Aarau
Die Stadt im Mittelalter: Solange der Nachtwächter singt, ist alles gut

Ein nächtlicher Rundgang durch die Stadt Aarau mit Geschichten aus dem Mittelalter – mit einem Fuss im vierzehnten Jahrhundert, mit einem Fuss im Jahr 2013.

Katja Schlegel
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Stadtführung in Aarau mit Geschichten aus dem Mittelalter
6 Bilder
Magd Agnes Henz in einem Kostüm aus dem 13
Magd Agnes Henz in der Golattenmattgasse vor der letzten öffentlichen Badstube
Im Schein einer Kerze liest Agnes Henz den Zuhörern etwas vor
Der Nachtwächter erzählt in der Halde von Bernhard Matters Fluchtversuchen
Das Stadtführer-Trio Carolina Fierz, Reinhard Mundwiler und Agnes Henz (v

Stadtführung in Aarau mit Geschichten aus dem Mittelalter

Katja Schlegel

Trutzig ziehen sich die Hausmauern hoch in den schwarz-blauen Himmel, das Licht einer Kerze lässt Schatten an den Wänden des Ehgrabens tanzen. Eine Taube stösst ab, im Dunkeln verhallt ihr wimmernder Flügelschlag, auf der Gasse hört man Absätze über das Kopfsteinpflaster klappern.

Wenn man die Augen schliesst, glaubt man den Gestank wahrzunehmen, der hier vor rund 600 Jahren über all dem gelegen haben muss. Ein Gestank, der die Sinne benebelte mit seiner stechend süsslichen Gewalt. Ein Gemisch aus Urin, verdorbenem Kohl, fauligem Holz, Rattenkot, eingedorrtem Schweiss und fettigen Laken.

Es ist Samstagabend in der Stadt. In den Wirtshäusern wird gebechert, in den Gassen ausgelassen gefeiert – damals wie heute. Für Recht und Ordnung sorgten im Mittelalter Nachtwächter Reinhard Mundwiler, die Hellebarde in der einen, eine Laterne in der anderen Hand, um den Hals das Horn. Er passt auf, dass sich kein Gesindel herumtreibt, er wacht, dass kein Feuer ausbricht. Und er singt, dass es hallt. Solange der Nachtwächter singt, ist alles in Ordnung.

«Hört, Ihr Leut’ und lasst Euch sagen: Unsre Glock’ hat zehn geschlagen. Zehn Gebote setzt’ Gott ein. Gib, dass wir gehorsam sei’n. Menschenwachen kann nichts nützen; Gott muss wachen, Gott muss schützen. Herr, durch Deine Güt’ und Macht, gib uns eine gute Nacht.»

Es ist Mittelalter in der Neuzeit, mit einem Fuss im Aarau des dreizehnten, vierzehnten Jahrhunderts, mit einem Fuss im Jahre 2013. Drei verkleidete Stadtführer nehmen uns mit auf eine mittelalterliche Führung. Und wenn sie so erzählen, hört man förmlich die Hirsche schnaufen, die im Graben grasen und sich Fett anfressen, um später hohem Besuch als Schmaus zu dienen. Man glaubt, das dumpfe Geschrei der Gefangenen zu hören, die im Häxeloch im Obertorturm ihrer Peiniger harren. Und dann ist da doch wieder das Hier und Jetzt: Ein Polterabend kreuzt den Weg der Gruppe, wie eine Königin lässt sich die Braut feiern, mit Diadem und güldnem Fummel.

Folgsam marschiert die Gruppe Magd Agnes Henz hinterher, die mit blutten Füssen über die Stadtmauer eilt – helle Betonplatten, eingelassen in den neuen Belag, als Erinnerung an die Kyburgische Stadtmauer und die Stadtgründer: Hartmann IV. und V. von Kyburg, zwischen 1240 und 1248, haben die Stadt auf dem Felssporn errichtet.

Es geht von der Laurenzentorgasse den Graben entlang zum Obertorturm, dem mit 61,24 Metern höchsten noch existierenden Mittelalterturm der Schweiz. Die Magd erzählt von Hexen, von Nägelistiften gegen Zahnweh, vom Nachbarn, der sich mit der Axt in den Arm geschlagen hat und bestimmt nicht mehr lange zu leben hat.

Sie führt die Gruppe an die Brunnen, den Ort für Klatsch und Tratsch – und die Cholera, eine bakterielle Infektionskrankheit, die für die Stadt lange Zeit ein Problem darstellte. Und auf dem Kirchplatz beklagt sie sich lauthals über die Berner, die mit der Reformation nicht nur die Hochaltare aus der Stadtkirche reissen liessen, sondern auch die Orgel – weil keine Musik vom Wort Gottes ablenken sollte.

Wir kommen in die Halde, das frühere Armenviertel. Nur ein Dachgiebel ist hier bemalt, und das auch erst seit wenigen Jahrzehnten. Hier soll der Scharfrichter gewohnt haben, links vom Haldentor. Ein gemiedener Mann, der in der Beiz separat auf einem dreibeinigen Stuhl hocken musste. «Dreibeinig, wie der Galgen im heutigen Park des Kantonsspitals», erzählt der Nachtwächter, und doppelt mit der Geschichte vom gewieften Dieb Bernhard Matter nach, der bei seinem Fluchtversuch durch den Kamin im Aarauer Rathaus grad noch an den Füssen gepackt werden konnte. Und dann singt er die letzte Strophe des Nachtwächterliedes und verschwindet in der Nacht.

«Alle Sternlein müssen schwinden, und der Tag wird sich einfinden. Danket Gott, der uns die Nacht, hat so väterlich bewacht.»

Die nächste Führung findet am Freitag, 30. August, um 21 Uhr, statt. Anmeldungen nimmt Aarau Info entgegen (062 834 10 34 oder mail@aarauinfo.ch). Es wird ein Unkostenbeitrag erhoben.

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