Liftfahrt in die halb geöffnete Jacke gegriffen und den Briefumschlag mit insgesamt 2600 Franken aus der Tasche geangelt haben. «Mir geht es nicht um den Geldbetrag. Mir geht es um die Art und Weise, wie alte Herrschaften ausgenutzt werden. Darum habe ich mich an die Medien gewandt», so Stettler. Er will mit seiner Geschichte andere ältere Personen davor warnen, auf ähnliche Situationen hereinfallen: «Die Alten sind einfach zu leichtgläubig und gutmütig. Das wurde mir zum Verhängnis.»

Nicht das einzige Opfer

Dass Stettler nicht der einzige ausgenutzte Senior ist, kann Markus Fontana bestätigen. Er ist Abteilungsleiter Alter der Stadt Aarau: «Trickdiebstähle wie bei Herrn Stettler gibt es selten. Einschleichdiebstähle sind da schon häufiger. Die sind bei uns im Alters- und Pflegeheim Herosé ein Problem.» Fontana will 2012 sein Personal für dieses Thema sensibilisieren. Den Bewohnern rät er, die Zimmer immer abzuschliessen und wenig Bargeld und Schmuck auf sich zu tragen. «Das gilt für die Bewohner des Alters- und Pflegeheims sowie der Alterssiedlung», so Fontana.

Wovor sich die Pensionäre aber am meisten in Acht nehmen müssten, seien Entreiss-Diebstähle draussen. «Wenn Trickdiebe in ein Altersheim gehen, setzen sie sich immer einem Risiko aus. Darum sind Entreiss-Diebstähle zum Beispiel am Bahnhof viel verbreiteter», erklärt Roland Pfister, Infochef der Aargauer Kantonspolizei.

Dass Stettler seine 2600 Franken wieder bekommt, damit rechnet er nicht: «Ich habe zwar eine Anzeige bei der Polizei gemacht, aber die kann jetzt nichts machen. Erst wenn ein Dieb auf frischer Tat ertappt wird, kann man ihm eventuell Delikte nachweisen. Doch das Geld ist dann nicht mehr da.» Neben dem beträchtlichen Bargeldbetrag befanden sich in Stettlers entwendetem Couvert Briefmarken im Wert von 20 Franken. «Als meine Tochter das erfuhr, schickte sie mir kurz darauf einen Brief, in dem Briefmarken im Wert von 20 Franken drin waren. Diese habe ich also wieder bekommen», lächelt der rüstige Senior.