Aarau
Dieser Mann hatte keine Zeit, behäbiger Beamter zu werden

Der Aarauer Werkmeister Urs Kern wird Ende Monat nach 31 Jahren im Dienst pensioniert. Dann will er noch mehr reisen, sich um den grossen Garten im Einfamilienhaus in Kölliken kümmern - sich ab und zu zurücklehnen und gar nichts tun.

Toni Widmer
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Urs Kern in seinem Werkhof, der damals einen Architekturpreis erhielt und hin und wieder noch heute von Architekten besichtigt wird. To

Urs Kern in seinem Werkhof, der damals einen Architekturpreis erhielt und hin und wieder noch heute von Architekten besichtigt wird. To

«Wenn ich dann zum typischen Beamten verkomme, machst Du mich bitte darauf aufmerksam», hat Urs Kern im September 1981 zu seiner Frau Elsbeth gesagt. Der beruflich gut vorbereitete Kölliker Bauführer hatte soeben seine Stelle als Werkmeister in Aarau angetreten und damit einen völlig anderen beruflichen Status erlangt: «Damals musste ich jeweils noch regelmässig für eine neue Amtsperiode gewählt werden», blickt er zurück.

31 Jahre später steht der grosse hagere Mann, der mit seinem gepflegten grauen Bart und seinen weissen Haaren gut ins Ensemble der Altdorfer Tellspiele passen würde, vor der Pensionierung. Ende Monat ist Schluss. Dann interessieren ihn weder Stadtreinigung noch Kehricht-, Grün- und Spezialabfuhr. Auch der Zustand der Sport- und Grünanlagen sowie der Strassen und Gehwege im Winter wird ihm zwar nicht plötzlich egal sein, aber all das muss ihn nicht mehr kümmern.

Ein «Müssen» war es nie

Ein «Müssen» waren die vielseitigen Aufgaben für den umtriebigen Werkmeister allerdings nie: «Ich fahre heute noch jeden Tag mit Freude zur Arbeit in die Stadt», sagt Urs Kern und sinniert: «Trotzdem habe ich stets mit dem Gedanken gespielt, etwas früher aufhören zu können als erst mit 65, und ich bin froh, dass es geklappt hat.» Man wisse nie, was einen noch erwarte und er wolle zusammen mit seiner Elsbeth noch ein paar freie, unbeschwerte Jahre geniessen.

Noch mehr reisen, sich um den grossen Garten im Einfamilienhaus in Kölliken kümmern, mit dem Hund spazieren gehen, Ausstellungen besuchen, sein Schützen-Hobby wieder etwas mehr pflegen, sich ab und zu zurücklehnen und gar nichts tun. «Ich war sehr gerne Werkmeister. Aber jetzt freue ich mich ebenso sehr auf meine Pensionierung», sagt er.

Gelernt hat der in Kölliken aufgewachsene und dort nach wie vor verwurzelte Urs Kern Bauzeichner. Später machte er eine Zusatzlehre als Maurer, wurde Polier und bildete sich in der Bauschule in Aarau zum Bauführer weiter. Als solcher arbeitete er vorerst in Sigriswil, kam dann aber bald wieder in die Region zurück zu einem Baugeschäft mit angegliedertem Kies- und Betonwerk in Zofingen.

Die Stelle als Werkführer in Aarau interessierte ihn wegen ihrer Vielseitigkeit: «Auf dem Bau macht man mehr oder weniger immer dasselbe. Der Aufgabenbereich eines Werkführers hingegen ist viel breiter und in einem gewissen Sinne auch anspruchsvoller», sagt Kern. So vier bis fünf Jahre wolle er in Aarau bleiben, sagte er sich damals und blieb in Kölliken wohnen, wo er sich soeben ein Haus gebaut hatte. Dafür brauchte er eine Ausnahmebewilligung vom Stadtrat. Beamte waren damals noch verpflichtet, am Arbeitsort Wohnsitz zu nehmen.

Ein zweckdienlicher Werkhof

Aus den beabsichtigten vier bis fünf Jahren sind über drei Jahrzehnte geworden. Sie gingen vorüber wie im Flug: «Es ist immer so viel passiert, ich habe gar nicht gemerkt wie die Zeit vergangen ist.» An den Bau und Bezug des neuen Werkhofes in der Telli, an dessen Planung er massgeblich mitwirken durfte, denkt Urs Kern besonders gern zurück: «Es ist auch nach bald 20 Jahren noch immer eine äusserst zweckdienliche Anlage und noch immer kommen gelegentlich Architekten aus der ganzen Schweiz für eine Besichtigung, weil der Bau damals mit einem nationalen Architekturpreis ausgezeichnet wurde.»

Aber auch mit der Stadtbevölkerung ist der Kölliker heimisch geworden: «Unser Aufgabenbereich bringt es mit sich, dass wir auch gelegentlich kritisiert werden. Damit muss man leben, denn es ist eine Tatsache, dass man es nie allen Recht machen kann. Trotzdem war mein Kontakt zur Bevölkerung stets ausgezeichnet. Sonst hätte ich es nie so lange ausgehalten». Die Arbeit der Werkhof-Mitarbeiter sei stets geschätzt worden und viele Bürgerinnen und Bürger hätten sich jeweils auch bedankt, wenn sie etwas besonders gut gefunden hätten.

«Für die vielen positiven Reaktionen aus der Bevölkerung und für das Verständnis, auf das ich in meiner langen Amtszeit immer zählen durfte, möchte ich mich bei der Aarauer Bevölkerung herzlich bedanken», hält Urs Kern fest. Auch zu seinem Verhältnis zum direkten Arbeitgeber findet er nur lobende Worte: «Klar hat es gelegentlich auch unterschiedliche Ansichten gegeben, aber wir haben zusammen den Rank immer gefunden. Es war mir wohl hier in Aarau.»

Arbeit ist hektischer geworden

Gut hatte er es auch mit seinen Angestellten. Rund 50 waren es damals, als er sein Amt angetreten hat, immer noch rund 50 sind es heute. Viele davon langjährige Mitarbeiter, die Fluktuationsrate im Werkhof liegt weit unter dem Schnitt. Die gestiegenen Anforderungen und das ausgeweitete Tätigkeitsgebiet konnten mit der steigenden Mechanisierung teilweise aufgefangen werden. «Trotz aller Maschinen ist es ist über die Jahre aber auch bei uns intensiver und hektischer geworden», sagt Kern und schmunzelt: «So hatte ich gar nie Gelegenheit, zum behäbigen Beamten zu werden.»

Jetzt ist der 64-Jährige am Büro räumen. Sein Nachfolger ist noch nicht definitiv bekannt. Bis die laufende Werkhof-Analyse abgeschlossen ist, wird der Werkhof interimistisch von Marcel Aklin geleitet. «Obwohl ich mich auf den Ruhestand freue, werde ich in der ersten Zeit wohl etwas Heimweh nach dem Werkhof haben», sinniert Urs Kern und sagt weiter: «Das weniger wegen der Arbeit, sondern wegen meinen Leuten. Sie werde ich bestimmt vermissen.»

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