«Wie die Jungfrau zum Kind» – so sei er zu der BP-Tankstelle gekommen, sagt der heute 67-jährige Yves Polin, der sieben Jahre lang eine der grössten Tankstellen in Aarau führte. Montag war sein letzter Arbeitstag. Tatsächlich hat der Dottiker keine typische Tankwart-Vorgeschichte. Als Marketingfachmann verkaufte er zuerst Kosmetikprodukte, später Bankdienstleistungen. Mitten in der Bankenkrise stand er dann mit 59 Jahren auf einmal ohne Job da. «Ich konnte mich entweder frühpensionieren lassen oder eine neue Herausforderung annehmen», sagt er mit einem Lächeln. Er entschied sich für Letzteres. Und bereut bis heute seine Entscheidung nicht.

Zu seiner Tätigkeit betont er zu aller erst, dass er es niemals geschafft hätte ohne seine «sieben Perlen». Damit meint er seine sieben Mitarbeiterinnen, wovon er sechs von seinem Vorgänger übernommen hatte. «Wir waren eine kleine Familie und ich werde sie vermissen», sagt er. In Schichten teilten sie sich die Arbeiten von 6 bis 22 Uhr und den Sonntagmorgen. «Stunden voller Begegnungen», sagt Polin. Als er die Tankstelle übernahm, suchte er eigentlich nach einen Überbrückungsjob, damit er gemütlich in die Pension rutschen konnte. Doch schon bald merkte er, dass der Job doch seine 100-prozentige Anwesenheit verlangte. Und das störte ihn dann gar nicht. Im Gegenteil, es machte ihn solchen Spass, dass er nun sogar zwei Jahre über das Pensionsalter arbeitete.

Nulltoleranz für Schwarztanker

«In diesem Beruf trifft man die unterschiedlichsten Leute, von der Sexarbeiterin bis zum CEO», sagt Yves Polin. Zu einigen Stammkunden baute er eine freundschaftliche Beziehung auf. Mit der Randständigen, die nur zum Reden vorbeikam, mit dem spielsüchtigen Lösli-Käufer, mit dem Arbeiter, der sein Bier noch vor Ort austrank, mit der TV-Moderatorin, die morgens noch ungeschminkt ihr Kaffee kaufte. «Da bekamen wir manchmal auch viele Geschichten mit», sagt Polin. «Hier spielt sich eben das Leben ab.»

Obwohl er eigentlich eine «Nulltoleranz» hat bezüglich Gesetzeswidrigkeiten, drückte er auch mal beide Augen zu. «Wenn jemand einen Hygieneartikel klaut, dann macht er dies aus der Not heraus.» Bei den Schwarztankern hingegen hatte Polin kein Erbarmen. Mithilfe der Überwachungsvideos fand er jeweils den Täter, den er dann vor die Wahl stellte: «Entweder Sie zahlen oder es gibt eine Anzeige.» Die Drohung wirkte meistens. «Es gibt eben diejenigen, die einfach vergessen, zu zahlen, und andere, die unverfroren Benzin klauen.» Manchmal verzeigte er die Leute gleich: Zum Beispiel als eine bekannte Politik-Persönlichkeit mithilfe seiner Kinder alte Pneus und Sondermüll vor der Tankstelle deponierte. Um wen es sich handelte, will Polin beim Interview mit der az partout nicht verraten. Verschwiegenheit und Diskretion gehört auch zum Tankwart-Beruf. Polin hält sie auch als nebenamtlicher Friedensrichter im Kreis Wohlen ein. Dieses Amt wird er noch einige Jahre ausüben.

Gegen allgemeinen Erwartungen hatte der Tankwart nie negative Erfahrungen mit alkoholisierte Kunden. «Auch Jugendliche haben nie Ärger gemacht.» Auch habe er nie vor Überfällen Angst gehabt. Dank Schulungen hatte er aber ein Bewusstsein entwickelt. «Wir sind realistisch: Die Tankstelle ist ein gefährlicher Arbeitsort.» Jetzt freut sich Polin auf Ruhe und Entspannung, am liebsten in seinem Hausboot.