Aarau

Dieser 24-Jährige ist die erste männliche Hebamme in der Geschichte des Kantonsspitals

Hendrik Rogner posiert mit einem Beckenmodell für den Fotografen. Dieses zeigt, wie Kinder geboren werden. Bild: Alex Spichale

Hendrik Rogner posiert mit einem Beckenmodell für den Fotografen. Dieses zeigt, wie Kinder geboren werden. Bild: Alex Spichale

Hendrik Rogner ist der erste Mann in der Geschichte des Kantonsspitals Aarau, der als Hebamme arbeitet. Er hat bereits 118 Babys dabei geholfen, auf die Welt zu kommen.

Ein Privileg. So beschreibt Hendrik Rogner seinen Beruf. «Dabei sein zu können, wenn ein Kind zur Welt kommt. Und das Vertrauen zu spüren, das die Eltern uns geben. Das macht mich immer wieder glücklich.»

Rogner trägt einen burgunderroten Faserpelz, als er kurz vor seinem Schichtbeginn durch die Gänge des Haus 8 am Kantonsspital Aarau huscht. Auf dem Rücken eingestickt ist das Wort «Hebamme». Die richtige Bezeichnung sei «Hebammer», sagt Rogner: «Aber das sagt niemand so», fährt er fort. «Man sagt auch bei einem Mann ‹die Hebamme›.»

Hendrik Rogner ist der erste Mann in der Geschichte des Kantonsspitals Aarau, der als Hebamme arbeitet. Im Sommer hat der 24-Jährige seine vierjährige Ausbildung an der Berner Fachhochschule abgeschlossen und die letzten 40 Wochen davon im Gebärsaal am KSA verbracht. Im Anschluss machte er noch ein 10-wöchiges Praktikum in Locarno. «Danach habe ich hier in Aarau eine Festanstellung bekommen», sagt er und wirkt zufrieden. Rogner, der in Deutschland geboren ist, kam mit vier Jahren in die Schweiz. In Nidwalden aufgewachsen, machte er mit 19 Jahren die Maturität.

Er habe sich bereits länger darüber Gedanken gemacht, etwas im Gesundheitswesen zu machen: «Die Spitalatmosphäre hat mir schon immer gefallen. Aber irgendwie war nie ganz der richtige Beruf dabei», sagt Rogner. Den Hebammenberuf habe er entdeckt, als er damit begann, sich intensiver mit der Berufswahl zu beschäftigen. Rückblickend ergebe aber alles Sinn, erzählt er: «Ich glaube, es begann alles, als meine Mutter schwanger war mit meinem fünf Jahre jüngeren Bruder», erinnert er sich. «Meine Mutter erzählt, dass ich schon damals während der Schwangerschaft sehr viele Fragen stellte, die über die Neugier eines Kindes hinausgingen.» Auch später während des Biologieunterrichts habe er sich immer wieder dabei ertappt, wie er im Buch nach hinten blätterte, zu den Themen Aufklärung und Schwangerschaft: «Obwohl es gerade nicht Unterrichtsthema war.»

Hendrik Rogner ist der erste männliche Geburtshelfer, der in der Deutschschweiz ausgebildet wurde, wie eine Nachfrage bei der Berner Fachhochschule und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zeigt. Eine Handvoll Männer wurden zudem in Genf und Lausanne zum Geburtshelfer ausgebildet.

Die Eltern sind manchmal ein bisschen überrascht

«Ich habe eine rasche Integration erlebt», sagt Rogner über sein Studium. In seinem Jahrgang schlossen in Bern diesen Sommer nebst ihm 66 Frauen das Studium als Hebamme ab. «Am Anfang fühlt man sich beobachtet. Vielleicht die ersten zwei Wochen lang. Aber danach habe ich mich nie als etwas Besonderes wahrgenommen gefühlt», so Rogner. «Sie sagten dann, dass ich gar nicht auffalle, ich sei einfach einer von ihnen.»

Er habe vor Beginn seiner Ausbildung den Fehler gemacht und gegoogelt , was Menschen von männlichen Hebammen halten. «Es sind kritische Stimmen da.» Aber in der Praxis habe er das Gegenteil erlebt. Bei den werdenden Eltern sei es nur selten ein Thema, dass er ein Mann ist: «Manchmal ist es der erste Blick, wenn ich das Zimmer betrete. Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass sie ein bisschen überrascht sind.» Aber in den allermeisten Fällen werde es gar nicht angesprochen: «Ich stelle mich dann vor und übernehme die Betreuung und Begleitung.» Dass wirklich eine Frau ganz spontan gesagt habe, sie wolle während der Geburt nicht von ihm als Mann begleitet werden, sei bislang nur vereinzelt passiert. «In der Regel wissen wir das im Voraus. Hier im KSA machen wir mit allen Frauen ein Geburtsgespräch, in dem sie Wünsche äussern können.» In seiner jungen Karriere hat Hendrik Rogner bereits 118 Entbindungen begleitet, 29 davon waren Kaiserschnitte. Die Geburten notiert er – wie viele Hebammen – in einem Geburtenbuch.

An die erste Geburt erinnert er sich gut: «Das war in Baden im Vorpraktikum, das ich vor der Ausbildung gemacht habe.» Es war ein kleiner Junge, der sehr spontan und schnell geboren wurde, eine Frühgeburt. Damals war Rogner noch stiller Zuschauer. «Ich habe da wirklich nur gedacht: Hui, was habe ich mir hier nur für einen Beruf ausgesucht?» Rogner schmunzelt, als er dies erzählt. «Ich habe gesehen, was da alles mitspielt, denkt man nur an die Emotionen des Paars. Damals war ich schon ein bisschen überwältigt. Aber da wächst man hinein.»

Im Kantonsspital Aarau arbeiten rund 60 Hebammen

Im KSA schätzt er, dass er sich im Team beraten und mit den Ärzten und Hebammen Situationen besprechen kann: «Es gibt immer wieder Situationen, bei denen man überrumpelt wird. Ich habe noch keine zwei Geburten erlebt, die auch nur ansatzweise gleich gewesen wären.» Die intensive Begleitung der Paare und der hohe Grad an Eigenverantwortung gefallen ihm besonders. «Wenn die Geburt komplikationslos verläuft, kommt erst ganz am Schluss ein Arzt dazu.»

Hendrik Rogner ist eine von rund 60 Hebammen am Kantonsspital Aarau. Seit Jahresbeginn wurden hier 1735 Kinder geboren. Die Aufgaben der Hebammen beschränken sich längst nicht nur auf die Entbindung: Die Geburtshelferinnen und -helfer führen Schwangerschaftskontrollen durch, sowohl routinemässig als auch Notfallkontrollen, machen Geburtsvorbereitungskurse, beobachten, untersuchen und messen die Neugeborenen nach der Geburt. Ausserdem helfen sie den frischgebackenen Müttern beim ersten Stillen und überwachen und betreuen sie nach der Geburt.

Hendrik Rogner ist entspannt und selbstsicher, wenn er über seinen Beruf spricht. Als männliche Hebamme habe er weder Vor- noch Nachteile: «Jede Hebamme arbeitet anders und hat ihre eigenen Ansichten und Methoden.» Er mache die gleiche Arbeit wie seine zahlreichen Kolleginnen. «Ich habe mehr das Gefühl, dass es in der Schweiz als etwas Aussergewöhnliches angeschaut wird, weil es noch nicht so viele Männer gibt, die diesen Beruf machen.»

Das Geschlecht spielte bei Hendriks Anstellung keine Rolle

Die Tatsache, dass Hendrik Rogner ein Mann ist, habe bei seiner Festanstellung am Kantonsspital keine Rolle gespielt, sagt Lea Flückiger, Leitende Hebamme am KSA. «Wir haben wie bei allen Anstellungen auf die beruflichen Qualitäten geschaut, und alleine das war ausschlaggebend dafür, dass wir uns entschieden haben, ihn anzustellen.» Er habe sie so überzeugt, wie sie ihn während der Ausbildung kennen gelernt haben: «Und deshalb wollten wir ihn behalten.»

Es ist 14.50 Uhr, Rogners Schicht beginnt in Kürze. Im Gang stehen zahlreiche Pflegefachpersonen und Hebammen zur Schichtübergabe bereit. «Ich habe es bis jetzt noch nie bereut, dass ich diesen Weg gegangen bin», sagt er und verabschiedet sich.

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