Buchs

Drei Generationen: Im Reich der Holzflieger-Piloten

Urs Baumann (59) mit seinem allerersten selbst gebauten Flieger, einem Mustang. Um sich das Holz dafür leisten zu können, putze er das Schulhaus.Jiri Reiner

Urs Baumann (59) mit seinem allerersten selbst gebauten Flieger, einem Mustang. Um sich das Holz dafür leisten zu können, putze er das Schulhaus.Jiri Reiner

75 Jahre Modellfluggruppe und drei angefressene Baumanns: Grossvater Edi war Gründungsmitglied, Vater Harry ist eines der ältesten Mitglieder und Sohn Urs der Präsident.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Kaltleim trocken war. Eine Ewigkeit, in der keiner das Brett mit dem frisch geleimten Flügel auch nur anfassen durfte. Sonst hätte sich die filigrane Konstruktion verzogen, der Flügel wäre unbrauchbar gewesen, das sauer gesparte Geld und die Arbeit für die Katz. Doch wohin mit diesem Brett, bei drei Kindern im Haus? Der einzig sichere Ort: das Elternschlafzimmer. So sei seiner Grossmutter nichts anderes übrig geblieben, als mit dem Staubsauger unter dem Arm unter den Brettern hindurchzukriechen, sagt Urs Baumann und lacht.

Die Episode stammt aus den späten Dreissigerjahren, oft hat sie die Grossmutter zum Besten gegeben. Baumanns Grossvater Edi hatte zu dieser Zeit den Modellflug für sich entdeckt. Das Warenhaus Jelmoli verkaufte damals Baupläne, die die Modellbauer wie ein Schnittmuster brauchen und die Bauteile davon abpausen konnten.

Die Vierkant-Kiefernhölzchen schnitt sich der Grossvater mit einem scharfen Messer aus Abfallholz. 1939 gründete Edi Baumann zusammen mit fünf Gleichgesinnten – allen voran das Ehepaar Marie und Hans Inäbnit – die Modellfluggruppe Buchs, kurz MGB. Abend für Abend sassen sie im Baulokal an der Industriestrasse und werkelten an ihren Fliegern.

Riesengross und federleicht

75 Jahre ist das her. Heute ist Edis Sohn Harry Baumgartner mit 84 Jahren eines der ältesten Mitglieder der Modellfluggruppe und Enkel Urs Baumann mit 59 Jahren Präsident. Das Baulokal an der Industriestrasse gibt es längst nicht mehr; heute befindet es sich im Keller des Kindergartens an der Gysi-strasse. Die Gemeinde stellt es der MGB zur Verfügung. Baumann hat mit drei Kollegen ausserdem ein eigenes Bastelräumchen im Keller eines Mehrfamilienhauses in Unterentfelden, in dem es nach Waschpulver riecht.

Ansonsten ist es ein typisches Männer-Baulokal: Auf der Werkbank liegen übereinandergeschichtet Hölzchen, Baupläne, Geodreiecke und Schleifpapierbögen, die Schrauben und Muttern sind fein säuberlich sortiert. An den Wänden hängen Erinnerungsfotos, Wimpel und blutte Frauen, von der Decke baumelt das hölzerne Skelett eines Flugsauriers. Und natürlich stehen und liegen überall die Modellflieger; Doppeldecker und Segelflieger, mal mit Flügeln, mal ohne, riesengross und doch federleicht.

Ein Modell zu bauen verschlingt rasch bis zu 500 Arbeitsstunden, sagt Baumann. Die grossen Bauteile werden ausgesägt, geleimt, beplankt, geschliffen, bespannt, lackiert, die Elektronik eingebaut, der Flieger ausbalanciert – dann kommt der grosse Moment des Erstfluges. Alles machen die angefressenen Modellbauer selber. Eine Heidenarbeit. Bis zu drei Jahre kann es dauern, bis ein Modell fertig ist, schliesslich seien sie alle berufstätig, sagt Baumann. Für so ein Hobby muss man schon gemacht sein, oder? «Ganz recht», sagt Baumann, «man muss ein kleiner Spinner sein.» Aber er spinnt gern, er braucht das. Als Ausgleich zum hektischen Alltag. Sind die anderen Kollegen auch da, sei das eine glatte Runde. Ist er allein, hört er beim Bauen Hörspiele.

Es ginge natürlich auch einfacher. Heute kann man so ein Modell auch innert weniger Stunden zusammenbauen, die Bausätze gibt es fixfertig. Das sei eine gute Alternative in der heutigen schnelllebigen Zeit. Aber selber Bauen sei halt eine Passion. Der Vater hat es vom Grossvater gelernt, der Vater hat es an den Sohn weitergegeben. Mit elf Jahren hat Urs Baumann seinen allerersten Flieger gebaut. Für das Geld für Holz und Farbe hat er während der Sommerferien das Schulhaus geputzt. Zwischenzeitlich lenkten ihn Ausbildung, Autos und Mädchen von den Modellfliegern ab, aber seit 26 Jahren ist er dem Modellbau definitiv verfallen. Verlernt hat er es nicht, das Bauen. «Das ist wie Velo fahren, das lernt man als Kind und kann es ein Leben lang.»

Bauschlampereien gerügt

Als die MGB gegründet wurde, gab es noch nicht viele Modellbauer. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam die grosse Welle, die Gruppe hatte regen Zulauf. Weil ein Flieger damals noch keinen Motor hatte und Buchs keine Hügel, pedalten die Mitglieder nach Lostorf oder Hilfikon oder fuhren mit der Bahn ins Zürcher Oberland, schickten da ihre Flieger los. Es gewann, wessen Flieger am längsten in der Luft blieb. Während die Männer wetteiferten und die Flieger im Tal am Stück oder in Einzelteilen einsammelten, sassen die Frauen auf der Matte und strickten. Doch auch wenn die Geselligkeit stets ein wichtiger Teil war, so war die MGB nicht etwa ein Plauschverein. «Da herrschte Zucht und Ordnung», sagt Baumann und zeigt das Baureglement aus den Vierzigerjahren: Da wird festgehalten, dass der gemeinsame Baubetrieb wöchentlich zwei Stunden lang stattfinde. Obligatorisch natürlich. Ausserdem habe jedes Mitglied mindestens zwei vom Obmann für flugfähig befundene Modelle zu unterhalten. Schlampereien beim Bau wurden gerügt und schriftlich festgehalten.

Flieger zerstört und angezündet

Die Modellfluggruppe Buchs wurde eine feste Grösse an den Flugwettbewerben landauf, landab. Die schönen Modelle und den Erfolg mochte der Gruppe nicht jeder gönnen: 1948 brachen Halbstarke in das Baulokal ein, zerstörten alle Modelle und die Einrichtung und steckten es in Brand. Als in den Siebzigerjahren die ferngesteuerten Modelle aufkamen, liessen die Mitglieder ihre Flieger auf dem damals noch unbebauten Wynefeld in Buchs steigen. Später pachteten sie ein Stück Land in Seon. Heute noch trifft man die Modellfluggruppe dort, wenn auch auf einem anderen Fleck Land.

Eines hat die Modellfluggruppe Buchs in all den Jahren nie erlebt: Mitgliederschwund. Die Neuen kamen immer von alleine und in Scharen. Die Mitgliederzahl ist noch heute auf 110 begrenzt, der Boom ungebrochen. «Würden wir die Anzahl nicht begrenzen, hätten wir locker 500 Mitglieder. Das wäre aber viel zu viel», sagt Baumann. «Wir haben sogar eine Warteliste.» Einzig die Juniormitglieder müssen sich nicht gedulden, die sind immer herzlich willkommen.

Das Jubiläum feiert die Modellfluggruppe Buchs kommendes Wochenende mit einer Ausstellung im Gemeindesaal. Öffnungszeiten: Freitag, 18 bis 22 Uhr, Samstag, 9 bis 22 Uhr, Sonntag 9 bis 18 Uhr

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