Aarau/Gränichen
Die Urnenwähler stellen heute lediglich noch fünf Prozent

Vor 20 Jahren wurde im Aargau die briefliche Stimmabgabe eingeführt, heute hat sie sich durchgesetzt. Nur noch 5 Prozent der Stimmberechtigten gehen heute an die Urne. Mit dem E-Voting ist bereits die nächste Umwälzung im Anmarsch.

Toni Widmer
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Urnenwahl als Ritual: André Widmer bei der Stimmabgabe im Gemeindehaus Gränichen. Toni Widmer

Urnenwahl als Ritual: André Widmer bei der Stimmabgabe im Gemeindehaus Gränichen. Toni Widmer

Toni Widmer

Für André Widmer ist es ein Ritual: «Brieflich oder gar elektronisch abstimmen kommt für mich nicht infrage. Da geht die Tradition verloren», sagt er und steckt die Stimmzettel in die Urne im Foyer des Gränichen Gemeindehauses.

André Widmer gehört zu einer verschwindenden Minderheit. Nur noch 5 bis 6 Prozent jener Aargauer Bürgerinnen und Bürger, die ihr Stimm- und Wahlrecht regelmässig wahrnehmen, tun das an der Urne.

95 Prozent und mehr wählen und stimmen brieflich ab», bilanziert Mariann Steiger, Sachbereichsleiterin im kantonalen Wahlbüro.

Für sie kein Nachteil: «Den Stimmberechtigten kommt die Möglichkeit der brieflichen Abstimmung entgegen. Sie brauchen sich nicht nach den Urnenöffnungszeiten zu richten, und damit sinkt sicher auch die Wahrscheinlichkeit, eine Abstimmung zu verpassen», sagt sie.

Anderseits, erklärt Steiger weiter, profitiere auch der Kanton davon, dass heute die meisten Stimmzettel nicht erst am Abstimmungswochenende abgegeben würden:

«Bei wichtigen Abstimmungen – beispielsweise bei Nationalrats-, Ständerats- und Grossratswahlen – erlaubt der Kanton heute, dass bereits am Samstag mit der Auszählung begonnen werden kann. Dadurch sind die Resultate am Sonntag deutlich früher da.»

Das sieht auch Hanspeter Suter so. Der langjährige Gränichen Gemeindeschreiber sagt: «Wir sind auch bei jenen Wahlgängen schneller, bei denen wir erst am Sonntag auszählen dürfen. Weil am Sonntag schon bis zu 95 Prozent aller Wahlcouverts auf der Verwaltung sind, können wir früher loslegen und die Resultate früher dem Kanton melden.»

Am Sonntag waren kurz nach 8 Uhr bereits alle Mitglieder des Gränicher Wahlbüros im Gemeindehaus versammelt.

Auch wer in Gränichen an die Urne will, muss früh aufstehen. Abgestimmt werden kann noch am Sonntag von 8.30 bis 9 Uhr. Das sowohl im Gemeindehaus wie auch in den Weilern Refental und Rütihof.

Ab 2014 Versuche mit E-Voting

«Es sind vor allem noch die älteren Wähler, die an die Urne gehen», glaubt Martin Süess, Leiter Rechtsdienst und stellvertretender Chef der Gemeindeabteilung. Für die ganz junge Generation der Stimmberechtigten sei auch die briefliche Stimmabgabe nicht unbedingt das Ei des Kolumbus. Diese würden auf das E-Voting warten. Für Süess hat sich die briefliche Stimmabgabe, die im Aargau 1993 eingeführt worden ist, bewährt. Er vermutet, dass ohne sie die Stimm- und Wahlbeteiligung noch tiefer läge: «Ich kann es nicht belegen, denke aber, dass die briefliche Stimmabgabe zumindest zu einer gewissen Konstanz bei der Stimmbeteiligung geführt hat.»
Im Aargau, erklärt Süess, sei die briefliche Stimmabgabe recht grosszügig geregelt. So dürfen die Gemeinden heute bei Verhältnis- oder Proporzwahlen (Nationalrat, Grossrat) die Couverts am Wahlwochenende schon am Samstag öffnen und auch mit Auszählen beginnen. Früher brauchte es dazu eine Ausnahmebewilligung. Das E-Voting (elektronische Abstimmung) ist im Aargau seit 2010 für Auslandschweizer möglich. Die Akzeptanz ist hoch: «Von den Auslandschweizern, die sich an den Urnengängen beteiligen, stimmen bereits 55 Prozent elektronisch ab, Tendenz steigend», sagt Thomas Wehrli, Leiter E-Voting-Projekt beim Kanton. Die Erfahrungen seien auch beim Bund positiv und allgemein werde vermutet, dass sich mit der Einführung des E-Votings in naher Zukunft die Stimmbeteiligung zumindest halten, wenn nicht sogar leicht steigern lasse.
Mitte Jahr werde der Bundesrat beschliessen, wie es mit der aktuell laufenden E-Voting-Versuchsphase weitergehen solle. Ziel sei es, die elektronische Abstimmung in 10 Jahren flächendeckend einzuführen.
Im Aargau, sagt Wehrli, sei ein erster Feldversuch ab 2014 geplant: «Wir sehen vor, in drei bis vier Gemeinden das E-Voting für eine Testphase von vier Jahren einzuführen.» (tO)

Suter hofft, dass Gränichen noch eine Weile an der Urnenabstimmung festhalten kann. Schliesslich sei das eine schöne Tradition.

So sieht es auch Stimmenzähler Heinz Stirnemann, der auf eine Amtszeit von bald 30 Jahren zurückblicken kann: «Früher waren die Urnen in Gränichen am Freitagabend eine Stunde geöffnet, dazu am Samstagmorgen und am Samstagabend sowie am Sonntagmorgen eine Stunde.»

Er könne sich noch daran erinnern, erzählt Stirnemann, wie die Stimmberechtigten an der Urne hätten anstehen müssen: «Bei den Nationalratswahlen beispielsweise müssen wir die Listen auf der Rückseite abstempeln. Damit wird verhindert, dass eine Person zwei oder mehr Listen einwirft. Da kam es früher schon etwa zu Verzögerungen und Warteschlagen.»

Der Rückgang der Urnenwähler kam in Gränichen schleichend. Einen ersten Schub habe es nach der Einführung der brieflichen Abstimmung (im Aargau 1993) gegeben, sagt Gemeindeschreiber Hanspeter Suter: «Dann blieb es eine Weile konstant. Mittlerweile haben die brieflichen Abstimmungen kontinuierlich zugenommen und wir haben Urnenöffnungszeiten nach unten angepasst.»

Im Aarauer Stadtteil Rohr kommt Landwirt André Wyss etwas atemlos im Foyer der ehemaligen Gemeindeverwaltung an: «Schön, dass wir hier noch eine Urne haben und ich nicht in die Stadt fahren muss», sagt er und legt seinen Stimmzettel ein.

«Normalerweise», erklärt er, «stimme ich brieflich ab. Aber diesmal habe ich es verpasst, die Unterlagen rechtzeitig abzuschicken.» Er sei froh um die Urne und hoffe, dass diese Tradition nicht abgeschafft werde.

Ohne sie hätte er jetzt eine für ihn sehr wichtige Abstimmung verpasst: «Ich gehe fast immer abstimmen, das Raumplanungsgesetz ist für mich als Landwirt aber von besonderer Bedeutung.»

Nathalie Siegenthaler und Hans Jürg Podzorski betreuen das Stimmlokal in Aarau Rohr schon länger und meistens gemeinsam. Beide hoffen, dass dieser Urnenstandort auch weiterhin beibehalten wird.

«Am Samstag sind immerhin gegen 30 Leute gekommen und heute werden es wohl auch etwa so viele sein», erklärten sie kurz vor Urnenschluss am Sonntagmorgen.

Der direkte Kontakt mit den Wählerinnen und Wählern gefällt beiden. «Das ist noch direkte Demokratie», sagt Hans Jürg Podzorski.

Entsprechend freut er sich, als eine dunkelhäutige Frau mit ihrem kleinen Kind an der Hand das Wahllokal betritt und fragt, wie das mit dem Abstimmen jetzt genau funktioniere.

«Das war jetzt eine typische Erstwählerin. Vielfach sind es traditionsbewusste ältere Stimmberechtigte, die noch an die Urne kommen. Aber nicht selten sind es auch junge Wählerinnen und Wähler oder neu Eingebürgerte, die für ihre erste Abstimmung bewusst an die Urne kommen. Für sie ist das ein richtiges Zeremoniell. Man spürt, dass sie stolz darauf sind, ihre Bürgerrechte wahrnehmen und abstimmen zu dürfen.»