«Fabulous Urban»
Diese Aarauerin arbeitet am korruptesten Ort der Welt

Fabienne Hoelzel (40) ist in der Aarauer Altstadt aufgewachsen. Heute bringt sie mit ihrer Firma «Fabulous Urban» Hoffnung in das Chaos nigerianischer Slums.

Samuel Schumacher (Text und Foto)
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«Länder wie die Schweiz sind Inseln des Wohlstands», sagt Fabienne Hoelzel.

«Länder wie die Schweiz sind Inseln des Wohlstands», sagt Fabienne Hoelzel.

Samuel Schumacher

Man würde es Fabienne Hoelzel auf den ersten Blick nicht geben, dass sie jeden Monat aufs Neue in eines der korruptesten Länder der Welt reist und dort für ein besseres Leben kämpft.

Wenn die zierliche junge Frau in ihrem roten Sommerkleid einem im Café gegenübersitzt und sich lächelnd durch die Haare streicht, dann kann man es sich nur schwer vorstellen, wie sie in Gummistiefeln durch die Slums der nigerianischen Hauptstadt Lagos watet und mit ihren eigenen Händen anpackt, um den Menschen dort, den Menschen mit dem toten Blick und dem überharten Alltag, eine Perspektive zu geben.

Doch die 40-jährige Aarauerin, die an der Milchgasse aufgewachsen ist, macht genau das. «Slum upgrading» nennt Hoelzel die Projekte ihrer eigenen Firma «Fabulous Urban», mit denen sie Hoffnung in das Chaos der nigerianischen Slums bringen will.

«Chirurgische Eingriffe» seien das, die den maroden Körper dieser düsteren Zonen dereinst durchwuchern und in lebenswerte Quartiere verwandeln sollen: Energie-Initiativen, Gemeinschaftszentren, Mitbestimmungsprojekte.

«Ein Jugendtraum war das aber nicht. Ich bin da erst viel später via die Forschung reingerutscht», erzählt Hoelzel, die an der ETH in Zürich Architektur studiert und eine Weile lang beim Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron gearbeitet hat.

Nach ihrem Job bei Herzog & de Meuron forschte sie am Institut für Städtebau der ETH und erhielt Gelegenheit, für drei Jahre nach São Paulo zu gehen. Für die dortige Wohnbaubehörde hat sie Sozialwohnungsbauten realisiert und erste Erfahrungen als Stadtplanerin in prekären Verhältnissen gesammelt.

Eine willkommene Abwechslung für die junge Architektin. «An den üblichen Architektur- und Städtebauproblemen in der Schweiz zu arbeiten, daran fehlt mir mittlerweile der intellektuelle Reiz», sagt Hoelzel. «Ich mag ‹richtige› Probleme, inklusive der sozialen und politischen Herausforderungen.»

Das 20-Millionen-Dorf

Die Zeit in Brasilien machte ihr zwei Dinge bewusst. Erstens: Ein Grossteil der Menschen lebt im Überlebensmodus, muss sich also ständig fragen: was essen, wo schlafen, wie den Tag überstehen? Sie leben im Jetzt, ohne Blick nach vorn.

Und zweitens: Von der Globalisierung, die viele Menschen in die Armut treibt, hat die Schweiz übermässig profitiert. «Ich finde deshalb, dass wir als reiches Land eine Verantwortung tragen für diese Zustände und dass es an uns liegt, ebendiese Zustände zu verändern», sagt Hoelzel.

Der Wochenzeitung «Die Zeit» erzählte sie in einem Interview vor drei Jahren: «Länder wie die Schweiz sind Inseln des Wohlstands. Die Zukunft des Planeten wird geprägt werden davon, wie wir mit Slums umgehen.»

Und im Gespräch mit der az erklärt sie: «Es ist wichtig, dass wir die Bewohner solcher Slums dazu ermächtigen, ihre Lebensumstände aus eigener Kraft zu verbessern.»

Upgraden, die Umstände mit eigenen Kräften verändern können, nicht mehr auf den Goodwill korrupter Beamter und krimineller Banden angewiesen sein. Das tönt einfacher, als es ist.

Besonders wenn man die Umstände in Lagos kennt – der Stadt, in der Hoelzel seit einigen Jahren mit ihrer Firma arbeitet. «Lagos hat etwa 20 Millionen Einwohner, aber nur die Infrastruktur eines mittleren Dorfes», erzählt Hoelzel.

Das Chaos in der Stadt sei fast unvorstellbar. «Es trifft jeden, selbst die Oberschicht. Der Unterschied ist einfach: Die einen stehen ohne Klimaanlage und die bequeme Pufferzone eines eigenen Autos rund um sich herum im Stau, die anderen mit Klimaanlage und eigenem Chauffeur.»

So wie Hoelzel. Vier Stunden Verspätung seien fast normal. Auf getroffene Abmachungen zählen könne man sowieso kaum. Und die Korruption sei extrem, vor allem jetzt, wo die Chinesen mit ihrer «Entwicklungshilfe» in Nigeria Fuss fassen und die ethischen Standards westlicher Hilfsorganisationen kaum noch etwas zählen.

«Die grössten Leidtragenden sind auch hier die Ärmsten, die keine Möglichkeit haben, von sich aus aus dieser Hölle auszubrechen.»

Markthalle und Makoko

Zum Beispiel die Bewohner des Slums Makoko, in dem Hoelzel mit ihrer Firma verschiedene Projekte verfolgt.

Sie möchte beispielsweise ein kleines Zentrum aufbauen, in dem die Menschen tagsüber ihre Batterien aufladen können, um Abends das Licht anschalten und Hausaufgaben lösen zu können, um kochen, lesen, sich organisieren zu können.

Das wäre ein grosser Fortschritt für die Menschen in Makoko, deren Leben ein einziger, stetiger Kampf sei, sagt Hoelzel.

«Wenn ich in Makoko in die Augen der Kinder schaue, dann sehe ich da noch Freude. Schaue ich aber in die Augen der Erwachsenen, dann sind die einfach tot, der Blick ist leer.» Der verzweifelte, hoffnungslose Überlebensmodus, den es auf der Wohlstandsinsel Schweiz nicht gibt: In Makoko wird er greifbar.

Das Leben in Lagos, sagt Hoelzel, sei der pure Wahnsinn. «Es ist konstant 30 Grad, tüppig, laut und hektisch. Dass die Stadt trotzdem irgendwie funktioniert, ist fast ein Wunder.»

Die Arbeitsbedingungen seien wohl praktisch nirgendwo so hart wie in Nigeria. «Man braucht schon eine sehr hohe Frustrationsgrenze, um das auszuhalten», meint die Architektin.

Lohnt sich das denn überhaupt, in diesem Chaos kleine Solarenergieprojekte und Community Centers aufzubauen? Ist das unter diesen Umständen nicht einfach vergebene Mühe? Fabienne Hoelzel lächelt und stellt die Gegenfrage: «Was ist denn die Alternative dazu? Einfach nichts machen?»

Ans Nichts-Machen glaubt sie nicht. Sie will die teuflischen Armutskreisläufe durchbrechen, die Leute ermächtigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. 50 000 Dollar haben verschiedene Unterstützer bisher in ihre Projekte investiert. «Chirurgische Eingriffe», sagt Hoelzel noch einmal. Abgeschlossen ist die Operation noch lange nicht.

Wie ist das denn, wenn man aus Lagos zurück ins beschauliche Aarau kommt? Hoelzel überlegt. Aarau gefalle ihr immer noch, das Glockengeläut, das viele Grün.

Dennoch, so richtig märchenhaft findet sie die Gegend dann doch nicht. Für sie als Stadtplanerin ist die Gegend rund um Aarau eine «für das Mittelland typische, mitteldichte Struktur», die unter dem mangelnden Gestaltungswillen der mitbestimmenden Bevölkerung mancherorts gelitten habe. Ereifern über viel diskutierte städtebauliche Details wie die Aarauer Markthalle will sie sich aber nicht.

Auf Nachfrage meint sie: «Ich habe die Markthalle nie ganz verstanden.» Es sei damals demokratisch darüber entschieden worden. Der Bau sei also schon legitim. «Aber städtebaulich macht er wenig Sinn.»

Wäre sie als Ur-Aarauerin denn bereit, ein alternatives Gestaltungskonzept für den derzeit von der Markthalle besetzten Färberplatz zu entwerfen. «Why not?», sagt Hoelzel und lacht. Zuerst aber will sie die Welt verändern. Und die Welt, die findet nicht in Aarau statt.