Keba-Nostalgie
Dieses Aargauer Pärchen lernte sich auf der Eisbahn kennen und lieben

1969 haben sich Heinrich und Helena Läuppi auf der Kunsteisbahn Aarau verliebt – dank einer Wette und einem hartnäckigen Freund. Für die az erinnern sich die beiden zurück, wie sie auf dem Eis die grosse Liebe fanden.

Katja Schlegel
Merken
Drucken
Teilen
Noch heute gehen Helena und Heinrich Läuppi regelmässig aufs Eis.

Noch heute gehen Helena und Heinrich Läuppi regelmässig aufs Eis.

Alex Spichale

Eigentlich war es ihr nicht drum. Ums Schlittschuh laufen, ums Schlifiisle. Aber das schlechte Gewissen plagte sie. Sie hatte es dem Freund ihrer Schwester versprochen, «jetzt lässt du mich einfach sitzen», hatte er gemault, «das ist gemein».

Und so raffte sich Helena nach der Arbeit auf, klemmte die Schlittschuhe auf den Gepäckträger, radelte los – und fand ihre grosse Liebe. Auf der Kunsteisbahn Aarau, an einem Dienstagabend im Dezember.

Es ist das Jahr 1969. Ein kalter Abend, die Eisbahn war noch unbedeckt, entlang den Banden stehen nur die Tribüne für die Zuschauer und die Umkleidekabinen. Da, auf Höhe dieser Umkleidekabinen, treibt sich eine Gruppe junger Männer herum, mit vollem Anlauf fahren sie auf die Bande zu, springen drüber und landen auf den Gummimatten, die den Boden zwischen Garderobe und Eisfeld vor den scharfen Eisen schützen.

Wer am weitesten springt, gewinnt, wer zu wenig Rücklage hat, klatscht unsanft auf den Bauch. Das imponiert der 18-jährigen Helena, dieses kraftstrotzende Gehabe. Einer der Kerle tut es ihr ganz besonders an, einer mit schulterlangem Haar, Bart und braunen Hosen.

Und als ausgerechnet der auf sie zukommt und sie fragt, ob er sie etwas auf der Eisbahn herumziehen dürfe, schmilzt sie dahin und reicht ihm die Hand – und er gewinnt die Wette, die er mit seinen Kollegen abgeschlossen hat.

Eine Cola für eine Runde

Heinrich und Helena Läuppi sitzen am Esstisch in der Stube mit Blick über Gränichen. Er weiss noch genau, was Helena an diesem Abend getragen hat. «Jeans und eine hellblaue Jacke mit einem Pelzkrägli, die Haare offen. Lange, schöne Haare», sagt er und lächelt seine Frau an.

Eigentlich habe jeder seiner Clique das hübsche Mädchen etwas auf dem Eis herumziehen wollen, deshalb auch die Wette: Wer eine Runde mit ihr dreht, bekommt eine Cola bezahlt.
Im ersten Moment sieht es nicht nach mehr als einer kurzzeitigen Eroberung aus.

Hand in Hand übers Eis – damals wie heute eine beliebte Sache.

Hand in Hand übers Eis – damals wie heute eine beliebte Sache.

ZVG

Heinrich lässt Helena nach ein paar Runden stehen, mit von Kälte und Aufregung roten Wangen und schwitzigen Händen. «Ich war total enttäuscht», erinnert sich Helena Läuppi. Doch er kommt wieder. Hand in Hand drehen sie Runde um Runde, bis die Bahn schliesst.

Danach fahren sie in die Stadt, trinken im «Rendez-vous» an der Bahnhofstrasse etwas. Zwei Tage später ruft Heinrich bei Helena an und lädt sie ins Kino ein, und Helenas Mutter verwirft die Hände und meint, das Ganze gehe etwas gar schnell.

Eine Woche später ist für Helena und Heinrich klar: Sie wollen heiraten, sobald Helena 20 Jahre alt ist und sie ohne elterliche Erlaubnis dürfen. Das tun sie im Mai 1971, in der Stadtkirche Aarau, und ziehen in die erste gemeinsame Wohnung in Rohr.

Über gefrorene Wyna gerutscht

45 Jahre ist das her. Und noch immer gehen die beiden regelmässig auf die Keba. Am Dienstagabend, ihrem Abend. Und noch heute mit ordentlich Schuss, zumindest Heinrich. Ihm liegt das Schlifiisle, ein Leben lang hat er es getan, erst als kleiner Knopf in Gränichen auf der zugefrorenen Wyna mit «Schrubedampferli» an den Schuhen, diesen Eisen, die mit einem Schlüssel an den Sohlen festgeklemmt werden mussten.

Mit zwölf Jahren besuchte er erstmals mit der Schule die frisch eröffnete Kunsteisbahn, als Turnstundenersatz. Mit sechzehn bekam er die ersten Schlittschuhe, Occasion von einem Eishockey-Spieler, richtig gute aus braunem Leder.

Stunde um Stunde flitzte er über das Eis, immer schneller, immer flinker. «Ich fuhr richtig gut», sagt er, «und kann es noch heute. Das ist wie Velofahren, das verlernt man nicht mehr.» Nur das mit dem Vollgas, das sei halt schon nicht mehr so. Mit dem Alter werde man etwas ruhiger, sagt er.

Inzwischen haben Heinrich und Helena Läuppi das Schlittschuhlaufen nicht nur ihren beiden Kindern, sondern auch den drei ältesten Grosskindern beigebracht. Auch andere Eisbahnen haben die beiden schon ausprobiert, aber das sei nichts für sie. «Es ist einfach nicht das Gleiche auf einer anderen Bahn», sagt Helena Läuppi. «Die Keba ist und bleibt unsere Bahn. Hier hat alles begonnen.»

Entsprechend glücklich sind die Läuppis, dass die Keba nun endlich wieder aufgeht. Sie werden sie natürlich sofort ausprobieren. Am Dienstagabend. So, wie seit 47 Jahren.