Aarau

Die Vorlieben der Diebe: Alkohol und Zahnbürstenaufsätze

Auch Alkohol liessen die Kriminaltouristen aus den Läden mitgehen. (Symbolbild)

Auch Alkohol liessen die Kriminaltouristen aus den Läden mitgehen. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht verurteilte drei weissrussische Kriminaltouristen, die Läden in der Region beklaut hatten.

Pjotr, Pavel und Sergej (Namen geändert) stammen aus Pinsk, einer Stadt im Südwesten Weissrusslands. Die drei jungen Herren, alle um die 26, 27 Jahre alt, reisten am 12. November letzten Jahres in die Schweiz, mieteten ein Auto und buchten in einem Aarauer Gästehaus für einen Monat ein Zimmer. Das Interesse der drei Touristen galt allerdings nicht den schönen Aarauer Giebeln, sondern dem Sortiment der hiesigen Einkaufsläden. Besonders angetan hatten es ihnen nachweislich Whisky, Champagner, Sportschuhe und Zahnbürstenaufsätze. Deshalb waren sie nach Ablauf der geplanten Aufenthaltszeit immer noch hier. Nur logierten sie nun im Zentralgefängnis Lenzburg, im Bezirksgefängnis Kulm und im Bezirksgefängnis Zofingen. Dieser Tage hatten sie sich vor dem Bezirksgericht Aarau zu verantworten.

In der Region Aarau aktiv

Die Anklage der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau lautete auf bandenmässigen Diebstahl und in Sergejs Fall auch auf Hehlerei. Zur Last legte ihnen die Staatsanwaltschaft Ladendiebstähle im Coop Unterkulm, in der Migros Buchs sowie in der Dosenbach-Filiale Unterentfelden. Für Sergej forderte die Staatsanwaltschaft eine unbedingte Freiheitsstrafe von einem Jahr, für Pjotr und Pavel eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten bei einer Probezeit von drei Jahren. Sergej drohten sieben Jahre Landesverweisung, den andern beiden je sechs Jahre. Pjotr und Pavel hatten zwar, was sie auch zugaben, die Waren in Buchs, Unterkulm und Unterentfelden mitlaufen lassen, während Sergej offenbar den Chauffeur spielte, doch war er früher schon in der Schweiz auf krummen Touren ertappt worden, was die unterschiedlichen Strafanträge erklärte.

Nicht eben gesprächig

Sergej erwies sich in der Hauptverhandlung als ausgesprochen unkooperativ. Er verweigerte weitestgehend die Aussage. Nur gerade, dass er verheiratet sei und keine Kinder habe, gab er preis. Aber selbst die Frage von Gerichtspräsident Andreas Schöb nach seiner Nationalität liess er unbeantwortet. Rund 20 Mal liess er sich nur ein trockenes «keine Antwort» entlocken. Die andern beiden gaben zwar wiederholt zu verstehen, sie hätten bei den Einvernahmen schon geantwortet und nun nichts mehr beizufügen. Zumindest vier Ladendiebstähle gaben sie im Grundsatz aber zu.

Sergejs Verteidiger attackierte die Staatsanwaltschaft frontal und verlangte einen Freispruch für seinen Mandanten – samt Entschädigung für die ausgestandene Untersuchungshaft und für die – nach der Festnahme am 2. Dezember 2016 – nutzlos gewordene Anmietung von Fahrzeug und Logis. Die Staatsanwaltschaft, führte der Verteidiger aus, vermittle den Eindruck, Sergej habe sich bei den Diebstählen jeweils mit seinem Mobile in der Nähe aufgehalten, was sich nicht nachweisen lasse. «Es fehlen alle Beweise.» Und, so der Verteidiger: «Er hat nichts mit dem Ganzen zu tun.»

«Bandenmässigkeit ist gegeben: Hinter den Diebstählen stand eine gemeinsame Planung.»

Andreas Schöb, Gerichtspräsident

«Bandenmässigkeit ist gegeben: Hinter den Diebstählen stand eine gemeinsame Planung.»

Die Anwältinnen von Pjotr und Pavel bestritten die Bandenmässigkeit des Vorgehens. Dass es sich bei ihren Mandanten um Kriminaltouristen handle, lasse sich nicht von der Hand weisen, jedoch wiege ihr Verschulden – mehrfacher Diebstahl – leicht. Die Staatsanwaltschaft habe übers Ziel hinausgeschossen, indem sie das Ganze nicht im Strafbefehlsverfahren erledigt habe. Auch habe sie das Anklageprinzip verletzt. Sie könne oft nicht aufzeigen, woher die beschlagnahmten Gegenstände stammten.

Die Verteidigerinnen wollten es daher bei einer bedingten Geldstrafe bewenden lassen sowie von Busse und Landesverweisung absehen.
Gerichtspräsident Schöb hatte wenig Verständnis für diese Optik. Er folgte mit seinem Urteil weitgehend den Anträgen der Anklage. Einzig vom Vorhalt der Hehlerei sprach er Sergej mangels Beweisen frei. Hingegen erklärte er sowohl Pjotr und Pavel als auch Sergej des bandenmässigen Diebstahls schuldig. Den vorbestraften Sergej verknurrte er zu einer unbedingten zehnmonatigen Freiheitsstrafe. Die 259 Tage U-Haft werden ihm dabei angerechnet.

Die andern beiden Beschuldigten kamen mit 10 Monaten bedingt bei einer Probezeit von drei Jahren und unter Anrechnung der Untersuchungshaft davon. Allerdings müssen sie eine sogenannte Verbindungsbusse von je 1000 Franken bezahlen – oder ersatzweise zehn Tage absitzen. Alle drei werden für sechs Jahre des Landes verwiesen. Zusätzlich ordnete das Gericht die Ausschreibung im Schengener Informationssystem an.

«Touren gemeinsam geplant»

Die Bandenmässigkeit bejahte Schöb ganz klar. Hinter dem Vorgehen der drei Weissrussen habe eine gemeinsame Planung gestanden. «Immer wieder waren sie zu dritt am gleichen Ort.» Pro Tag seien sie rund 190 Kilometer gefahren. Das gefundene Deliktsgut im Wert von 5000 Franken sei nach Angaben eines der Beschuldigten die Ausbeute eines einzigen Tages gewesen. Mit der Wahrheit, so Andreas Schöb, hätten es die drei grundsätzlich «nicht so gehabt» und in der Voruntersuchung immer wieder andere Aussagen gemacht. Dabei habe es sich fast ausschliesslich um Schutzbehauptungen ohne jede Glaubhaftigkeit gehandelt.

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Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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