Buchs/Aarau
Dieser Mann erklärt Arabern die Schweiz

Der Iraker Al Beati ist Atomphysiker - doch sein erster Job in der Schweiz hatte er als Taxifahrer. Am 3. März tritt er am Integrationsforum auf und erklärt den Arabern, wie er sich hierzulande zurecht fand.

Sabine Kuster
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Atomphysiker Salahaddin Al Beati berät heute in der Telli Familien. kus

Atomphysiker Salahaddin Al Beati berät heute in der Telli Familien. kus

Eine serbische Biochemikerin packt in der Schweiz Schokolade ein, ein kongolesischer Journalist verkauft Schuhe. Nicht alle Flüchtlinge sind Analphabeten oder ungelernte Arbeitskräfte: Viele kommen mit einem Hochschulabschluss in die Schweiz. Meist nützt er nichts.

Der Iraker Salahaddin Al Beati ist Atomphysiker. Sein erster Job in der Schweiz war Taxichauffeur. Am 3. März nimmt er am Integrationsforum in Aarau an einer Gesprächsrunde mit Migranten teil. Die Teilnehmer erzählen von ihren verschlungenen Wegen in die Schweizer Arbeitswelt.

Geschätzt, aber isoliert

Salahaddin Al Beati arbeitete als Atomphysiker in Bagdad, als noch Saddam Hussein an der Macht war. «Wir wurden geschätzt, aber man hatte auch Angst vor uns», sagt Al Beati. Er lebte mit seiner Familie isoliert. Wer ihn besuchen kommen wollte, musste eine Bewilligung beantragen. Al Beati fühlte sich gefangen und kündigte schliesslich. Er arbeitete als Kaufmann und wurde 1994 in der Zeit des US-Embargos wie viele andere Händler der Preistreiberei beschuldigt, inhaftiert und gefoltert.

Darauf floh er in die Türkei, wartete ein halbes Jahr auf seine Familie und liess sich versteckt in einem Lastwagen nach Europa bringen. Doch der Schlepper lud die Familie nicht wie vereinbart in London ab, wo Al Beati mehrere Bekannte hatte, sondern in der Schweiz.

Der Physiker wurde Taxichauffeur

Nach einem Jahr wurde die Familie im Aargau als Flüchtlinge anerkannt, nun lebt Al Beati seit 15 Jahren in Buchs. «Am Anfang dachte ich, ich könne als Physiker arbeiten und erkundigte mich in der ETH. Aber das war nicht nur wegen der Sprache, sondern auch wegen der moderneren Computerprogramme und Methoden nicht möglich. Ich hätte viel Zeit und Geld investieren müssen, um das erforderliche Niveau zu erreichen.» Beides hatte er nicht. Jetzt, nachdem er in Sicherheit war, wollte er für seine Familie sorgen und auf den eigenen Beinen stehen. «Ich habe alles versucht. Kollegen sagten mir, ich müsse einen Job machen, den die Schweizer nicht wollen. So wurde ich Taxichauffeur.»

Drei Jahre arbeitete er, dann hatte er einen schweren Unfall, seither ist er gehbehindert. «Ich fragte mich: Soll ich aufgeben oder weiterkämpfen? Ich kam zum Schluss: Nach der Folter, der Flucht und dem Unfall, konnte es nun nur einfacher werden.» Er begann als Übersetzer zu arbeiten und rutschte automatisch in die Integrationsszene. Er erschrak, denn er stellte fest: «Unsere Leute sind so isoliert! Doch nicht nur das: Es fehlen ihnen wichtige Informationen und sie haben Probleme.»

Deutschkurse sind zu schwierig

2003 gründete er das Irak Social Center im Aarauer Torfeld Nord und er bildete sich im Sozialwissen weiter. 2007 eröffnete er die Familienberatungsstelle Ischtar im Gemeinschaftszentrum in der Telli. Zusammen mit seiner Frau bietet er dort niederschwellige Deutschkurse an. Denn er stellte fest: «Viele Immigranten können den Deutschlektionen nicht folgen, weil sie zu schwierig sind, und dann geben sie auf.» Die Kurse sind gratis, manchmal spenden ehemalige Teilnehmer etwas, doch sein Brot verdient Al Beati als Übersetzer für das Migrationsamt, die Stadt Baden und das Bezirksgericht.

In der Beratungsstelle gehe es im Gespräch mit den Kurdisch und Arabisch sprechenden Ausländern um die Hauptfrage: «Wie können wir uns anpassen, ohne unsere Werte zu verlieren?» In jedem Fall sehe die Lösung wieder anders aus. Je nach Herkunft und Ausbildung der Familie und je nachdem, ob sie Töchter oder Söhne haben, stellen sich andere Probleme.

Schmerzhafte Assimilation

Der 48-Jährige weiss, was die Immigranten durchmachen. Er wollte für seine beiden Söhne wenigstens zu Hause die irakische Kultur bewahren, bis er merkte: Der Wechsel zwischen Schweiz und Irak auf dem kurzen Weg von der Schule nach Hause ist für die Söhne eine Belastung. «Wir beschlossen, unseren Kindern die Freiheit zu geben», sagt er. Heute ist der 19-jährige Sohn Mediamatiker bei Möbel Pfister, der 22-jährige Detailhändler bei SportXX von Migros. Es tat ihm lange weh, dass seine Söhne kaum Arabisch sprechen und mehr Schweizer als Iraker sind. Bis er letztes Jahr erstmals zurückkehrte und feststellen musste: «Ich selbst verstehe die Menschen dort nicht mehr, nicht mal meine Verwandten.»

Dafür hat er etwas hinzugewonnen: seine Frau. «Ich lernte sie erst richtig in der Schweiz kennen.» Der Kulturschock habe viel Zeit und Energie gebraucht, doch nun sei seine Frau an seiner Seite und sie wüssten, dass sie sich aufeinander verlassen könnten. «Unsere Ehe wurde stärker und auch die Bindung zu den Kindern enger.»

Optimist aus Überzeugung

Al Beati ist ein Optimist aus Überzeugung. Auch was die Zukunft der Ausländerfrage in der Schweiz betrifft. Als er vor 15 Jahren hierher kam, gab es noch keine Integrationskurse, kaum Ansprechpersonen. Jetzt müssten die Schweizer nur noch den Kontakt zu den Ausländern finden, fragen, was sie wirklich brauchen, sagt Al Beati. Denn viele Integrationsprogramme würden schlicht daran scheitern, dass die Leute nicht teilnehmen.

Und er ist optimistisch, was den Umbruch in der arabischen Region betrifft: «Jetzt gibt es Hoffnung. Morgen ist immer schöner als heute, wenn wir nicht aufgeben.»

Integrationsforum am 3. März im KuK Aarau. 17.30 bis 21 Uhr mit Regierungsrat Urs Hofmann und Slampoet Simon Chen. Eintritt 50 Fr, für Mitglieder von Migrantenorganisationen 20 Fr.