Ob die Stadtpräsidentin wohl in die Stadtführerinnenuniform gestiegen ist? Nein. Statt rotem Jackett ein brauner Mantel, auch der schwarze Hut fehlt. Aber das macht nichts.

Jolanda Urechs Stadtführung ist ja auch nicht mit Historischem gespickt, dafür ist Edith Schmid zuständig, die offizielle Stadtführerin an ihrer Seite.

Urechs Führung ist eine persönliche, eine zu ihren Lieblingsorten. Und eine, auf der jede Minute zählt, findet sie doch im Rahmen von «Aarau bewegt sich» statt. Es gilt Minuten zu scheffeln, um die Zofinger im Gemeindeduell zu bodigen.

Im Einbauschrank versteckt sich eine beleuchtete Garderobe.

Im Einbauschrank versteckt sich eine beleuchtete Garderobe.

Lieblingsorte sind Geschmacksache. Das zeigt sich bei der ersten Station, der Markthalle. Als Urech sagt, die Halle gefalle ihr als Objekt sehr gut, verziehen die meisten der knapp 30 Personen in der Gruppe das Gesicht.

«Aber», sagt Urech und die Mienen hellen sich auf, «wenn man drin steht, spürt man ein unangenehmes Ziehen. Das ist nicht so behaglich.» Die Zuhörer nicken.

Am Graben ist man sich von Beginn weg einig: Der Wochenmarkt, der jeden Samstag hier stattfindet, ist eine wunderbare Sache. Sie trage manchmal so viele Einkäufe nach Hause, dass ihr Mann ganz verzweifelt frage, wer denn das alles essen solle, erzählt Urech.

«Es sieht halt immer alles so gut aus, man kann gar nicht widerstehen.» Urechs absoluter Lieblingsort übrigens ist ein ehemaliger Friedhof: der Kasinopark. «Wenn hier im Sommer Alt und Jung den Ort bevölkern, sich wohlfühlen und sich begegnen, dann ist das wunderbar.»

Nach dem Bummel via Schlossplatz und Laurenzentorgasse zur Tuchlaube geht es ins Rathaus. Vorbei an den Porträts der bisherigen Stadtammänner, die im Gang mit gestrengen Blicken von den Leinwänden gucken, quer durch das Sekretariat direkt in Urechs Büro.

Hier muss sich keiner sorgen, mit dem Rucksack oder dem Ellbogen eine der Vasen von den Regalen zu fegen. Das Büro ist gross. Mit Blick auf die Rathausgasse, mit knarzendem Parkett und einer taubenblauen Wand, mit schwarz-weiss gestreiften Sesseln und einem gewaltigen Tisch aus Ulmenholz. «Da hätte sogar noch ein Bild vom neuen Bahnhof Platz», meint einer aus der Gruppe und zeigt grinsend hinter Urechs Pult.

Mit grossen Augen steht die Gruppe da, und hört zu, was die Stadtpräsidentin erzählt: Dass sich ihr Leben seit Januar sehr verändert habe, dass sie die Agenda längst nicht mehr selber führen könne und doch bemüht sei, jeden Tag zwei Stunden Zeit für sich zu haben, um Akten zu lesen und sich vorzubereiten. «Die hat ganz schön viel Arbeit», murmelt einer.

Die grosse Überraschung, die steckt im Einbauschrank: Da stapeln sich nicht bloss Bundesordner, nein. Da versteckt sich eine beleuchtete Garderobe mit Mantel und Schuhen, einem kleinen Lavabo und einem Spiegel. Drei Mädchen sind ganz aus dem Häuschen, so was wollen sie auch in ihren Zimmern. Wurde das extra für sie eingebaut? «Nein, nein», sagt Urech und lacht, «das war schon da.» Man habe das Kabäuschen lediglich etwas aufgefrischt.

Nach einer guten Stunde geht es zurück in die Markthalle. Jeder in der Gruppe zieht seinen Zettel aus dem Sack, damit die Minuten gezählt werden können. Jede Minute zählt. Zofingen, sagt einer, sei nämlich grausam im Vorsprung.