Weltenbummler

Die Zwangspause ist vorbei: Die zwei Aarauer zieht es zurück aufs Velo

Ein Unglück kommt selten allein. Auch bei den Aarauer Weltenbummlern Guido Huwiler und Rita Rüttimann. Zuerst bremste sie ein Beckenbruch, dann eine Lungenembolie. Am Dienstag brechen die beiden Reisenden erneut auf. Das Ziel: Australien.

So etwas hatten die beiden chinesischen Polizisten wohl ihrer Lebtage noch nicht gesehen: Da stand einer vor ihnen, im Velodress und mit Bart bis auf die Brust, und wetterte und fluchte, dem Teufel ein Ohr ab. Auf Berndeutsch. Und das alles vor einem Tunnelportal auf einer Autobahn Kunming in der chinesischen Provinz Yunnan.

Guido Huwiler (57) lacht schallend. Klar, er war der fluchende Velofahrer, der sich mit der Abkürzung über die Autobahn einen Umweg sparen wollte. Und diese Geschichte ist nur eine, die so unerwartet endet, wie so viele zuvor: Die Chinesen packten Huwiler und dessen Velo auf ihren Pick-up und chauffierten ihn bis zu der gewünschten Kreuzung.

All das, ohne ihn zu büssen, geschweige denn zu verhaften; den verrückten Kerl, der da mit dem Velo über die Autobahn strampelte. Sie stellten bloss scheu und herzlich lächelnd die Frage nach einem Selfie.

Ihre Olympia-Geschichte ging um die Welt

Es ist diese Hilfsbereitschaft, es sind diese Begegnungen, die Guido Huwiler und seine Frau Rita Rüttimann Huwiler (59) seit Mai 2016 antreiben. Vor gut 3,5 Jahren verkauften sie in Aarau ihr Hab und Gut, kündigten ihre Jobs, und fuhren los. Ihr Ziel: 2016; das Nordkap, 2017 waren es dann die Olympischen Winterspiele im Februar 2018 in Südkorea.

Hier startete Guidos Sohn Mischa Gasser in der SkiFreestyle-Kategorie Aerials. Eine Geschichte, die damals international für Schlagzeilen sorgte. Das chinesische Fernsehen, «Le Matin», «Eurosport», «Reuters», die BBC oder die «Washington Post» berichteten über die beiden Aarauer, die 17'000 Kilometer weit geradelt waren, um Mischa vor Ort die Daumen zu drücken. Eine Geschichte, die schon weit zurückliegt.

In der Zwischenzeit ist viel passiert. Ritas Beckenbruch, zugezogen bei einem Velounfall in der Schweiz, ausgerechnet. Abertausende Kilometer lang war nichts passiert, dann der Unfall bei einem Besuch in der Schweiz, wegen eines Verbremsers auf einem Veloweg. «Eigentlich waren wir nur kurz in der Schweiz, um das Visum für China zu holen», sagt Guido und seufzt.

Aus dem Kurzbesuch wurden fünf Monate

Aus dem Kurzbesuch wurden fünf Monate Genesungspause – für Rita. Guido flog zurück nach Japan, wo sie die Velos gelagert hatten, und reiste ein paar Wochen mit Mischa weiter. Dann nahm Guido die Fähre nach China, fuhr weiter nach Osttibet, Vietnam, Laos, Kambodscha.

Dies auf ausdrücklichen Wunsch von Rita. «Es tat gut, allein zu reisen», sagt Guido. In Kambodscha trafen sich Rita und Guido wieder, nach Ritas Genesung. Zusammen gings weiter über Thailand nach Burma, Thailand, Malaysia, Indonesien. Doch Ritas Unfall sollte nicht die letzte Zwangspause gewesen sein.

Im Frühjahr 2019 flogen die beiden in die Schweiz, um den Sommer wandernd zu verbringen. Kaum gelandet, merkte Guido, dass etwas nicht stimmte. «Ich kam mit dem Velo noch nicht einmal mehr den Tellirain hoch, weil mir die Luft ausging. Die Ärzte sagten, mir fehle nichts», sagt Guido. Er bestand auf einen Untersuch. Zum Glück. Er hatte sich während dem Flug in die Schweiz eine schwere Lungenembolie eingefangen.

Aufbruch nach Australien und Neuseeland

Seither ist wieder viel Zeit verstrichen. Zeit, in der Guido und Rita viel wanderten oder pedalten, aber nur immer ein paar Wochen am Stück. Doch das ist den beiden nicht genug. Heute Dienstag brechen sie wieder auf, mit Ziel Australien. Wieder lassen sie alles und alle zurück, für mindestens eineinhalb Jahre. Die beiden können es kaum erwarten. «Wir sind uns so gewohnt, draussen zu sein; uns wird es sturm, wenn wir in einer Wohnung leben müssen», sagt Guido.

Aber da ist noch mehr. Ritas Beckenbruch und Guidos Lungenembolie. «Das hat uns gezeigt, dass jetzt nicht die Zeit ist, zu schlafen. Wenn wir noch etwas erleben wollen, dann müssen wir jetzt los.» Und Rita sagt: «In all den langen Stunden in der Physiotherapie hatte ich nur das Velofahren im Kopf. Ich muss zurück aufs Velo, mich zieht es.»

Nach Australien soll es via Neuseeland unter anderem zurück nach China gehen. China, Guidos Sehnsuchtsland, zu seiner eigenen Überraschung. Da, wo Polizisten Selfies schiessen, anstatt zu büssen.

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