Aarau
Dieser Afghane landete für neun Monate im Gefängnis – weil er herumreiste

Das Asylgesuch vom afghanischen Flüchtling Ahmad Shakib Skha wurde vor vier Jahren abgewiesen. Seine Versuche, in anderen Ländern Asyl zu erhalten, waren vergebens. Er landete immer wieder in der Schweiz – am Ende sogar im Gefängnis.

Sabine Kuster
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Ein Personalausweis, der Ahmad Skhas Leben auf den Bezirk Muri einschränkt. Das Ziel: Ihn zur Ausreise zu bewegen. Doch der 34-Jährige will nicht zurück nach Afghanistan.

Ein Personalausweis, der Ahmad Skhas Leben auf den Bezirk Muri einschränkt. Das Ziel: Ihn zur Ausreise zu bewegen. Doch der 34-Jährige will nicht zurück nach Afghanistan.

Aargauer Zeitung

Er sass an einem Freitagnachmittag beim Empfang der Aargauer Zeitung in der Telli. Neben ihm am Boden ein dünner Plastiksack, gefüllt mit A4-Blättern. Afghane sei er, sagte er, und er komme direkt aus dem Gefängnis in Lenzburg. Neun Monate habe er da gesessen, sagte er in einem Deutsch, das zeigte, dass er entweder schon länger in der Schweiz weilte oder ein schlauer Kopf ist.

Er erzählte seine Geschichte, eine Asylbewerber-Geschichte, eine ohne Happy-End für den Gesuchsteller. Vor vier Jahren war sein Asylgesuch abgewiesen worden. Er habe danach versucht, in verschiedenen anderen europäischen Ländern Asyl zu bekommen, erzählt Ahmad Skha. Jedes Mal sei er zurück in die Schweiz geschickt worden. «Aber warum musste ich neun Monate ins Gefängnis? Ich habe nichts getan!», sagt er.

Alle Hilfs-Stellen abgeklappert

Es war ein heisser Tag, das Wochenende nah, die Journalistin müde. Sie fragte: «Was erwarten Sie von mir? Wenn ich Ihre Geschichte veröffentliche, wird Ihnen das nicht weiterhelfen.» Und warum er sich nicht an die Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende im Aargau wende? Er kramte lange in seinem Sack mit den losen Blättern und fischte eines heraus: Die Rechtsberatungsstelle hatte ihm im April beschieden, dass sie keine Mandate von Personen übernehme, die in Haft sässen.

Er zeigte weitere abschlägige Antworten: Von Heks, das eine Anlaufstelle mit Anwälten bietet, von der Heilsarmee, dem Schweizer Fernsehen. Freundlich formulierte Briefe mit hilfreichen Adressen oder Ratschlägen.

Dann holte er einen Ausweis hervor, knallte ihn wütend auf den Tisch. Eine «Bestätigung für Ausreisepflichtige», ausgestellt vom Amt für Migration und Integration. Sie besagt, dass sich Ahmad Shakib Skha, geboren am 5.4.1981 in Afghanistan, seit September 2011 widerrechtlich in der Schweiz aufhält. Die «obgenannte Person» sei zur «sofortigen Ausreise» verpflichtet. Jegliche Erwerbstätigkeit sei untersagt, sein Bewegungsraum auf den Bezirk Muri eingegrenzt.

Er versuchte weiterzukommen

Ahmad Skha hat sich nicht daran gehalten. Im November 2012 wurde er das erste Mal verurteilt vom Obergericht des Kantons Zürich wegen «Missachtung der Ein- oder Ausgrenzung» zu 540 Franken Geldstrafe, abzüglich zwei Tage Untersuchungshaft. Weil er kein Geld hatte, sass er eine Ersatzfreiheitsstrafe von 18 Tagen ab.

Ein Papier des Amtes für Justizvollzug im Kanton Aargau listet die weiteren Urteile auf: August 2014, Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach, «Rechtswidriger Aufenthalt», «Missachtung der Ein- oder Ausgrenzung», Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Eine Ersatzfreiheitsstrafe von acht Tagen ist auch noch dabei, wegen einer nicht genauer beschriebenen «Sachbeschädigung».

Dann sollte Ahmad Skha am Flughafen Zürich ausgeschafft werden, am 14. Oktober 2014. «Wie ein Verbrecher haben sie mich gefesselt und mit dem Gesicht auf den Boden gedrückt», sagt Skha. Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland, Zweigstelle Flughafen, notiert: «Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, Hinderung einer Amtshandlung, Freiheitsstrafe von 2 Monaten».

Es wird verfügt, dass er die Freiheitsstrafen gemeinsam im Zentralgefängnis Lenzburg zu verbüssen hat: 14. Oktober 2014 bis 9. Juli 2015. Aus dieser Zeit datiert ein Brief des Leiters des Zentralgefängnisses: Eine Verwarnung mit Androhung einer Arreststrafe, weil in Skhas Zelle selbstgebastelte Fitness-Gewichte aus PET-Flaschen und Abfallsäcken gefunden worden waren. Es sei untersagt, Zelleninventar zweckentfremdet zu verwenden oder zu beschädigen, er sei verpflichtet zur Zelleneinrichtung Sorge zu tragen, heisst es da.

Ist diese Haftdauer üblich?

Neun Monate für unbewilligte Aufenthalte. Das dünkt auch die Journalistin ungewöhnlich viel. Sie verspricht schliesslich nachzufragen, gibt ihm ihre Visitenkarte, sagt, er solle sie nächste Woche anrufen.

Vom zuständigen kantonalen Departement Volkswirtschaft und Inneres kommt folgende wenig erhellende Antwort: «Die Strafe wird nach dem Verschulden des Beschuldigten bemessen, wobei das Vorleben und die persönlichen Verhältnisse sowie die Wirkung der Strafe auf das Leben des Beschuldigten mitberücksichtigt werden.» Und: «Aufgrund der begangenen Straftaten und der bestehenden Vorstrafen ist die ausgesprochene Strafe angemessen.»

Ahmad Skha ruft nicht an. Er startet noch einen Einreise-Versuch in ein europäisches Land. «Was soll ich denn sonst tun», hatte er auf dem Stuhl beim Empfang gesagt. Er könne nicht nach Afghanistan zurück. Als ehemaliger Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums sei er in Ungnade gefallen und nun «auf einer schwarzen Liste».

Er wolle nach Marokko, weil dorthin inzwischen seine Eltern geflohen seien. Aber selbst von da habe man ihn in die Schweiz zurück geschickt, obwohl Marokko doch gar nicht in der EU sei. «Was soll ich im Bezirk Muri? Mich auf der Strasse erschiessen?» Das grosse Migrations-Problem Europas konzentrierte sich auf einmal im kleinen Empfangsraum der Zeitung.

Der Leiter des Asylheims in Muri sagt auf Anfrage am Telefon, Herr Skha sei an besagtem Freitag erschienen, inzwischen aber wieder weg. Nach Deutschland wolle er, habe Skha gesagt.

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