Aarau
Die Wertschöpfung aus dem Wakker-Jahr ist nicht messbar

Die Bilanz des Wakker-Preises ist feinstofflich – am wichtigsten ist wohl, was er in den Köpfen bewirkt hat.

Sabine Kuster
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Das Gebäude an der Hinteren Bahnhofstrasse in Aarau (Klinkerbau rechts) der Frei Architekten schirmt das Wohnquartier zum Bahnhof hin ab. Chris Iseli

Das Gebäude an der Hinteren Bahnhofstrasse in Aarau (Klinkerbau rechts) der Frei Architekten schirmt das Wohnquartier zum Bahnhof hin ab. Chris Iseli

Chris Iseli

2014 war das Jahr, in dem die Aarauer vielleicht etwas stolzer als zuvor durch ihre Stadt gingen. Es war das Wakker-Preis-Jahr. Aarau gilt seither in der Schweiz offiziell als schön. Zwar zeichnet der Schweizer Heimatschutz mit seinem Preis einen vorbildlichen Aspekt aus, diesmal wars die «qualitätsvolle Verdichtung». Aber ganz allgemein verschaffte der Wakker-Preis der Stadt mehr Renommee. Das findet auch Stadtpräsidentin Jolanda Urech.

Ein gutes Ansehen also. Was noch? Die Aargauer Zeitung fragte Jolanda Urech und Stadtbaumeister Felix Fuchs nach ihrer Wakker-Bilanz. Finanziell hat der Preis der Stadt 20 000 Franken eingebracht, doch 168 000 Franken gab die Stadt im Wakker-Jahr für Plakate, die Preisübergabefeier, den Apéro für die Bevölkerung, die Leporellos und Ähnliches aus. Budgetiert waren 177 000 Franken gewesen. «Ich finde, wir haben Grosses für dieses Geld herausgeholt», sagt Jolanda Urech.

Was hat der Preis des Schweizer Heimatschutzes der Stadt Aarau gebracht?

Jolanda Urech: Das Bewusstsein, die Sensibilität für qualitativ hochstehendes Planen und Bauen sind gewachsen. Nicht nur auf der fachlichen Ebene, sondern auch in der Bevölkerung. Die Leute machten diesen Bewusstseinswandel mit. Das ist wichtig, um die Stadt weiter gut entwickeln zu können.
Felix Fuchs: Ich hoffe, dass das Bewusstsein für gutes Bauen bei allen Akteuren geweckt wurde, auch bei den Behörden.

Kann man den Nutzen beziffern?

Fuchs: Nein, die Wertschöpfung ist natürlich nicht messbar. Genauso wenig, wie die Image-Wirkung der Krimiserie «der Bestatter». Aber das Interesse an der Stadt nahm zu und hält an: Nebst den vielen offiziellen Wakker-Führungen von aarau info hat das Stadtbauamt im vergangenen Jahr rund 25 Führungen selber für Fachleute, Behörden, Kommissionen und Planungsämter geleitet. Das gab auch uns neue Impulse.

Wer kam zu Besuch?

Fuchs: Beispielsweise Vertretungen der Kantone Bern und Baselland, dann aus der Stadt Chur, aus Cham, Belp und zwei aus der Romandie.

Worüber sprachen Sie?

Fuchs: Wir tauschten Erfahrungen und Vorgehensweisen aus. Vor allem knüpften wir neue Kontakte oder konnten bestehende lebendig halten. Zudem wurde ich zu Referaten eingeladen, zum Beispiel in Sursee und Thun.
Urech: Ich werde für den Städteverband an einer Tagung in Solothurn ein Inputreferat zum verdichteten Bauen halten. Die Leute denken jetzt bei Aarau auch an Wakker-Stadt und qualitätsvolles Planen und Bauen. Der Preis ist also ein Standortfaktor. Das ist das Schöne an Städteentwicklung: Es ist nichts Exklusives für bestimmte Schichten, alle haben etwas davon.

Und zwar über mehrere Jahrzehnte ...

Urech: Ja, man sollte der nachfolgenden Generation nicht nur möglichst keine Schulden, sondern auch gute öffentliche Räume hinterlassen, in denen man sich wohl fühlt.

Die Altstadt steht seit rund fünfhundert Jahren. Die neueren Quartiere werden wohl nicht so lange überleben.

Fuchs: Die Bausubstanz ist heute vielleicht etwas kurzlebiger, aber es geht um die Grundstrukturen. Die Struktur der Laurenzenvorstadt, welche der Architekt und Berner Stadtbaumeister Osterrieth in der Helvetik plante, besticht noch heute. Er zeichnete vor allem Strassengevierte und nur wenige einzelne Häuser.
Urech: Mit einzelnen Häusern kann es schon schieflaufen. Es gibt auch Bausünden in Aarau. Jene, die sich noch an das Gebäude des alten Globus erinnern können, trauern ihm noch heute nach. Die grosse Treppe in der Mitte mit dem Lift – es tut weh, dass das Gebäude nicht mehr steht. Auf dem Färberplatz wurde eine Häuserzeile rausgerissen und es entstand einfach kein richtiger Platz.
Fuchs: Die Bausünde dort wurde mit der Markthalle geheilt. Seinerzeit war es falsch, dass man etwas abriss, ohne geplant zu haben, was in der Lücke entstehen soll.

Es stört Sie also nicht, wenn einzelne Gebäude hässlich sind?

Fuchs: «Hässlich» ist ein subjektiver und emotionaler Begriff. Jede Bauepoche zeigt ihren eigenen Zeitgeist. Und bei jedem Stil gibt es Qualitätsunterschiede. Der Städtebau, die räumliche Disposition der Stadt, ist langlebig und entscheidend, nicht primär das einzelne Gebäude. Der Städtebau kümmert sich um Strukturen – die Fassaden können immer wieder ändern. Wenn Zeiterscheinungen, die zwar mitprägen, reversibel sind, sind sie eher verkraftbar.

Die Fassade des neuen Bahnhofs ist nur schwer abänderbar.

Urech: Den Bahnhof samt Bahnhofplatz finde ich super. Er ist urban und eine neue Visitenkarte der Stadt. Hier fühle ich mich wohl. Und das sollte Architektur ja: den Menschen dienen.
Fuchs: Beim Wakker-Preis ging es nicht um die einzelne Architektur, sondern um Zukunftsstrategien des Planens und Bauens.

Was tut die Stadt, damit künftig auch Leute hier wohnen können, die sich keine teuren Wohnungen leisten können, wie sie im Torfeld Süd entstehen?

Urech: Es gibt in Aarau keine Tradition für den städtischen Genossenschaftsbau. Wir haben praktisch keine eigenen Liegenschaften. Das hat man vielleicht verpasst. Umso wichtiger sind die Genossenschaftswohnungen, wie beispielsweise jene auf dem Land der Ortsbürgergemeinde in der Aarenau im Scheibenschachen.
Fuchs: Die Stadt hat immerhin in den Goldern Land im Baurecht abgegeben, damit bezahlbare Wohnungen entstanden. Im Torfeld Süd wird das Preisgefüge in dreissig, vierzig Jahren auch anders sein. Durch das Altern von Gebäuden entsteht wieder günstiger Wohnraum.