Einbürgerungen

Diese Fragen stellten sie dem 13-jährigen Veli

Den Schweizer Pass hat Veli nicht erhalten

Den Schweizer Pass hat Veli nicht erhalten

Beim Besuch des nicht eingebürgerten Schülers im neunten Stock in der Telli Aarau trifft man auf eine äusserst herzliche kurdische Familie - die jetzt Auskunft gibt, über die Fragen, die Veli beim Test nicht beantworten konnte.

Die ganze Familie A. ist versammelt, als «Der Sonntag» beim 13-jährigen Türken vorbeischaut: Die Mutter nimmt einem den Mantel ab. Der Vater und die beiden Brüder Veli (13) und Nemet (21) begrüssen den Besuch freundlich. Man zieht die Schuhe aus und alle nehmen auf dem Sofa Platz. Auf dem Tischchen davor liegen Guetzli aus dem Coop, ob man einen Kafi oder ein Glas Wasser trinken möchte, fragt der Vater. Eine ganz normale Familie. Vielleicht etwas herzlicher als der Durchschnitt.

Als das Gespräch auf den verpatzten Einbürgerungstest des Sohnes Veli A. kommt, übernimmt der grosse Bruder das Wort: «Ich war dabei, als Veli die Fragen der Einbürgerungskommission beantworten musste.» Der Vater sei damals grad im Spital gewesen und deshalb verhindert.

Recht viel richtig beantwortet

Veli habe eigentlich recht viel richtig beantwortet, erinnert er sich. Er habe beschrieben, was der Maienzug, der Bachfischet und der MAG seien. Auch verschiedene Aarauer Quartiere musste Veli A. nennen: «Die Altstadt ist dir zwar nicht mehr eingefallen», sagt der Bruder, der Detailhandelsangestellter ist, «dafür hast du andere Quartiere aufgezählt.»

Veli A. zuckt mit den Schultern. Es ist ihm peinlich. Er geht in die 3.Oberstufe im Schachenschulhaus, ist Realschüler und würde gerne eine Lehre als Automechaniker machen. Doch mit der Realschule ist das schwierig. «Noch schwieriger ist es, wenn man nur den türkischen Pass hat», weiss Nemet. «Viele Lehrmeister denken dann, der eigne sich nicht für eine Lehre.»

Nemet erinnert sich, dass bei seiner Einbürgerung vor fünf Jahren alles viel einfach war: «Das Vorsprechen dauerte höchstens zehn Minuten. Mich fragten nicht sechs Prüfer ab, sondern nur drei, und auch über nationale Politik musste ich nichts wissen.»

Er kannte die Bundesräte nicht

Genau daran ist Veli A. laut seinem Bruder gescheitert. Wie denn die Bundesräte heissen würden? Zwar wusste Veli A.,dass es sieben sind. Aber die Namen? Die kannte er nicht. Nemet holt ein Blatt aus dem Infomaterial für Einbürgerungsgesuche hervor, das die Stadt Einbürgerungswilligen abgibt.

«Schauen Sie», sagt er. Legislative, Exekutive, Judikative wird hier auf Bundes-, Kantons- und Stadtebene beschrieben. «Dazu stellte die Kommission ebenfalls eine Frage», sagt Nemet. Er erinnert sich, dass auch er sie nicht hätte beantworten können.

Er liebt Fussball

Veli A. fährt gerne Velo und liebt Fussball. In Aarau fühlt er sich daheim, auch wenn er nichts über den Stadtrat weiss. Beide Jungen sind in der Schweiz geboren. Die Türkei ist für sie ein Ferienland. Sie möchten nicht dort leben. Es habe eine Zeit gegeben, in der Veli A. in der Schule viel «Seich» gemacht habe, fast hyperaktiv gewesen sei. Veli sagt, das sei heute anders. Aber die Einbürgerungskommission habe sich vielleicht doch davon beeinflussen lassen, so Nemet.

Wieso sonst hätte die Befragung bei seinem kleinen Bruder eine halbe Stunde gedauert, viel länger als bei ihm? Und wieso habe er den Pass bekommen, auch wenn er damals keine Fragen zur nationalen Politik habe beantworten können? Stimmt es, dass Veli irgendwie gleichgültig gewesen sei bei der Befragung, so wie es die Einbürgerungskommission sagte? «Nein», sagt der grosse Bruder. Und: «Unter uns. Er hat geweint, weil er den Pass nicht bekommt.»

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