Von Berlin hat Aline Seitz fast gar nichts gesehen. Wie denn auch, wenn man sich nur mit Bus und U-Bahn herumfahren lassen darf, damit die Beine ja nicht zu sehr belastet werden. Stadtbummel? Verboten. Aber für Sightseeing war die junge Frau nicht in der deutschen Hauptstadt. Sondern um an der Bahnrad-Europameisterschaft mit fast 50 km/h Runde um Runde abzustrampeln.

Aline Seitz (20) ist Profi-Radfahrerin. Mountainbike, Strassenrennen, Bahnrad – egal; alles, was zwei Räder und keinen Motor hat, fasziniert sie. «Das war nicht immer so», erzählt die Athletin zu Hause am Küchentisch in einem Buchser Einfamilienhausquartier. «Die Sonntagsfährtli mit der Familie fand ich als kleines Kind immer total langweilig und fuhr den anderen mit grossem Abstand hinterher.»

Als Aline Seitz 9 war, schickten sie die Eltern in einen Mountainbike-Kurs beim RC Gränichen, damit sie mehr Fahrsicherheit erwirbt – «Und dann fand ich es plötzlich mega cool.» Einer der Sätze, den Seitz oft braucht. Der andere lautet: «Und dann war ich gar nicht so schlecht.» Denn was die Buchserin auch ausprobiert – sie hat Erfolg. Bald startete sie an Bike-Rennen, schaffte national und international Top-Platzierungen. Dann, mit 16, wollte sie an der europäischen Jugendolympiade teilnehmen. Aber: Mountainbikerennen existierten dort nicht. Also versuchte sich Seitz auf dem Rennrad – und es lief gut.

Seither nimmt sie auch an Strassenrennen teil. EM, WM, Weltcup, Seitz ist überall dabei. Wenn sie sagt: «Ich fahre einfach sehr gerne Velo», dann sagt sie es mit einer solchen Inbrunst, dass man die Tragweite dieser Leidenschaft sofort erfasst. Überhaupt strahlt sie eine ansteckende Fröhlichkeit aus.

Mitglied der Nationalmannschaft

Zum Bahnrad kam Seitz erst vor 3 Jahren. Eigentlich nur zu Trainingszwecken, weil sie zu oft in tiefer Kadenz (schwere Gänge) fuhr und sich das auf dem ganglosen Bahnrad abgewöhnen wollte. Trotz schlechten Erinnerungen an einen Bahnrad-Sturz als Kind. Und auch hier: Plötzlich machte es Spass, es folgten erste Wettkämpfe, Erfolge. Seit diesem Jahr fährt Seitz auch auf der Bahn internationale Rennen, ist in der Schweizer Nationalmannschaft. Ein neuer Trainer soll dieser zum Durchbruch verhelfen – vor den nächsten Olympischen Sommerspielen müssen Nationenpunkte gesammelt werden.

Bislang konnte Seitz, die am liebsten mit den Männern trainiert («Sie fordern mich heraus, ausserdem gibt es keine Zickenkriege»), im bike-freien Oktober jeweils eine Trainingspause einlegen. Durch den Einsatz auf dem Bahnrad fiel die Pause dieses Jahr weg. «Aber das ist nicht schlimm, weil ich im Frühling verletzungsbedingt etwas zurückstecken musste. Ich fühle mich gut und bin Feuer und Flamme für die neue Bahn-Saison – meine erste in voller Länge.»

Am Tag nach dem Interview wird sie fürs Trainingslager nach Grenchen reisen. Nebenbei trainiert sie weiterhin auf Bike und Rennvelo, an fünf bis sechs Tagen pro Woche sitzt sie auf einem Sattel. «Ein Saisonplan sorgt dafür, dass es mir nicht zu viel wird.»

Ab Montag in der Sportler-RS

Nur selten ist die junge Frau im Moment zu Hause. Dann nimmt sie sich Zeit, um Kolleginnen zu treffen, Büroarbeiten zu erledigen, Velos zu putzen und ausgiebig Geige zu spielen. Und um ins Kino zu gehen: «Das ist ein guter ‹Ausgang›, der dauert nicht so lang …» Als Spitzensportlerin muss man beizeiten ins Bett, sonst leidet die Trainingsqualität. «Und Tanzen gehen ist auch nicht ideal für die Beine.» Erstaunliche Worte für eine 20-Jährige, aber diszipliniert zu sein, fällt der ehrgeizigen Sportlerin leicht: «Ich habe ein mega tolles Leben, reise für Trainings und Rennen durch die ganze Welt und darf mein Hobby als Beruf ausüben.»

Aline Seitz ist mit ihrer Leistung an der Bahn-EM in Berlin zufrieden. zvg

Aline Seitz ist mit ihrer Leistung an der Bahn-EM in Berlin zufrieden. zvg

Velofahren ist indes kein billiger Sport, schon gar nicht, wenn mal drei Disziplinen betreibt. «Obwohl ich in einem Mountainbike-Profiteam bin, reicht das bei weitem nicht zum Leben», so Seitz. Umso dankbarer ist sie ihren Sponsoren: Gewerbebetriebe aus der Region, die Sporthilfe, Privatpersonen.

Im Sommer hat Aline Seitz die Sportkanti in Aarau abgeschlossen. Am Montag beginnt «mein Abenteuer der nächsten 18 Wochen»: Sie absolviert die Spitzensport-Rekrutenschule. «Nur sehr wenige Sportler erhalten diese Chance, ich fühle mich richtig geehrt. Es ist ein Privileg, unter besten Bedingungen trainieren zu dürfen.»

Fernziel: Tokio 2020

Nach der RS will Seitz Psychologie studieren. Aber ihren Hauptfokus legt sie auf den Sport. Das Fernziel: Tokio 2020. Olympia. Ob auf dem Bahnrad, dem Bike oder dem Rennrad steht noch nicht fest, die grössten Chancen auf einen Startplatz bestehen wohl im Bahnrad. Klar ist: «Will ich da hin, muss ich alles investieren.»

Szenenwechsel, von der Küche in den Garten. Für den Fotografen reaktiviert Aline Seitz altes Trainingsequipment und springt auf dem elterlichen Rasen über verwitterte Holzrugel. Nach dem Interview wird sie noch eine Trainingsrunde einlegen, flach dieses Mal, und nicht allzu weit nach den ganzen EM-Anstrengungen. Obwohl sie sonst gerne über die Jurapässe fährt – Staffelegg, Benkerjoch, Saalhöhe. Sie freut sich sichtlich auf die bevorstehende Ausfahrt in der Herbstsonne, aufs Abschalten: «Wenige Leute sitzen zwei Stunden in der Stube auf dem Stuhl und denken über das Leben nach. Ich kann das tun – einfach auf dem Velo.»

Nächster Wettkampf: Bahn-Weltcup in Manchester, 12. November.