Gastkolumne

Die Stadt wühlt in privaten Gärten

Bäume und Grünflächen bereichern eine Stadt in verschiedener Hinsicht. (Archivbild)

Bäume und Grünflächen bereichern eine Stadt in verschiedener Hinsicht. (Archivbild)

«Die Stadt möchte nun auch Einfluss nehmen auf die Umgebungsgestaltung privater Liegenschaften», schreibt Kreisschulrats-Präsidentin Martina Suter in der Gastkolumne «Leben in Aarau».

Aarau ist die Gartenstadt schlechthin. Kaum eine Stadt ist durch so viel Grünes geprägt. Grossflächig blüht und spriesst es in vielfältiger Weise. Dies gilt es zu erhalten. Körper und Seele der Einwohnerinnen und Einwohner danken es – ganz besonders, weil der Klimawandel und die damit erwarteten Hitzeperioden nicht Halt machen vor unseren Stadttoren.

Schützen, erhalten, pflegen, aufwerten. Aarau ist mehr als vorbildlich unterwegs. Nebst dem Bund und dem Kanton hat die Stadt zusätzliche, vielfältige Regelungen für Naturbelange erlassen. Unter anderem werden grossflächige Gebiete als Schutzzonen ausgewiesen. Vielerorts ist ein Grünanteil von 45 Prozent auf Baulandparzellen vorgegeben. Im Herbst hat der Stadtrat ein über achtzig Seiten langes Biodiversitätskonzept mit daraus abgeleiteten Massnahmen verabschiedet. Und ganz aktuell wurde gestern im Einwohnerrat über «Mehr Bäume weniger Teer» sowie über eine klimaangepasste Stadtentwicklung debattiert.

Bäume und Grünflächen bereichern eine Stadt in verschiedener Hinsicht. Solche Erholungsorte sind wertvoll und wichtig, prägen das Stadtklima und dienen als ökologische Oasen – mehr denn je. Dem Stadtrat obliegen in diesem Zusammenhang gewisse Aufsichts- und Entwicklungsaufgaben. Dem Anliegen ist grundsätzlich wenig Kritisches entgegenzuhalten. Wenn es aber um behördlich verordnete Auflagen, Vorschriften und Einschränkungen für den privaten Garten geht, dann gilt es besonders aufmerksam zu sein. Denn dort ist eigentlich der Eigentümer Herr oder Frau der Sache.

Dass Stadtbäumen ein hoher Stellenwert zukommt, ist nachvollziehbar. Nun möchte die Stadt aber auch Einfluss nehmen auf die Umgebungsgestaltung privater Liegenschaften. Es sollen neu auch Bäume in privaten Gärten geschützt und erhalten werden. Und so ist kürzlich, vorab in ersten Quartieren, eine Testphase für ein Bauminventar angelaufen – im Auftrag der Stadt, geplant und durchgeführt von zwei externen Unternehmen. Ökologisch wertvolle Bäume auf privatem Grund sollen in einem einsehbaren Plan erfasst und dokumentiert werden, steht im zugestellten Brief der Verwaltung.

Massnahmen, Regulierungen oder Verbote sind im Brief noch keine erwähnt, im Moment sei noch alles freiwillig. Da erinnere ich mich ungern an die Inventarisierung von über 300 privaten Liegenschaften im Rahmen der Verabschiedung der neuen Bau- und Nutzungsordnung vor zwei Jahren. Ziemlich willkürlich wurden private Liegenschaften aufgrund der Beurteilung durch eine beauftragte Firma, mit oberflächlichem Blick vom jeweiligen Gartenzaun aus, in einer Liste erfasst. Seither sind sie Teil eines Inventars für «schützenswerte» Bauten, was mehr oder weniger Einschränkungen für deren Abriss oder Umbau mit sich bringt. Aufgrund der heftigen Reaktionen der entsprechenden Eigentümer wurde versprochen, in Kürze harte Kriterien zu erarbeiten und die Liste zu bereinigen. Seither ist es aber immer noch ganz ruhig in dieser Sache und die betroffenen Liegenschaftsbesitzer bleiben weiterhin im Ungewissen.

Die jahrhundertealte Entwicklung der Stadt, zu der sie heute geworden ist, hat mit wenigen staatlichen Eingriffen etwas Grossartiges hervorgebracht. Es wäre zu wünschen, dass die Stadtverwaltung den Liegenschaftsbesitzern auch heute vertraut, dass sie weiterhin umsichtig mit ihrem Besitz umgehen und Vielfalt statt Einheitsbrei hervorbringen. Denn wer kann besser wissen, was schön und richtig ist für jeden Eigentümer als er oder sie selbst?

Martina Suter (56, FDP) ist Juristin und Unternehmerin sowie Präsidentin des Kreisschulrats. Sie wohnt in Aarau.

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