Aarau
Dieser «Held des Alltags» macht das Land menschlicher

Rolf Geiser initiiert sinnvolle Beschäftigung für Asylbewerber. Das Schweizer Radio SRF 1 und «Schweiz Aktuell» nominierten ihn deshalb aus 200 Vorschlägen als einen von drei «Helden des Alltags» – das Finale ist am Sonntag

Sabine Kuster
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Rolf Geiser im «Contact»-Café des Netzwerks Asyl Aargau im katholischen Pfarrhaus. (Archiv)

Rolf Geiser im «Contact»-Café des Netzwerks Asyl Aargau im katholischen Pfarrhaus. (Archiv)

Emanuel Freudiger

Es war im Juni 2011, als ich die Überzeugung in den Augen von Rolf Geiser zum ersten Mal sah. Wir sassen schon eine Weile im Auto vor dem Forstwerkhof im Gönhardwald. Ich hatte einen freiwilligen Arbeitseinsatz im Wald besucht, den Geiser für fünfzehn Asylbewerber organisiert hatte. «Ihnen die Arbeit zu verweigern, weil sie wieder gehen müssen, ist Mumpitz!», sagte er ärgerlich. «Arbeit gibt Würde und Selbstvertrauen. Dieses Rückgrat brauchen die Menschen, wenn sie zurückgehen müssen. Sie müssen glauben, dass sie dort etwas tun können.»

Rolf Geiser erklärte mir die Migration aus seiner Sicht. Ich fand sie einleuchtend: Die Asylsuchenden, deren Familien das ganze Vermögen für ihre Reise investiert haben, wollen nicht als Gescheiterte zurückkehren. Kommt der negative Asyl-Entscheid, sehen viele in der Kriminalität einen Ausweg und tauchen unter. Kommt nach Jahren des Wartens und dem Status «F, vorläufig aufgenommen», doch noch das Recht, definitiv bleiben zu können, ist es für die berufliche Integration oft zu spät. «Viele haben dann längst den Mut und den Biss verloren, für ihre raren Chancen auf den Arbeitsmarkt zu kämpfen», sagte Geiser. «Jetzt, da sie von Integrationsmassnahmen profitieren könnten, sind sie kursresistent geworden und haben sich mit der Sozialhilfe arrangiert.»

Hartnäckiges Engagement

Ein Jahr später traf ich Geiser wieder. Er wollte, dass ich über seine neuste Idee berichte, das Projekt «BBB»: Bildung, Begegnung und Beschäftigung für Asylsuchende. Es war die gute Idee eines frisch Pensionierten mit Tatendrang. Ich wollte über ihn ein Porträt schreiben, aber er weigerte sich. Es gehe ums Projekt, nicht um ihn, sagte er. Wir einigten uns schliesslich auf einen Gastbeitrag, in dem er seine Ansichten darlegen konnte.

«Es geht nicht um finanzielle Hilfe», schrieb er darin, «die Asylsuchenden sollen verstehen, dass ihre Rolle in der weltweiten Migration nicht ihr persönliches Versagen, sondern Teil einer globalen, falschen Wirtschaftsentwicklung ist. Vielleicht lernen sie dabei auch, dass Migration grundsätzlich nicht die Lösung ist.» Sogenannten Gutmenschen wie ihm werde vorgeworfen, mit solchen Projekten die Schweiz als Einwanderungsland noch attraktiver zu machen. Doch das Gegenteil treffe zu. «Rückkehrer mit ungebrochenem Selbstvertrauen und mit der Kraft, etwas Neues anzupacken, schätzen ihre Chancen in der Schweiz realistisch ein und haben keinen Grund, zu Hause Lügengeschichten zu erzählen. Integrative Angebote machen die Schweiz nicht attraktiver, aber menschlicher!»

Kanton soll Projekt übernehmen

Was er sagte, fand ich nach wie vor plausibel. Aber er muss meine Skepsis gespürt haben, ob sein Projekt auch wirklich Fuss fassen werde. Gestern gratulierte ich Rolf Geiser, dass er von der Jury zu einem von drei Finalisten von «Helden des Alltags» gewählt worden ist, eine Auszeichnung von Radio SRF 1 und «Schweiz Aktuell». Er antwortete: «Sehen Sie, ich bin dran geblieben.»

Der Rummel ist ihm zwar peinlich, aber er kommt ihm nicht ungelegen. Nun geht es nämlich darum, dass sein Projekt «BBB» ins kantonale Asylwesen überführt wird. Geiser wünscht sich, dass die Beschäftigung für Asylbewerber vom kantonalen Sozialdienst übernommen oder als Leistungsauftrag an ein Hilfswerk vergeben wird.

Sicher ist noch nichts. Versprochen auch nicht. Das Departement Gesundheit und Sport des Kantons hat mit der Vermittlung eines Beitrags des Lotteriefonds dafür gesorgt, dass die letzten zwei Jahre finanziert werden konnten. Ausserdem wurde «BBB» vom Bund, den Landeskirchen und dem Roten Kreuz unterstützt.

Immerhin sei man sich heute einig, dass die Leute beschäftigt werden müssen, bilanziert Geiser. Just diese Woche verkündete Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die Bürokratiehürden sollen abgebaut werden, damit vorläufig aufgenommene Personen rascher eine Arbeitsbewilligung erhalten. «Heute ist der F-Ausweis eine Sackgasse», sagt Geiser. Er erzählt von einem Aarauer Wirt, der einen jungen Man mit F-Ausweis einstellen wollte, aber erst mal eine Rüge vom Kanton kassierte, dass der Mann eine Woche ohne Bewilligung bei ihm geschnuppert hatte. Das raubte dem Wirt den Willen, die richtige Arbeitsbewilligung abzuwarten und er sagte dem Mann ab.

«Ich bin heute nicht ernüchtert», sagt Geiser, «oder nur so weit, dass mich solche Geschichten nicht mehr aus der Bahn werfen.»

Einer von vielen Freiwilligen

Ich solle, bat er auch gestern, nicht über ihn, sondern das Projekt schreiben. Er sei nur einer von dreissig Freiwilligen, er gehe nur noch maximal einmal im Monat selber an einen Anlass, um den Kontakt nicht zu verlieren. Seine meiste Zeit verwendet er aufs Organisieren der Aktivitäten bei den verschiedenen Vereinen und Institutionen.

Er nennt jene, die so in den direkten Kontakt mit Asylbewerbern kommen, «Multiplikatoren von Erfahrungen». Wie die Bibliothekarin, die nach einer Führung in der Stadtbibliothek Aarau sagte, es sei schon verrückt zu sehen, dass es Asylbewerber gebe, die denselben Bildungsanspruch hätten wie die Schweizer. Die hungrig sind nach Büchern. Oder einer vom Naturschutzverein Suhr, der staunte, wie die Leute an einem organisierten Nachmittag motiviert arbeiteten.

Damals im Gönhardwald 2011 hatte Geiser zuerst gezittert, ob noch mehr als die ersten drei Männer aufkreuzen würden zum Bäumeschneiden. Heute sind die Angebote in der Region ein Selbstläufer. Nur hat Geiser noch Mühe, dass sich das Angebot im ganzen Kanton ausweitet. «Es braucht Freiwillige, aber dazu ein professioneller Anbieter», wiederholt er.

«Der Aarauer Rolf Geiser kämpft um den Titel ‹Held des Alltags›», hatte Radio SRF geschrieben. Geiser lacht. Kämpfen, das tut er für seine Sache, nicht für einen Titel.

Etwas würde ihn aber doch freuen, falls er gewählt wird am Sonntag: In der Sendung «Persönlich» mit Autor Pedro Lenz zu reden. «Er spricht meine Sprache», sagt Geiser, «und die Menschen, die er beschreibt, kenne ich in meiner Erfahrungswelt auch.»