Hausarzt
Dieses Doktoren-Ehepaar ist ein medizinischer Glücksfall für Küttigen

Der Hausarzt Beat Haldemann hat Nachfolger für seine Praxis gefunden. Ein aargauisch-tessinerisches Ehepaar.

Nadja Rohner
Drucken
Die Praxis von Hausarzt Beat Haldemann (rechts) wird in Zukunft von Daniel Rodriguez (Mitte) und seiner Frau Barbara Rodriguez-Frana geführt.

Die Praxis von Hausarzt Beat Haldemann (rechts) wird in Zukunft von Daniel Rodriguez (Mitte) und seiner Frau Barbara Rodriguez-Frana geführt.

Küttigen erhält einen neuen Hausarzt. Nachdem Rolf Hugentobler seine Praxistätigkeit Ende Oktober altershalber aufgab, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben, konnte Hausarzt Beat Haldemann gleich zwei neue Ärzte nach Küttigen locken: Das Ehepaar Daniel und Barbara Rodriguez-Frana übernimmt seine Praxis per 1. Januar. Ihr Vorgänger wird sie in der Anfangszeit noch in Teilzeit unterstützen.

Man hört Daniel Rodriguez’ Akzent noch an, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist, selbst wenn er es perfekt spricht (neben Italienisch, Spanisch und Portugiesisch). Er ist im Tessin aufgewachsen, ganz in der Nähe des Flughafens Agno bei Lugano. Fürs Studium ging er nach Basel und lernte dort seine Frau kennen, die aus Möhlin stammt.

Beide haben in diversen Praxen und Kliniken in der Nordwestschweiz gearbeitet. Seit 2009 leben sie im aargauischen Erlinsbach, hier gehen die beiden Töchter zur Schule, der erst wenige Wochen alte Sohn wird später folgen. «Wir fühlen uns sehr wohl hier – die nächsten dreissig Jahre zügeln wir nicht mehr», sagt Daniel Rodriguez. Nur mit dem Hochnebel kann sich das Ehepaar nicht so recht anfreunden.

«Es hat von Anfang an gestimmt»

Daniel Rodriguez arbeitet seit acht Jahren als Hausarzt, zuletzt in einer Solothurner Gruppenpraxis, die er mit aufgebaut und geleitet hat. Das Ärzteehepaar wollte aber eine eigene Praxis und hat lange in der Region gesucht.

Durch Zufall stiessen sie auf Beat Haldemann, der nach fast 34-jähriger erfolgreicher Tätigkeit seine Pensionierung plante. Innert kürzester Zeit war klar, dass das Ehepaar die etablierte Praxis übernehmen wird. «Es hat von Anfang an gestimmt», sagt Daniel Rodriguez.

Für die Küttiger ist das ein Glücksfall – es ändert sich nämlich kaum etwas. Ausser, dass das neue Ärztepaar zusammen ein etwas höheres Pensum bewältigen wird als Haldemann. Sie können deshalb nicht nur alle Patienten ihres Vorgängers übernehmen, sondern auch neue behandeln.

Das Leistungsangebot wird ausgebaut: Rodriguez bringt zusätzlich ein Ultraschallgerät mit und macht auch Strassenverkehrsamtsuntersuche für Berufschauffeure. Selbst die Akupunktur, die Beat Haldemann gemacht hat, soll weiter angeboten werden: «Meine Frau macht gerade die Ausbildung dafür», sagt Rodriguez.

«Wir werden zudem bei Bedarf Hausbesuche machen, auch wenn das längst nicht mehr alle Ärzte tun.» Zudem wird die Administrations-Infrastruktur modernisiert. Unter dem Strich bleiben die Investitionen überschaubar: «Wenn wir eine Praxis von null aufbauen müssten, wäre das viel teurer.»

Das Ehepaar freut sich auf die Selbstständigkeit. «Wir haben mehr Risiken, aber eben auch mehr Freiheiten», sagt Daniel Rodriguez. «Es ist toll, mal keine Marketingabteilung und keine Geschäftsleitung obendran zu haben.»

Er ist wie seine Frau Allgemeinmediziner aus Leidenschaft, obwohl man als Hausarzt weniger verdient als gewisse Spezialisten. «Wir schätzen die Bandbreite, es gibt nur ganz wenig Routine», sagt der Arzt. «Der Tag eines Orthopäden besteht zum Beispiel aus Knie-Knie-Hüfte-Knie-Schulter und Operationen. Bei uns ist das anders. Wir behandeln psychologische Leiden, Infekte, Diabetes, untersuchen Kleinkinder und beraten Reisende medizinisch. Das ist ein buntes, faszinierendes Bouquet.»

Spannend sei auch, den Patienten in seiner Gesamtheit zu sehen und sich nicht auf einen einzelnen Körperteil konzentrieren zu müssen. Das mache aber die Sprechstunde relativ unberechenbar und schwierig zu planen.

«Doktor Haldemann hat uns einen Tipp gegeben: Wir sollen genug Ferien machen», erzählt Rodriguez. «Viele ältere Kollegen sind ausgebrannt – auch, weil die Patienten viel von ihnen verlangen. Die heroische Figur vom allzeit bereiten Hausarzt ist noch in vielen Köpfen vorhanden.»

Leidenschaft für Kaffee

Neben der Medizin hat Daniel Rodriguez noch eine zweite Leidenschaft: Kaffee. Als aus seiner neuen Siebträgermaschine «nichts Gescheites herauskam», absolvierte er eine Barista-Ausbildung. «Wenn das mit der Praxis nichts wird, habe ich immerhin ein zweites Standbein», scherzt er. Gut möglich, dass dem einen oder anderen Patienten in Zukunft ein Gourmet-Kafi kredenzt wird.

Die Praxis Küttigen veranstaltet am 21. Januar einen Tag der offenen Tür. Informationen: www.praxis-kuettigen.ch

«In den letzten fünf Jahren gab es vor allem Praxisschliessungen»

Die Gemeinde Erlinsbach SO kauft eine Liegenschaft, um dort eine Arztpraxis zu ermöglichen. In Unterentfelden hat es keinen Hausarzt mehr. Und in Küttigen hat zwar einer der alteingesessenen Hausärzte einen Nachfolger gefunden, der andere aber nicht. Geht das so weiter?

«Man hat das Gefühl, dass die Talsohle langsam durchschritten ist», sagt Ulrich Bürgi, Chefarzt und Bereichsleiter Notfallmedizin am Kantonsspital Aarau (KSA). «In den letzten fünf Jahren gab es vor allem Praxisschliessungen.

Die wenigen Neueröffnungen geschahen oft durch Privatinvestoren oder Krankenkassen.» Bürgi, der für die FDP im Grossen Rat sitzt, sieht Licht am Ende des Tunnels – dank des Projekts «Hausarzt-Curriculum Kanton Aargau».

Dieses Weiterbildungsmodell für Assistenzärzte ist spezifisch auf die ambulante hausärztliche Medizin ausgerichtet. Der Kanton bezahlt Praxisassistenz-Stellen in den 106 aargauischen Lehrpraxen sowie je eine 50-Prozent-Stelle an den Kantonsspitälern Aarau und Baden.

Die beiden Stelleninhaber koordinieren als «Mentoren» die Weiterbildung der künftigen Hausärzte in verschiedenen Aargauer Spitälern. Wenn diese eine eigene Praxis gefunden haben, steht ihnen der Mentor in der Anfangszeit mit Rat zur Seite. «Das Projekt hat sich sehr bewährt», sagt Bürgi.

Im Moment seien am KSA 16 Hausärzte in der Ausbildung, jährlich
treten etwa fünf bis sechs von ihnen in eine Praxis über, meist in eine Gruppenpraxis.

«Aber der Bedarf ist noch nicht gedeckt», stellt Bürgi klar. «Ich wüsste auf Anhieb nur vereinzelt Hausärzte in der Region, die noch neue
Patienten aufnehmen.»

48 Prozent der Patienten, die das KSA im Zentrum für Notfallmedizin behandle, hätten eigentlich zum Hausarzt gehen können. 21 000 Konsultationen sind das jedes Jahr.

Diese Patienten sind meist entweder jung, Neuzuzüger oder Ausländer. «In der Agglomeration Aarau verfügt ein grosser Teil der jungen Bevölkerung über keinen Hausarzt», schätzt Bürgi.

Unter anderem, weil die Jungen mobiler seien und sich nicht auf einen Behandlungsort festlegen möchten. Und die Ausländer? «Vielen ist das Konzept Hausarzt fremd. In Ost- und Südeuropa gibt es beispielsweise keine Hausärzte – die Leute gehen direkt ins Spital.» (NRO)

Aktuelle Nachrichten