Der Telli-Biber hat nicht aufgegeben. Ende Januar wurde ein Damm, den er am Sengelbach bei der kleinen Brücke nördlich des Polizeikommandos aufgeschichtet hatte, beseitigt. Das hat ihn offenbar nicht beeindruckt. Nun soll sein Wirken am Sengelbach, in unmittelbarer Nähe der Telli-Wohnzeilen, erheblich erschwert werden: Gemäss Amtsblatt vom 26. Oktober hat das Departement Bau, Verkehr und Umwelt, Abteilung Wald, Sektion Jagd und Fischerei, in dieser Sache eine Verfügung erlassen.

Mit dieser werden die Stadt Aarau und die betroffenen Immobilienfirmen, die Wincasa AG und die Realit Treuhand AG, ermächtigt, während fünf Jahren Biberdämme aus dem Sengelbach zu entfernen.

Schutz in Setz- und Säugezeit

Genau genommen gilt die Bewilligung für den Abschnitt vom Austritt aus der Röhre beim Telli-Center bis zum Waldrand, rund 70 Meter vor dem Einmünden des Sengelbachs in die Aare. Es gibt unter Umständen auch eine saisonale Einschränkung: Während der Setz- und Säugezeit des Bibers (1. April bis 31. Juli) dürfen keine Biberdämme entfernt werden, sofern im definierten Perimeter Biberbaue vorhanden sind.

Biber sind nach eidgenössischem Jagdgesetz geschützte Tiere. Auch ihre Baue und Dämme stehen unter gesetzlichem Schutz. Je nach Art und Standort eines Biberdamms ist für dessen Entfernung eine kantonale Verfügung erforderlich. Vor neun Monaten konnte der Kanton den Damm beim Polizeikommando entfernen, ohne dass dafür eine Verfügung nötig gewesen wäre. Hans Döbeli von der kantonalen Jagdverwaltung sagte damals gegenüber der AZ, der Damm sei für den Telli-Biber nicht lebenswichtig und er befinde sich nicht in einem Schutzgebiet.

Döbeli schloss nicht aus, dass der Biber, wenn sein Damm weg sei, anderswo am Bach von vorne beginnen werde. Genau das ist eingetroffen. «Der Biber», sagt Christian Tesini, Fachspezialist in der Sektion Jagd und Fischerei, «hat sich noch dauerhafter eingenistet.» Nun weiter unten am Sengelbach. Im letzten Winter sei man noch von einem «temporären kleineren Damm» ausgegangen. Davon könne nun keine Rede mehr sein.

Biber akzeptiert Situation nicht

Zunächst hatte man versucht, das Problem mit einer Kompromisslösung in den Griff zu bekommen: Im September baute die Sektion Jagd und Fischerei beim zu diesem Zeitpunkt bestehenden Hauptdamm ein Rohr ein, um den Wasserstand auf einem erträglichen Niveau zu halten. Das sei zwar gelungen, heisst es in der Verfügung. Nur habe der Biber «die neue Situation nicht akzeptiert» – und weitere Dämme gebaut. Das Rohr habe daher die Situation nur kurzfristig entschärft. Die Erkenntnis daraus: Eine dauerhafte Lösung sei das nicht.

Aarau hat ein neues Hobby: Biber-Spotting an der Aare

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Fast jeden Abend waren im Sommer 2017 beim Zurlindensteg in Aarau Biber sehen. 

Hochwasserschutz beeinträchtigt

Der Einstau hinter den Biberdämmen führt laut Verfügung «zu einer akuten und erheblichen Gefährdung der Hochwassersicherheit» und beeinträchtigt die Funktionsfähigkeit der Siedlungsentwässerung. Damit haben die Stadt Aarau, die Wincasa AG und die Realit Treuhand AG ihr Gesuch von Mitte Oktober um «dauernde Entfernung der Biberdämme und -bauten am Sengelbach» auch begründet.

Im Einzelnen lassen sich die Probleme wie folgt benennen: Der neue Hochwasserschutzdamm, der die östlich des Bachs gelegenen Schrebergärten schützt, ist nicht auf das Untergraben durch den Biber und die permanente Durchnässung ausgelegt. Wird das Wasser aufgestaut, haben einige Holzbrücken dauernden Kontakt mit dem Wasser und drohen zu verfaulen. Und die Meteorwasserleitungen können zum Teil heute schon nicht mehr richtig in den Sengelbach entwässern.

Letztlich hatte man die Wahl, die gefährdeten Objekte durch technische Massnahmen besser zu schützen oder die Dämme zu entfernen. Mit ihrer Verfügung hat die Sektion Jagd und Fischerei nun eine vorsorgliche Massnahme getroffen. Eine solche trifft die Behörde von Gesetzes wegen, «wenn dies zur Abwehr eines drohenden, nicht wiedergutzumachenden Nachteils notwendig ist». Die Kosten für präventive Massnahmen wie die Entfernung von Biberdämmen tragen die Grund-, beziehungsweise Werkeigentümer. Ihr Handeln müssen diese gegenüber der kantonalen Behörde dokumentieren.

Biber knabbern Bäume – und Äpfel, wie dieses Video aus einem Aarauer Garten zeigt

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Wer nahe an der Aare wohnt, kann schon mal Besuch von einem Biber bekommen. Dieser hier raschelte am heiterhellen Tag durch einen Aarauer Garten und knabberte genüsslich an den Äpfeln, die dort im Gras lagen. (Juli 2018)

Biber-Spezialist Tesini betont, dass dem Biber mit der Entfernung der Dämme am Sengelbach die Lebensgrundlage nicht entzogen werde. Die von ihm bevorzugten Weichhölzer wie Weide und Pappel finde er hier ohnehin kaum. Um sich damit einzudecken, müsse er zur Aare hinunterschwimmen.

Nur ist es eben so, dass die Räume an der Aare eng sind. Die Biberpopulation im Aargau wird auf rund 350 Individuen geschätzt. Die geeigneten Lebensräume an den grossen Flüssen sind mehrheitlich besetzt. Deshalb breitet sich der Biber vermehrt auch in die Seitengewässer aus.

Dämme wurden bereits entfernt

Die Verfügung und das vollständige zugehörige Dossier liegen bis zum 25. November bei der Sektion Jagd und Fischerei im Buchenhof, Aarau, zur Einsichtnahme auf. Beschwerdeberechtigt sind gesamtschweizerisch tätige Naturschutzorganisationen, die rein ideelle Zwecke verfolgen. Einer allfälligen Beschwerde wurde aber, gestützt auf das kantonale Gesetz über die Verwaltungsrechtspflege, die aufschiebende Wirkung entzogen.

Damit hat die zuständige Behörde dafür gesorgt, dass der Vollzug nicht verhindert werden kann. Wer am Sengelbach nach Biberdämmen Ausschau hält, wird denn auch derzeit nicht fündig: Meister Bockerts Werke der letzten Monate wurden dem Vernehmen nach am letzten Freitag beseitigt, just am Tag, an dem die Verfügung im Amtsblatt publiziert wurde.