Aarau

Drei Raubüberfälle in einer halben Stunde: Beschuldigter steht nicht zum ersten Mal vor Gericht

Sackmesser-Räuber von Aarau vor Gericht

Sackmesser-Räuber von Aarau vor Gericht

Drei Mal versuchte ein Räuber im letzten August mit einem Sackmesser an Geld zu kommen. Er scheiterte aber jedes Mal, unter anderem an einer Lehrtochter in einem Blumenladen in Aarau. Nun muss er sich vor Gericht für seine Taten verantworten.

Mit einem Messer überfiel ein Mann den Linder Blumen in Aarau, danach Migros und Coop. Nun musste er sich vor dem Bezirksgericht Aarau verantworten.

Kurz nach Feierabend betritt ein Mann das Blumengeschäft Linder am Aarauer Bahnhof. Es ist ein Freitagabend im August 2019, im Verkaufsraum bindet eine Angestellte einen Strauss. Doch der Mann will keine Blumen, sondern Geld. Er hat ein Sackmesser dabei und streckt die Klinge in Richtung Hals der Angestellten. «Mached Sie d Kasse uf», fordert der damals 33-jährige Schweizer mit lauter Stimme. Die Angestellte denkt gar nicht daran: Schlagfertig behauptet sie, die Lehrtochter zu sein und nicht zu wissen, wie die Kasse aufgehe. Der Räuber wiederholt seine Forderung mehrmals, doch die Angestellte rührt die Kasse nicht an.

Angelockt von den lauten Stimmen kommt der Geschäftsführer, Mathias Baumberger, aus dem Büro im oberen Stock über die Treppe in den Verkaufsraum hinunter. Sofort wendet sich der Mann mit dem Messer ihm zu, richtet die Klinge gegen Baumberger. «Natürlich hatte ich Angst», sagt Mathias Baumberger rückblickend. Er entschliesst sich dennoch intuitiv – wie seine Angestellte – der Forderung des Räubers nicht nachzugeben. Baumberger weigert sich wiederholt, die Kasse zu öffnen, und versucht, mit ruhiger Stimme die Situation zu entschärfen. «Schliesslich gelang es mir und meiner Angestellten, Abstand zum Mann zu gewinnen», sagt er. Unter einem Vorwand verschwinden sie über die Treppe ins Büro im ersten Stock, wo sie sich einschliessen und die Polizei rufen, welche sie nach wenigen Minuten erlöst.

Drei Überfälle in einer halben Stunde

Der Mann mit dem Messer war da schon weg. Er brauchte dringend Geld, wie er vor dem Bezirksgericht Aarau erklärt. Wenige Monate zuvor war er aus dem Gefängnis entlassen worden. «Ich habe über meine Verhältnisse gelebt», sagt er. Mit einem Raubüberfall wollte er gegen den finanziellen Engpass angehen. Er habe nicht auf den grossen Coup gehofft; 1000 bis 2000 Franken. Deshalb habe er den Blumen­laden überfallen. Nachdem dies jedoch gründlich misslungen war, machte er sich auf in die Igelweid. Dort probierte er es bei einer Kassierin der Migros. Er klopfte mit der Messerklinge auf die Kasse und verlangte Geld. Die Frau sagte, die Kasse würde nicht funktionieren. Wie vor Gericht auskam, soll der Räuber danach seufzend die Migros verlassen haben. Um gleich nebenan den Coop heimzusuchen.

Innerhalb von zirka einer halben Stunde begann er dort seinen nächsten Raubversuch: Eine Coop-Kassierin war gerade dabei, Geld zu zählen. Als sie das Messer sah, machte sie erschrocken einen Schritt zurück. Der Räuber griff in die Kasse und flüchtete mit einer Handvoll Banknoten nach draussen. Wo er wenig später von einer Polizeipatrouille aufgegriffen wurde. Von den 1660 erbeuteten Franken fehlten 330, die er vermutlich auf der Flucht verloren hatte.

Vor Gericht stritt der Beschuldigte aus der Region Aarau den Raub und die Raubversuche nicht ab. Routiniert beantwortete er die Fragen von Gerichtspräsidentin Karin von der Weid. Es war nicht sein erstes Mal vor Gericht. Er ist viermal vorbestraft, sein Vorstrafenregister mehrseitig. «Das ist horrend», sagte von der Weid. «Sie sind ja noch jung!» Der Beschuldigte konnte auch nicht recht erklären, wie es so weit kommen konnte. Im März 2019 wurde er aus der Haft entlassen, die Raubüberfälle fanden nur wenige Monate später statt. Seine Lebensziele; Schulden in der Höhe von 100'000 Franken zu tilgen und deliktfrei zu leben, wirkten sehr fern.

«Mir ist klar, dass ich nicht Astronaut oder Banker werde», sagte er. Aber mit der Metzgerlehre hatte es damals auch nicht geklappt. Oder mit dem Aushilfsjob auf dem Bauernhof. Der Beschuldigte gibt ein Bild eines Mannes ab, der vor längerem auf die schiefe Bahn geraten war. Der jedoch keine ausserordentlichen Anstrengungen unternahm, um diese wieder zu verlassen. Vorerst einmal geht es zurück ins Gefängnis: Das Bezirksgericht verurteilte ihn wegen Raubes und eines Diebstahls in einem anderen Zusammenhang zu 27 Monaten Gefängnis.

Mathias Baumberger war am Prozess anwesend. Für ihn ist diese Geschichte mit dem Urteil abgeschlossen. «Ich hege keinen Groll», sagt er. «Vielmehr bedaure ich, dass Menschen in gewissen Situationen keinen anderen Weg sehen, als eine Straftat zu begehen.»

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