Erlinsbach SO
Die verschwundene Statue von Erlinsbach ist plötzlich wieder da

Nach knapp 60 Jahren ist die fast vergessene Statue des Evangelisten Johannes in die katholische Kirche in Erlinsbach SO zurückgekehrt – zur grossen Überraschung des Pfarrers.

Katja Schlegel
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Maler Bruno Krüttli (li.) hat die Statue für eine Diplomarbeit restauriert. Pfarrer Stefan Kemmler freut sich über die Rückgabe.

Maler Bruno Krüttli (li.) hat die Statue für eine Diplomarbeit restauriert. Pfarrer Stefan Kemmler freut sich über die Rückgabe.

Chris Iseli/AZ

Einzig die Statuen und die Kreuzwegstationen traute man sich nicht ins Feuer zu werfen. Ansonsten waren die Erlinsbacher radikal: Bei der Renovation der prunkvoll eingerichteten katholischen Kirche 1956 flog aller Schnickschnack raus. Altare, Kanzel, Stuckaturdecke und selbst die Kirchenbänke wurden entfernt, die Malereien übertüncht. Übrig blieben nur die kahlen, weissen Wände – und viel böses Blut. Der Kahlschlag in der Kirche hatte die Gemeinde entzweit.

Die Statuen wurden erst in den Dachstock der Kirche gestellt, dann in den Keller und später in den Estrich des Pfarrhauses. Und da blieben sie. Es war das Jahr 1995, als sich ein junger Erlinsbacher an die Statuen im Pfarrhausestrich erinnerte. Bruno Krüttli, damals 27 Jahre alt, suchte ein Objekt für seine Diplomarbeit für die Höhere Fachprüfung im Malergewerbe. Nach den ersten Ausbesserungsarbeiten an einem anderen Corpus Christi hatte es ihm den Ärmel reingenommen, sein Interesse an der Erhaltung kunsthistorischer Objekte war geweckt.

Die üppigst geschmückte Kirche vor der Renovation 1956.

Die üppigst geschmückte Kirche vor der Renovation 1956.

zvg

Putzfeen hatten dem Mantel zugesetzt

Krüttli wusste, dass die Skulpturen noch vorhanden sind, und fragte bei Pfarrer Benedikt Dopple an, ob ich den Evangelisten restaurieren dürfe. «Die Statue des Johannes war die, die am meisten gealtert hatte, er war das spannendste Objekt», sagt Krüttli. Und so nahm er die 152 Zentimeter grosse und 49 Kilogramm schwere Statue mit nach Hause.

Übereifrige Putzfeen und die Jahre auf dem Estrich bei Wind und Wetter hatten dem Evangelisten stark zugesetzt. Im Gesicht, an den Händen und dem Gewand waren mehrere Stellen abgeplatzt, die Farbe lag unter einer dicken Staubschicht. Das Blattgold auf dem Mantel war an einigen Stellen stark durchgerieben, stellenweise gerissen. Im Sockel hatte sich gar der Holzwurm eingenistet.

Weil es die Firma Glauner, die die Statuen 1910 geschaffen hatte, nicht mehr gab, musste Krüttli die Statue erst auf das verwendete Material hin untersuchen. Nach Rücksprache mit der Denkmalpflege schliff er die aus Eichen-, Buchen- und Lindenholz zusammengesetzte Statue ab und putzte den Dreck mit einer frischen Scheibe Brot ab, «weil da der Dreck gut daran kleben bleibt». Danach füllte er Risse und Abplatzungen auf, spritzte die Wurmlöcher aus und strich die ganze Figur neu. Das Gewand des Johannes beklebte er mit Dutzenden Blättchen Blattgold. «Hundert Stunden haben dafür nicht ausgereicht», sagt er heute. Die ganze Arbeit erledigte er jeweils nach Feierabend, am Wochenende oder in den Ferien. Auch das Geld, das er für Farbe und Blattgold hinblättern musste, bezahlte er aus dem eigenen Sack.

Seinen Schutzpatron zu Hause

Nach Abgabe der Diplomarbeit – Krüttli bekam dafür die Note 5,5 – blieb der Johannes in der heimischen Stube stehen. «Es war irgendwie nie die Rede davon, dass die bei der Renovation auf den Estrich entsorgten Statuen wieder in die Kirche zurückkommen sollten», sagt Krüttli. Und so sei der Johannes – notabene der Schutzpatron der Maler – einfach da geblieben. «Man entwickelt schon eine enge Beziehung zu einem solchen Objekt, wenn man so lange daran arbeitet und es immer da ist.» Erst jetzt, bei der Renovation seines Hauses, sei die Zeit reif gewesen, den Evangelisten in die Kirche zurückzubringen, für die er vor 100 Jahren extra geschaffen worden war. Nach Rücksprache mit der Sakristanin habe er sie deshalb ins Auto gepackt und in die Kirche zurückgestellt.

Pfarrer Stefan Kemmler staunte nicht schlecht, als kurz vor Ostern der Johannes plötzlich in der Ecke stand. «Ich habe davon nichts gewusst. Aber es ist eine sehr schöne Überraschung, eine perfekt restaurierte Statue zurück zu bekommen», sagt er. Jetzt stelle sich bloss noch die Frage, wo der Evangelist künftig stehen soll.