Werken wie früher
Diese Aargauer Büezer wissen noch, wie man Hand anlegt

Viele Handwerker wehren sich gegen die Automatisierung und setzen auf gute alte Handarbeit. Feiert «Handgmachts» ein Comeback?

Samuel Schumacher
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Aristoteles wäre erfreut, wenn er sähe, wie sich die Arbeitswelt in den knapp 2500 Jahren seit seinem Tod entwickelt hat. Maschinen ersetzen immer mehr Handwerker, der Mensch verliert als Warenproduzent zunehmend an Bedeutung. Eine positive Entwicklung in den Augen des griechischen Philosophen, der Handwerker bezichtigte, ein «unedles Leben» zu führen.
Aristoteles’ Berufskollege Xenophon bezeichnete die Handwerker gar als «unbrauchbare Leute», da sie wegen ihrer harten Arbeit kaum Zeit für die Familie und keine Kraft für die Verteidigung des Vaterlandes hätten.
Die beiden alten Griechen würden sich ob der Befreiung des Menschen aus dem handwerklichen Zwang zweifellos die Hände reiben. Die heutige Gesellschaft aber sieht das mehrheitlich anders. Die Krise, in der das traditionelle Handwerk steckt, weckt Bedauern.
Man fürchtet den Verlust althergebrachter Fertigkeiten und das Ende von ganzen Berufszweigen. Doch es gibt sie noch, die traditionellen Büezer, die Handwerker nach alter Art. Sie trotzen der fortschreitenden Automatisierung. Und sie füllen mit ihren Fertigkeiten Lücken, die selbst die modernsten Maschinen und die raffiniertesten Roboter nicht schliessen können. Die az hat vier von ihnen besucht.
Sibylle Kessler, Vergolderin

Sibylle Kessler, Vergolderin

Sibylle Kessler, Vergolderin

AZ

So wies Sibylle Kessler macht, so machte man es schon vor 1000 Jahren. «Das ist doch faszinierend», sagt die Vergolderin und legt sich ein hauchdünnes Blattgold-Blättchen auf dem Spezialkissen in ihrer linken Hand zurecht. Das Kissen hat sie zu Beginn ihrer dreijährigen Berufslehre zur Vergolderin hergestellt. In der rechten Hand hält sie ihr Hauptwerkzeug: einen «Anschiesser» aus Holz und Marderhaar. Mit dem Anschiesser «schiesst» sie das Gold auf die Holzfigur, die vor ihr auf dem Werktisch steht.
Sie hofft auf ein Erdbeben
Sibylle Kessler hat nach ihrer Vergolderinnen-Lehre jahrelang antike Tische, Heiligenfiguren und Spiegel restauriert und dann eine Weiterbildung als Bildhauerin gemacht. Das zweite Standbein brauchte die Handwerkerin, die im Lenzburger Wisa-Gloria-Areal eine Werkstatt betreibt. «Als Vergolderin, die nur Restaurationsarbeiten machen würde, hätte ich heute kaum noch genug zu tun. Es wurde schlicht schon fast alles restauriert in der Region.» Deshalb, sagt Sibylle Keller, wäre es eigentlich gut, wenns mal wieder ein Erdbeben gäbe. Danach wären Restauratorinnen wie sie wieder gefragt. «Das meine ich natürlich nicht ganz ernst», betont die Vergolderin und schiesst mit ihrem Dachshaar-Instrument das nächste Goldplättchen auf die Holzfigur.

Dass das Handwerk irgendwann verschwinden und der Mensch die Produktion gänzlich an Maschinen abtreten wird, das glaubt Sibylle Kessler nicht. «Mit den Händen zu arbeiten und etwas zu schaffen, das ist eine uralte kulturelle Errungenschaft, die tief im Menschen drinsteckt. Das wird kein Trend dieser Welt je aus uns rauskriegen.»

Tomy Poms, Mechaniker

Tomy Poms, Mechaniker

Tomy Poms, Mechaniker

AZ

Als Sechsjähriger hat er zum ersten Mal gelötet, mit 14 sein erstes Mixtape auf eine Kassette aufgenommen, heute baut der Tüftler in seiner Werkstatt im Hunzenschwiler Industriequartier eigene Plattenspieler und Verstärker zusammen. Daneben repariert Tomy Poms alles, was auf seinen Werktisch kommt, «ausser Billig-Kompaktanlagen von Ramschfirmen», sagt er und schielt unter seiner Vergrösserungsbrille hervor.
Die Brille wurde eigentlich für Zahnärzte produziert. Tomy Poms ist das egal. Er hat seine ganz eigenen Regeln und Techniken – und die sind gefragt. «Ich habe zum Beispiel einen Kunden, dessen Musikanlage glatte 800 000 Franken kostet. Wenn da irgendwas nicht mehr geht, kommt er immer zu mir. Der würde sein Baby niemandem sonst anvertrauen.» Und auch die alten Revox-Geräte, an denen Poms gerade rumschraubt, sind nicht eben billig. «Das ist richtig geile Ware. Ich liebe es, diese Dinge zu flicken.»
Mit Lötkolben und Zahnarztbrille
Dass man praktisch alles reparieren kann, das würden viele heute aber gar nicht mehr wissen. «Es ist schlimm, dass so viele diese Chinaschrott-Entwicklung mitmachen», sagt Poms. «Viele wissen gar nicht mehr, wie gut Musik überhaupt klingen kann», bedauert der ambitionierte Hobbymusiker. Wer immer nur zum Billigsten greife, dem blieben diese Genüsse eben verwehrt.
Auch die Entwicklung seines Berufsstands bereitet dem gelernten Radio- und TV-Mechaniker Sorgen. «Wer heute eine Multimedia-Elektronikerlehre macht, der lernt, wie man das alte Modul rausnimmt und das neue reinsteckt, that’s it.» Dass die traditionellen Reparaturtechniken trotzdem erhalten bleiben, dafür setzt sich Poms vehement ein: mit Lötkolben und Zahnarztbrille.

Röbi und Dani Werren, Geisselmacher

Röbi (l.) und Dani Werren Geisselmacher

Röbi (l.) und Dani Werren Geisselmacher

AZ

Nein, «chlöpfe», das könne er nicht, meint Röbi Werren und bindet sich einen Büschel Flachsfasern um den Bauch. «Ich bin halt eine Niete», sagt er und lacht. Eigentlich erstaunlich. Schliesslich ist Werren der Geissel-Experte schlechthin. Gemeinsam mit seinem Sohn Dani betreibt er das seltene Handwerk in der eigenen Garage. «Vier Jahre lang haben wir jede freie Minute bei Seiler Ernst Lüthi in Lenzburg zugebracht und mit ihm geübt, wie man die Jutenstränge und die Flachsbündel richtig verspinnt, zusammenlegt und ‹usrogelet›.»
Traditionsgeisseln für die Landi
Heute sind die Werrens weitherum die Einzigen, die noch «Lenzburger» und «Innerschweizer» Geisseln machen. Rund 800 sind es im Jahr. «Tendenz steigend», sagt Werren. Vor bald 20 Jahren hat er seine Garage in eine Geisselwerkstatt umgebaut. Früher machten die beiden alles von Hand. Heute helfen ihnen ein Seilerstand und ein «Drehautomat» – natürlich beide hausgemacht.
«Gchlöpft» werden darf in Lenzburg laut Polizeigesetz nur zwischen dem 1. November und dem ersten Sonntag nach dem Chlausmärt. Lohnt sich der ganze Aufwand für sechs Wochen «Gchlöpf»? «Finanziell gar nicht, obwohl wir sogar die Landi mit Geisseln beliefern», sagt der pensionierte Werren, der das Geisselmachen heute als Hobby betreibt. Aufhören ist für ihn dennoch keine Option. «Dann ginge das Handwerk verloren. Und das kommt nicht infrage!»
Ab und zu erhalten die Werrens in ihrer Geisselwerkstatt sogar Besuch von Handwerkergruppen aus Deutschland. «Die interessieren sich dafür, wie wir hier das alte Handwerk betreiben. Das ist doch einfach schön», freut sich der Geisselmacher.
Matthias Struck, Polstermeister

Matthias Struck, Polstermeister

Matthias Struck, Polstermeister

AZ

Brandlöcher im Fahrersitz des VW Käfers, ein Schranz in der Lederhandtasche, Lampenschirme für die Jacht und ein Kuhfellbezug fürs geliebte Ikea-Möbel: Matthias Strucks Kunden haben spezielle Probleme und haufenweise Sonderwünsche. «Mir kommt aber wirklich grad nichts in den Sinn», antwortet Polstermeister Struck auf die Frage, ob er denn auch schon mal etwas nicht flicken oder wunschgemäss herstellen konnte.
Struck steht inmitten seines Polsterreiches in der Halle einer alten Waschmaschinenfabrik. Rund um ihn stapeln sich Fauteuils, alte Stühle und Stoffrollen. In der Garage daneben steht eine Harley Davidson, für die er gerade einen neuen Sattel näht.
10 000 Franken im Sofaspalt

Strucks wohl berühmteste Kreation: die weisse Lederbank, die er für das SRF-«sportpanorama»-Studio hergestellt hat. «Gutes Handwerk ist gefragt. Das hat sich trotz der ganzen Automatisierung nicht geändert – im Gegenteil», betont der Polstermeister. Dass wir zu einer Wegwerfgesellschaft ohne Qualitätsbewusstsein geworden seien, glaubt er nicht.
«Viele Produkte sind heute für die Masse durchgestrählt, das gewisse Etwas geht verloren. Die Leute finden an diesen hochindustriellen Dingen je länger, je weniger Freude», sagt Struck. Apropos Freude: Besonders gefreut hat sich jene Kundin, die ihm einst ein altes Sofa vorbeibrachte mit der Bitte, es neu zu beziehen. «Als ich den alten Stoffbezug entfernte, fand ich zehn ‹Ameisi›, die jemand im Sofa versteckt und vergessen hatte», erzählt Struck. Die hat er der Kundin natürlich zurückgegeben. Handwerker seien schliesslich ehrliche Leute!