Theater
Die Vergangenheit wird beerdigt

«White Crest» in der Tuchlaube Aarau besticht durch starke Emotionen und ein raffiniertes Bühnenbild

Tirza Gautschi
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Lukas (Michael Wolf) umarmt die falsche Frau.

Lukas (Michael Wolf) umarmt die falsche Frau.

HO

«Du bis es?!» Der erste Satz im Theaterstück «White Crest» ist eine Frage und Antwort zugleich, und jedes einzelne Wort von Lukas ist mit leidenschaftlichen Emotionen durchtränkt. Nachdem Judith den Ort ihrer Kindheit vor vielen Jahren fluchtartig verlassen hat, begegnet Lukas seiner Geliebten am Grab deren Mutter zum ersten Mal wieder.

Von der ersten Minute an beherrscht die unheimliche und leidenschaftliche Anziehungskraft zwischen Lukas (der Aarauer Schauspieler Michael Wolf) und Judith (Annelore Sarbach) die Theaterbühne und stellt den Auftakt eines sinnlichen Verwirrspiels dar.

Und doch ist die heimliche Heldin des Abends Priska Praxmarer. Die Schauspielerin verkörpert die Rolle von Anna, die sich angeblich jahrelang um die kranke Mutter Judiths gekümmert hat. Der von Kopf bis Fuss in Grau gekleideten Frau gelingt es, die fürsorgliche Kälte, die krankhafte Obsession mit jeder Geste, Haltung und mit jedem einzelnen Wort auszudrücken.

Klare Linie

Die von der Regisseurin Lilian Naef subtil inszenierten Dialoge lassen den Zuschauer immer mehr über die Verstrickungen zwischen den einzelnen Charakteren erfahren. Die Schwangerschaft Judiths, überraschende Verwandtschaften und ein Mann, der eine Frau liebt und eine andere benutzt. Mirjam Neidharts Theaterstück nimmt immer wieder neue Wendungen, wobei sich der Zuschauer nie sicher ist, welcher Erzählung er Glauben schenken soll.

Während die Beziehungen immer komplexer werden, sorgt das raffinierte Bühnenbild für die nötige klare Linie. Die schlichten, grauen Elemente lassen sich für jede Szene ohne grossen Aufwand umstellen. Während sie zu Beginn das Grab von Judiths Mutter darstellen, nehmen sie kurz darauf die Grundrisse eines Hauses an. Ein Tisch, ein Zimmer oder ein Kleiderschrank. Mithilfe kleiner Details können aus den Vierecken beliebige Szenen nachgestellt werden, ohne das Auge zu irritieren. Denn genau wie das Bühnenbild strahlt die gesamte Produktion trotz der Leidenschaft eine reduzierte, unheimliche Stimmung aus. Erzählt allerdings Judith von ihrem Aufstieg zur erfolgreichen Designerin mit dem Modelabel «White Crest» (Schaumkrone), wird der Sog des Stücks unnötig gebremst.

Während Sarbach immer authentischer in der Rolle der Judith aufgeht, neigt sich das Stück langsam zu Ende. Die grauen Elemente werden wieder zu dem Grab der Mutter zusammengefügt, wo Lukas und Judith ihre gemeinsame Vergangenheit beerdigen.

White Crest Aarau, Theater Tuchlaube, Fr., 14. Dezember, Sa., 15. Dezember, jeweils 20.15 Uhr. Vorverkauf:
062 834 10 34 / www.tuchlaube.ch

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