Suhr stimmt am 12. Februar darüber ab, ob es für den nächsten Schritt im Fusionsprojekt «Zukunftsraum Aarau» einen Kredit sprechen will oder nicht. Bei einem Ja wird als Nächstes ein Leitbild entworfen, bei einem Nein steigt Suhr faktisch aus dem Zukunftsraum aus. Der Kredit wurde an der Gmeind von Ende November zwar bereits abgelehnt, kommt via Referendum nun doch noch vors Volk.

An jener Gemeindeversammlung waren einige Suhrer aufgestanden, und hatten gegen den Zukunftsraum votiert. Unter anderem Martin Saxer (67) und Andreas Ort (65). Saxer war von 1990 bis 1997 im Gemeinderat, Ort ist Ortsbürger. Zusammen haben sie nach der Gemeindeversammlung die «IG Pro Suhr» gegründet, um gegen die Fusion zu kämpfen.

Wir führen dieses Gespräch im Suhrer Ortsmuseum, ausgerechnet im Trauzimmer. Dabei wollen Sie ja eben
gerade keine Hochzeit mit den anderen Gemeinden.

Andreas Ort: Brauchen wir Suhrer ja auch nicht. Nur, weil Sie mit Ihren Kollegen gut zusammenarbeiten, wollen Sie sie auch nicht gleich heiraten, oder?

Bei der Abstimmung am 12. Februar gehts aber noch gar nicht um die Fusion, sondern erst mal nur um einen Kredit für ein Leitbild.

Ort: Der ganze Prozess hat aber die Fusion zum Ziel. Als Ortsbürger bin ich dagegen. Und ausserdem ist das Ganze falsch aufgegleist: Man fängt doch nicht mit dem Leitbild an, sondern mit den Verhandlungen. Das ist bei jeder Firmenfusion so, wenn man zwei Kulturen zusammenbringen muss.

Martin Saxer: Die ganzen Fusionsvorbereitungen generieren Kosten und binden personelle Ressourcen. Dieses Geld – für Suhr würde der Aufwand für alle Teilphasen total brutto 230 000 Franken kosten – können wir sinnvoller einsetzen. Das ganze Projekt «Zukunftsraum Aarau» kostet über eine Million Franken, absolut verrückt!

Ort: Die Studie der Universität Bern sagt ja auch klar, dass eine Fusion zwischen Aarau und Suhr keine Priorität hat. Dann muss man auch nicht damit anfangen.

Und was ist mit der Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden?

Ort: Da sind wir voll dafür. Es ist aber auch nicht einfach. Ein Beispiel: Die Ortsbürgergemeinden von Buchs, Suhr und Rohr hatten lange einen Zusammenarbeitsvertrag in Sachen Forst. Das hat tipptopp geklappt. Mit der Fusion Aarau-Rohr wurde der Vertrag gekündigt, mit Kündigungsfrist 3 Jahre. Das war noch unter Stadtammann Marcel Guignard. Wir haben die Wahlen abgewartet und dann die neue Stadtpräsidentin noch einmal gefragt, ob Aarau den Vertrag wirklich auflösen wolle. Zuerst haben wir lange nichts gehört, und als wir dann an einer Veranstaltung nochmals nachgefragt haben, hat uns die Stadtpräsidentin «abgeputzt» wie Schulbuben.

Saxer: Das zeigt die Haltung der Stadt. Als ich vor 20 Jahren zehn Jahre lang im Gemeinderat war, hatten wir eine super Zusammenarbeit mit den anderen umliegenden Gemeinden, Gränichen und Buchs zum Beispiel. Denen ist man auf Augenhöhe begegnet, dies hat sich gezeigt, bei gemeinsamen Projekten wie dem Neubau des Schwimmbades Suhr, bei der Schulzusammenarbeit usw.. Es ist nicht einzusehen, weshalb wir mit Aarau fusionieren sollen. Ich sehe da keine Vorteile für Suhr.

Die Fusionsabklärungen sollen genau dies beantworten.

Ort: Wir haben funktionierende Strukturen und eine lebendige Demokratie. Bei einer Fusion würden wir ein bürgerliches Recht an den Einwohnerrat delegieren. Selbst wenn es da ein paar Suhrer Vertreter hat, interessiert es den Einwohnerrat doch nicht, wenn wir hier in der Buhalde oder im Frohdörfli ein Problem haben.

Saxer: Ja, ich bin gleicher Meinung, wenn Suhr ein Anliegen hat, hat das in Aarau sicher keine Priorität. Suhr hatte ja auch einmal einen Einwohnerrat, aber nur für kurze Zeit. Gemeinderat und Einwohnerrat haben sich damals gegenseitig blockiert – worauf der Einwohnerrat nach einer Initiative zu Recht wieder abgeschafft wurde. Im Einwohnerrat bestimmen die Parteifraktionen, wie es läuft, nicht der einzelne Bürger. So wird die Demokratie nicht richtig angewandt.

Sie fürchten auch, Sie würden ihre Gemeindeverwaltung verlieren.

Saxer: Richtig, davon ist auszugehen, wie das Beispiel Rohr belegt. Wir haben in Suhr eine effiziente Gemeindeverwaltung, das darf man sagen. Der einzelne Bürger bekommt sofort eine Antwort. Hier kennt man sich, und man kann auch mal direkt an den zuständigen Gemeinderat gelangen. Ich bezweifle sehr, dass man in Aarau direkt den Stadtrat anrufen kann, vermutlich würde man an einen Einwohnerrat verwiesen.

Ort: Kürzlich war ich wegen eines Baugesuchs auf der Verwaltung, als eine Mitbürgerin kam und reklamierte, weil die Grünkübel in ihrem Quartier nicht geleert worden waren. Die Mitarbeiterin hat kurz telefoniert und die Sache war sofort geregelt. Wir sind hier flexibel und kundenfreundlich. In Aarau wäre das wohl nicht so schnell gegangen.

Das wissen Sie doch gar nicht.

Ort: Natürlich nicht. Obwohl ich fünf Jahre in Aarau gelebt habe. Mit der Verwaltung hatte ich da aber nichts zu tun. Trotzdem, ab einer gewissen Grösse ist man einfach unflexibler.

Sie haben fünf Jahre in Aarau gewohnt und die Verwaltung nie gebraucht? Weshalb beharren Sie darauf, dass Suhr seine Verwaltung behalten muss?

Ort: Damals war ich Mieter in den «Staumauern» in der Telli. Ein typischer Schlafbürger. Heute, als Eigenheimbesitzer in Suhr, interessiert es mich viel mehr, was in meinem Dorf läuft, und ich brauche die Verwaltung. Uns Ortsbürgern ist zudem der Wald sehr wichtig. Bei den Aarauer Ortsbürgern steht er nicht im Zentrum, die haben ja noch Immobilien und dergleichen.

Sie sind heute beide parteilos. Herr Ort wurde aber einst von der SP als Stimmenzähler portiert, Herr Saxer war sogar SP-Mitglied und sass für die Partei im Gemeinderat. Dafür haben Sie aber eine recht konservative Haltung.

Saxer: Man muss nicht immer alles gut finden, was die Partei macht. Wir sagen nur, wie es ist. Andere träumen von einem Gross-Aarau, in dem Suhr Einfluss nehmen kann. Wir aber sind Realisten und bezweifeln dies sehr.

Am 12. Februar ist die Abstimmung. Sind Sie optimistisch?

Saxer: Ja. Wir spüren viel Unterstützung und wir werden bis zum Termin noch ein paar Aktionen durchführen. Unsere Plakate «Suhr im Herzen – Nein zur schleichenden Fusion mit Aarau» hängen schon. Am Ende wird es aber sehr darauf ankommen, wer abstimmen geht. Wie sich die anderen Vorlagen, die an diesem eidgenössischen Abstimmungssonntag an die Urne kommen, auswirken ist nicht absehbar.

Ort:Wenn das Referendum angenommen wird, ist halt der Kampf einfach noch nicht fertig.

Sie machen weiter?

Saxer: Mit Sicherheit. Selbst wenn wir dieses Mal verlieren sollten, was wir nicht hoffen. Abgerechnet wird erst im Jahr 2020, dann soll der Schlussentscheid für die Fusion fallen. Wir werden auf jeden Fall weiterkämpfen bis zum Ende.