Frauenstimmrecht
Diese Aarauer Lehrerin kämpfte bereits vor 100 Jahren für die Gleichberechtigung

Die Lehrerin Elisabeth Flühmann war um 1900 eine der wichtigsten Kämpferinnen für das Frauenstimmrecht.

Katja Schlegel
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Elisabeth Flühmann kämpfte in Aarau für die Frauenrechte.

Elisabeth Flühmann kämpfte in Aarau für die Frauenrechte.

unbekannt © StAAG, 56. Jahresbericht des Lehrerinnenseminars und Töchterinstituts Aarau, Schuljahr 1928 – 1929, S. 31

Höfliche Zurückhaltung war nicht ihr Ding, ihr Sinn für Gleichberechtigung ausgeprägt. Und so mauserte sich eine Aarauer Lehrerin vor 100 Jahren zu den treibenden Kräften im Kampf für das Frauenstimmrecht, zum Vorbild einer ganzen Generation selbstbewusster Frauen: Elisabeth Flühmann.

1880 wird die 29-jährige Bernbieterin als Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Geografie ans Lehrerinnenseminar und Töchterinstitut (heute Neue Kantonsschule) gewählt. Sie bekommt die Stelle, weil sie als Frau einen Drittel weniger Lohn fordern darf als ihr Konkurrent. Diese Ungerechtigkeit lässt sie nicht auf sich beruhen: 1888 gründet Flühmann den Verein Aargauer Lehrerinnen, was ihr ermöglicht, auch ohne Stimmrecht politisch aktiv zu werden.

Sie erkämpft gleiche Löhne für Lehrerinnen und Lehrer

So kann sie 1901 ihren ganz grossen Triumph feiern: «Elisabeth Flühmann hat erreicht, dass Lehrerinnen und Lehrer seit 1901 gleich viel verdienen», sagt Sibylle Ehrismann, die Flühmanns Geschichte gemeinsam mit Verena Naegele für die Ausstellung «50 Jahre Frauenstimmrecht» im Aarauer Rathaus aufgerollt hat. Eine Suche, die nicht nur die weitgehend vergessene Elisabeth Flühmann wieder ins Bewusstsein gerückt hat, sondern auch zeigt, dass sich in Aarau schon vor über 100 Jahren ein progressiver feministischer Kreis gebildet hatte.

Ihr Kampf für Gleichberechtigung bringt Flühmann die Verehrung ihrer Schülerinnen ein. Darunter finden sich illustre Köpfe wie Maja Einstein (Albert Einsteins Schwester), Marie Winteler (Einsteins Jugendliebe) und Mundartdichterin Sophie Haemmerli-Marti.

Flühmanns Publikationen triefen vor Ironie

Nach ihrer Pensionierung 1915 widmet sich Flühmann intensiv der Frauenbewegung. In der Frauenstimmrechtskampagne von 1919 ist sie im Kanton Aargau die zentrale Figur (7000 Personen unterzeichnen eine Petition für ein Frauenstimmrecht). Im gleichen Jahr druckt die Aargauer Tagblatt AG in Aarau erstmals das «Schweizer Frauenblatt».

Auch hinter dieser Wochenzeitung ist Flühmann treibende Kraft. 1921 ist sie Mitbegründerin der Aargauischen Frauenzentrale (heute Frauenzentrale Aargau). Mit Publikationen und Vorträgen kämpft Flühmann öffentlich für das Frauenstimmrecht. Sie ist nicht zimperlich, argumentiert träf und über Seiten hinweg, ihre Artikel triefen vor Ironie. So schreibt sie beispielsweise: «Er ist der Mensch, sie ihm beigegeben; er ist für den Staat und für sich da, sie für den Mann. Der Mann ist Selbstleuchter, eine Sonne, die Frau seine Trabantin, der Mond.»

Eine Direktheit, für die sie viel Bewunderung erfährt, aber auch viel einstecken muss. Doch Flühmann knickt nicht ein. «Sie war bestens mit europäischen Frauenrechtlerinnen vernetzt, sie wusste, was zeitgleich in anderen Ländern an Umbrüchen stattfanden. Das hat sie ermutigt», sagt Ehrismann.

1918 führte beispielsweise Deutschland das Wahlrecht ein, 1919 folgten unter anderem die Niederlande und Schweden, 1920 Österreich. «In den goldenen Zwanzigern schien alles möglich, der Erste Weltkrieg hatte das Selbstbewusstsein der Frauen gestärkt. Der Krieg hatte den Männern gezeigt, wie wichtig die Frau für die Gesellschaft ist», sagt Ehrismann und lächelt. «Zumindest den Männern in unseren Nachbarländern.»

Den Protestmarsch der Frauen an der ersten Saffa (Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit) anno 1928 in Bern erlebt Flühmann noch. Sie stirbt im Jahr darauf, im März 1929. Kinderlos und ledig, wie es das Gesetz wollte: Hätte Elisabeth Flühmann geheiratet, hätte sie ihren Beruf aufgeben müssen. Wie jede andere Ehefrau auch.

Quelle: Argovia, Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau (2002), Die Vita Activa der Elisabeth Flühmann, von Beat Hodler.