Aarau
Drei Nelken für General Guisan

Ein aktuelles Baugesuch hat bei Heidi Wehrli (88) Erinnerungen an ein ganz spezielles Treffen geweckt.

Katja Schlegel
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Knapp 78 Jahre ist es her, seit Heidi Wehrli vor diesem Haus an der Westallee in Aarau überraschend auf den General traf.Mario Heller

Knapp 78 Jahre ist es her, seit Heidi Wehrli vor diesem Haus an der Westallee in Aarau überraschend auf den General traf.Mario Heller

Mario Heller

Plötzlich steht da diese Limousine. In dieser Strasse, in der Westallee, in der kaum je ein Auto durchfährt, höchstens einmal der Krankenwagen auf dem Weg zur kantonalen Krankenanstalt. Ein Auto, so schön und prächtig und gross, wie es die Kinder aus dem Quartier noch nie gesehen haben, mit Weisswandreifen und Standarten beidseits der Kühlerhaube. Als der wachhabende Soldat der Kinderschar zuflüstert, wer mit diesem Auto zugefahren ist, macht die neunjährige Heidi kehrt und rennt los, so schnell wie sie kann.

Der geheimnisvolle Gast im Haus an der Westallee 2 ist kein Geringerer als Henri Guisan. Ein paar Wochen zuvor ist er zum General der Schweizer Armee gewählt worden. Es ist das Jahr 1939, der Herbst, in dem der Zweite Weltkrieg losbricht. Im Haus Nummer 2, das dem Chirurgen, Politiker und Kommandanten der 5. Division, Eugen Bircher, gehört, ist ein Posten eingerichtet worden.

Heidi rennt nach Hause, an die Herzog-strasse. Da wohnt sie mit ihren Eltern und den vier Geschwistern oberhalb des Lebensmittelladens «Rudolf Widmers Nachfolger», das Mutter und Tante führen. In ihrem Zimmer schüttelt Heidi ihr Sparschwein aus, rennt mit den paar Batzen, die sie sich beim Vertragen der bestellten Ware verdient hat, zu Frau Nast vom gleichnamigen Blumengeschäft und kauft drei Nelken für den General.

Der Krieg war ständig präsent

«Ich war mir sehr wohl bewusst, wer der General war und welche Zeiten herrschten», sagt Heidi Wehrli-Zinniker heute, fast 80 Jahre später. Der älteste Bruder sei in der Rekrutenschule gewesen und der Vater im Aktivdienst, da sei am Familientisch viel politisiert worden.

«Auch die Rationierung war ein Riesenthema», erinnert sich Heidi Wehrli. «Im Laden durften wir den Kunden nur verkaufen, wofür sie Marken hatten.» Eine Tafel Schokolade pro Monat, beispielsweise, dazu eine rationierte Menge Fett, Butter, Mehl, Öl und Reis. Ihre Schwester und sie hätten die Marken jeweils auf grosse Bögen aufkleben und im Kosthaus an der Südallee gegen grosse Händlermarken umtauschen müssen. «Mit den grossen Marken konnte dann die Tante wieder gegen zehn Kilogramm Zucker oder ein paar Liter Öl umtauschen.»

Heidi rennt zurück an die Westallee, in der Hand die drei Nägeli, und will mit den Nachbarskindern auf den General warten. «Da kam ein Offizier nach draussen und hat mich zu sich hergewinkt, ich solle die Blumen doch direkt dem Herrn General überreichen.» Dem neunjährigen Meitli rutscht das Herz in die Hose. «Ich stammelte noch, ich könne doch überhaupt kein Französisch, aber da war es schon zu spät», sagt Heidi Wehrli heute und lacht. Schon habe der Offizier sie die Treppe hochgeführt.

Wegen dem Schnauz gleich erkannt

Drinnen habe sie nur lauter uniformierte Männer gesehen. «Und ganz hinten an einem Tisch sassen die Herren Bircher und Guisan», erinnert sich Heidi Wehrli, den Mann mit dem Schnauz habe sie gleich erkannt. Über die Köpfe hinweg habe man sie zum General gereicht, sie habe ihm einfach die Blumen hingestreckt. «Er kam zu mir, gab mir die Hand und einen Kuss auf die Wange.» Noch Jahre später hätten sie die Brüder damit aufgezogen, dass sie sich danach eine Woche lang nicht mehr die Backe waschen wollte. Tage später bringt der Pöstler einen Brief vom General, in dem er sich für die schönen Blumen bedankt. «Wir haben den Brief auf dem Buffet aufgestellt», sagt Heidi Wehrli.

Wo der Brief heute ist, weiss Heidi Wehrli nicht mehr. Er ist verschwunden. So, wie auch das Haus an der Westallee verschwinden wird; an seiner Stelle soll ein Mehrfamilienhaus gebaut werden, das Baugesuch liegt aktuell auf. Als sie gelesen habe, dass dieses Haus abgerissen werden soll, habe sie alles wieder vor Augen gehabt, das Auto, die Blumen, den General. «Das ist das Schöne an guten Erinnerungen», sagt Heidi Wehrli und lächelt, «sie verschwinden nicht.»