Aarau
Diese Politesse kennt die notorischen Parksünder

Die Stadtpolizei Aarau beschäftigt fünf Politessen im Teilzeitpensum, die die Parkfelder in der Innenstadt und in den Quartieren Aaraus überwachen. Eine davon ist Priska von Felten – Ausraster von Autofahrern nimmt sie nicht persönlich.

Barbara Vogt
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Politesse von Felten stellt an der Mühlemattstrasse eine Busse aus.

Politesse von Felten stellt an der Mühlemattstrasse eine Busse aus.

Mario Heller

Ein milder Frühlingsnachmittag. Priska von Felten strahlt. «Bei diesem Wetter arbeite ich am liebsten.» Sie trägt ein kurzes, blütenweisses Hemd mit dem Aufdruck der Stadtpolizei Aarau, schwarze Hosen, ein schwarz-rotes Foulard. Hübsch geschminkt, die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seit vier Jahren arbeitet Priska von Felten aus Erlinsbach als Politesse. Zuvor war sie Dekorateurin und spaltete hobbymässig Holz. Doch dann wollte sie etwas anderes machen und bewarb sich spontan bei der Stadtpolizei Aarau. «Die Arbeit als Politesse reizte mich, weil ich draussen sein kann.» Und weil sie den Kontakt mit den Menschen liebt, deshalb betreibt sie auch noch ein Kosmetikstudio und verkauft Weine an Messen.

Die Stadtpolizei Aarau beschäftigt fünf Politessen im Teilzeitpensum, die die Parkfelder in der Innenstadt und in den Quartieren Aaraus überwachen.

Eine undankbare Arbeit eigentlich. Denn oft lassen die erbosten Autofahrer ihren Frust an den Polizeimitarbeiterinnen aus. «Sie sind unsere ‹Anseichpfosten›», sagt Thomas Kaspar, stellvertretender Leiter der Dienstelle Verkehr der Stadtpolizei. Ausschliesslich Frauen bewerben sich für diesen Job. Kaspar stellt bewusst Politessen mit einem gewissen Alter ein. «Sie können besser mit Anfeindungen umgehen als jüngere Frauen und ihrem Gegenüber auch mal Paroli bieten.»

«Nur zwei Minuten»

An diesem schönen Frühlingstag begleiten wir Priska von Felten auf ihrer Bussentour. Sie bindet sich zwei Bauchtaschen um. Darin steckt unter anderem eine Übersicht mit allen Automarken. Zu Beginn ihrer Tätigkeit habe sie oft auf diesen Merkzettel schielen müssen, sagt sie mit einem Augenzwinkern. An ihrem Bauch hängen zudem ein Tablet, mit dem sie die Bussen ausstellt, ein Drucker und ein Funkgerät.

Statt zu Fuss die Treppe des Polizeigebäudes hinunter zu gehen, steigt sie in den Lift. «Man muss sich lieb sein», meint Priska von Felten. Ihre zwei Füsse werden in den kommenden Stunden ihre treusten Begleiter sein: Sie läuft in der Innenstadt herum, an die Aare und von einem Quartier zum anderen. Als Politesse legt sie jährlich 1000 Kilometer zurück.

Bahnhofstrasse Aarau, 14 Uhr. Auf dem Trottoir vor der UBS steht ein schickes Auto. Ein Paar steigt aus und will in die Bank. Priska von Felten spricht es an: «Hier dürfen Sie nicht parkieren», erklärt sie freundlich, aber bestimmt. Der Herr nickt, steigt ins Auto und fährt davon. Wäre er gebüsst worden, hätte dies 120 Franken gekostet.

Am Kasernenweg überprüft die Politesse die Parkuhr, eine Nummer zeigt eine Überschreitung der Maximalparkzeit an. Priska von Felten greift zum Tablet und will das Fahrzeug soeben notieren, als zwei junge Herren herbeigeeilt kommen. Sie setzen ihr bestes Lächeln auf, «nur zwei Minuten», schmeicheln sie der Politesse. Sie grinst innerlich, denn diesen Spruch kennt sie zur Genüge, und drückt ein Auge zu.

Manchmal rastet einer aus

Die Stadtpolizei erhält täglich Schreiben, weil die Gebüssten mit ihrer Busse nicht einverstanden seien, sagt Walter Hegnauer von der Dienststelle Ordnungsbussen. Selten komme es jedoch vor, dass eine Politesse eine Busse falsch ausgestellt habe. Die Betroffenen haben 30 Tage Zeit, um diese zu bezahlen oder dagegen ein Verfahren einzuleiten.

Priska von Felten weiss, wie es sich anhört, wenn Parksünder ausrasten: Sie werden rabiat, teilen ihr «Schlötterlig» aus, zerreissen die Busse. Rennen zum Auto, in der Hoffnung, schneller als sie dort zu sein, um so eine Busse zu verhindern. Aus Wut fahren sie unbeherrscht davon, ein Autofahrer krachte deswegen mal vor ihren Augen in eine Wand. Temperamentvolle Gebüsste lassen gerne «einen Schwarzen liegen». «Ich könnte ein Buch schreiben», sagt Priska von Felten lachend. Die meisten Autofahrer jedoch seien sich ihres Fehlers bewusst und würden die Busse schlucken.

Dann gibt es noch die unbeteiligten Zuschauer: Klebt eine Busse an einem teuren BMW, freuen sich die Schadenfreudigen, klebt sie an einem alten Auto, haben die Leute Mitleid mit den Parksündern.

Wird Priska von Felten beschimpft, bleibt sie gelassen, lässt die Beschimpfungen über sich ergehen. «Ich mache nur meinen Job. Die Äusserungen sind ja nicht gegen mich, sondern gegen meine Uniform gerichtet.» Aber es gebe schon Situationen, die sie betroffen machten. «Gehen die Worte unter die Gürtellinie, zeigen wir die Parksünder an», sagt ihr Chef Thomas Kaspar.

Bei Regen am meisten Bussen

Priska von Felten ist zügig unterwegs. Trotzdem erhascht sie beim Vorbeimarschieren Blicke in blühende Parks und Gärten. In ihrer Freizeit arbeitet sie am liebsten in ihrem eigenen Garten. Sie ist Mutter, Grossmutter und gelernte Dekorateurin. Sie schreibt Kindergeschichten und macht Theaterkulissen. Nichts von einer sturen, zanksüchtigen Politesse. Einen Zwang hat sie dennoch: «Wenn ich nicht arbeite und an Parkplätzen vorbeilaufe, schaue ich immer nach, ob die Parkscheiben richtig eingestellt sind.»

Sie passiert die Laurenzenvorstadt. Der Strasse entlang gibts etliche Parkfelder. Eine Parkuhr ist im Minus. Priska von Felten stellt ihre erste Busse aus an diesem Nachmittag. 40 Franken für 15 überzogene Minuten. Die zweite Busse folgt wenig später am Mühlematt-Parkplatz.

Die meisten Bussen würde sie an regnerischen Samstagen oder im Winter ausstellen, sagt Priska von Felten. Dann seien die Leute zu faul, um weit zu gehen. «Kontrollieren wir nicht, wirds den Autofahrern zu wohl und auch die Langzeitparkierer häufen sich.» Andere Autofahrer sollen auch eine Chance erhalten, um parkieren zu können, findet die Politesse.

Schluss beim Kantonsspital

Priska von Felten ist aber nicht nur «Büsserin», sondern auch Helferin: So weist unkundigen Autofahrern in der Stadt den Weg, verteilt Parkscheiben, hört sich auch die Sorgen der Leute an. Während sie dies erzählt, marschiert sie durch die Stadt und grüsst jemanden. An der Vorderen Vorstadt springt ein Mann zu seinem Auto, das auf einem Platz für Güterumschlag steht. Sie geht zu ihm, sofort zeigt er ihr eine Flasche Mundreiniger. «Ich war nur rasch in der Apotheke», redet er sich heraus. «Trotzdem ist es verboten, hier zu parkieren», erklärt sie. Das Tablet bleibt dennoch in ihrem Bauchtäschli.

Auf den Parkplätzen vor der Energiefirma IBAarau muss Priska von Felten einem Bauarbeiter eine Busse ausstellen. Eine Stunde zu viel: 40 Franken. Mit Bauarbeitern ist sie nachsichtig, denn sie weiss, wie schnell die maximale Parkzeit vorüber und die Arbeit noch nicht abgeschlossen ist. Eigentlich haben Arbeiter die Möglichkeit, bei der Stadtpolizei eine Tageskarte für zehn Franken zu beziehen. «Dann wären sie ihre Parksorgen los», sagt die Politesse.

Im Gönhardquartier an der Westallee ein Auto sind die weiss-linierten Parkfelder alle belegt. Viele Autofahrer haben ihre Parkscheiben mustergültig gestellt, andere haben «beschissen» und sie vorgestellt. Einige Parkierer haben gar keine Parkscheibe hinter die Windschutzscheibe gelegt.

In den letzten vier Jahren hat Priska von Felten auch notorische Parksünder kennen gelernt: Sie zahlen ihre Parkgebühr höchst selten, in der Hoffnung, ohne Busse davonzukommen. Kassieren sie doch mal eine, kommt es für sie immer noch günstiger.

Die Politesse ist beim Kantonsspital angelangt. Dienstschluss. Sie gönnt sich eine Flasche Wasser. Die Bauchtasche ist kaum leichter geworden: Von den 30 mitgenommenen Einzahlungsscheinen kleben jetzt 15 an Autoscheiben.

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