Biberstein
Diese Frau liebt das Nähen: «Ich bin süchtig nach Stoff»

Brigitte Frei näht von früh bis spät und verkauft Kinderkleider. Mit dem Erlös kauft sie neuen Stoff, verdienen will sie aber nichts. Ihr Gewinn ist unbezahlbar.

Katja Schlegel
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Brigitte Frei näht von morgens bis abends. Rund 15 Franken kostet eine Hose, ein Pulli 24 Franken.

Brigitte Frei näht von morgens bis abends. Rund 15 Franken kostet eine Hose, ein Pulli 24 Franken.

Katja Schlegel

Am frühen Morgen rief sie ihren Mann an und sagte ihm, sie werde jetzt eine Nähmaschine kaufen. Er lachte. Kein Wunder, sagt Brigitte Frei. «In all den Jahren habe ich kein einziges Mal Nadel und Faden in die Hand genommen.» Nie hatte sie einen Knopf angenäht, keine einzige Socke gestopft, nie eine aufgerissene Hose geflickt. Und jetzt, mit 65 Jahren, wachte sie auf und hatte das unbändige Bedürfnis, eine Nähmaschine zu kaufen.

Das ist jetzt eineinhalb Jahre her. Seit der ersten vorsichtigen, schnurgeraden Naht im November 2014 ist viel passiert. Heute näht Frei jeden Tag, lauter Kinderkleider, bis zu 14 Stunden am Stück. Mal hilft eine befreundete Schneiderin weiter, mal ein Filmchen auf Youtube, und manchmal, wenn es mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen hapert, dann probiert sie stundenlang, bis die Naht am rechten Fleck sitzt. Ihr Kosmetikgeschäft, das sie 35 Jahre lang geführt hatte, hat sie aufgegeben. Innert einem Monat aus die Maus, zum Entsetzen ihrer Kundinnen. Sie habe nicht anders gekonnt, das Nähen sei genau das, was sie immer habe tun wollen. «Ich platze fast vor Ideen», sagt sie. «Ich will nähen, ich muss nähen.»

Die ersten Kleider hat Brigitte Frei für die Kinder in der Verwandtschaft genäht. Im Januar 2015 verkaufte sie ihre erste Leggins für 10 Franken an eine Bekannte aus dem Dorf. Seitdem läuft das Geschäft. Doch Frei näht eigentlich nur. Verkauft werden die Kleider hauptsächlich von ihrer Schwägerin Sandra Varonier. «Ich kann die Sachen schlecht selber verkaufen», sagt Frei. Sie sei dafür viel zu selbstkritisch. «Dann sehe ich einen übrig gebliebenen Faden oder eine schräge Naht, und dann überkommen mich die Zweifel.»

Bei sich im Atelier bedient sie bisher nur Freundinnen und Bekannte. Hier dürfen die Kinder auch ihre Stoffe und Motive selber aussuchen. Für das grosse Publikum zuständig aber ist Varonier. Sie tingelt mit den Kleidern nicht nur über die Koffermärkte in der Region und verkauft sie bei Anlässen bei sich zu Hause in Turgi, sondern hat auch die Facebook-Gruppe «Kleine Fabrik» eröffnet, über die sie die Stücke anpreist.

«Ich will damit nichts verdienen»

Für die Kleider verlangen die beiden «einen Apfel und ein Ei»: Rund 15 Franken kostet eine Hose, ein Pulli 24 Franken, ein Set mit Hose, Pulli und Kappe 45 Franken. Damit sind knapp die Auslagen für den Stoff gedeckt. «Ich will damit auch nichts verdienen», sagt Frei. Andere würden um die Welt reisen und so ihr Erspartes auf den Putz hauen, sie gebe es lieber für Stoff aus. «Wenn ich in die Ferien fahre, bin ich ja doch nur unglücklich, weil ich die Nähmaschine nicht mitnehmen kann», sagt sie und lacht. «Mir ist nur wichtig, dass sich jeder die Kleider leisten kann.»

Das mit dem Stoff, das ist so eine Sache. In den Regalen steht Kiste um Kiste mit allem, was das Kinderherz begehrt. Wikinger, Dinosaurier, Büsi, Rössli, Prinzessinnen, Feuerwehrautos, Pinguine, ein Motiv herziger als das andere. «Ich bin stoffsüchtig», sagt Frei und seufzt. «Mit mir darf man in keinen Stoffladen.» Gleich geht es ihr mit den fertigen Teilen. «Ich liebe jedes einzelne Stück.» Wenn sie einen Stapel fertiger Kleider zum Verkauf abgebe, falle sie jeweils richtiggehend in ein Loch. «Zum Glück höre oder sehe ich dann, wie die Kinder sich über ihren neuen Pulli freuen, den kein anderes Kind auf der Welt hat. Das ist für mich das Grösste.»

Das Nähen hat Freis Leben komplett verändert. Nach einer Krebserkrankung vor fünf Jahren ist es das, was sie nun überglücklich macht. Ihr Mann Peter Frei ist als Architekt und Gemeindeammann viel unterwegs, da brauche sie eine Aufgabe. «Als pensionierte Frau muss man ja nicht automatisch untätig daheimsitzen und klönen, dass der Mann nicht da ist.» Ihren Mann wiederum stört es nicht, dass seine Frau nun die Tage in ihrem Atelier im Keller verbringt, im Gegenteil. «Er sagt, er geniesse es so, dass ich so glücklich bin.»