Aarau

Die Schule allein kann die Kinder nicht fördern

Mit dem Projekt soll bereits vor dem Start in Kindergarten und Schule die Chancengerechtigkeit gefördert werden.

Mit dem Projekt soll bereits vor dem Start in Kindergarten und Schule die Chancengerechtigkeit gefördert werden.

Die Schweizer Stiftung Jacobs Foundation hat für die Vernetzung der verschiedenen Bildungsakteure in der Stadt Aarau finanzielle und fachliche Unterstützung zugesagt – ein Pionierprojekt

«Bildung ist mehr als Schule», sagt Daniele De Min. «Die Kinder lernen ebenso in der Familie, auf dem Spielplatz, im Sportverein, im Musikunterricht und in der Gruppe Gleichaltriger.» De Min ist Leiter Sektion Kind, Jugend, Familie und Integration der Stadt Aarau. Auf diese Bildungsakteure sei die Schule dringend angewiesen, denn diese werde mit immer mehr Aufgaben belastet und schaffe es nicht allein, Chancen-Ungleichheiten unter Kindern aufzufangen.

Der Stadtrat beabsichtigt deshalb, mit dem Projekt «Bildungslandschaft Aarau» die verschiedenen Akteure im Bereich Bildung zu vernetzen. Er hat dies zu einem Legislaturziel erklärt. Das Projekt erfährt fachliche und finanzielle Unterstützung durch die in Deutschland und in der Schweiz tätige Jacobs Foundation. In der Schweiz haben sich bis jetzt 21 Gemeinden vorgenommen, mit diesem Projekt die Chancengleichheit der Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Im Aargau ist die Stadt Aarau noch die einzige, die mitmacht.

Förderunterricht kostet viel

Wenn Kinder mit den Anforderungen der Schule nicht zurechtkommen, steigt der Bedarf an Förder- und Stützunterricht. Und das kostet bekanntlich viel Geld. Vor allem der Übertritt in den Kindergarten ist oft schwierig. Deshalb sollen Menschen aus anderen Kulturen, vor allem die Mütter, lange vor dem Schuleintritt erreicht werden. Das kann eine Schule nicht leisten. Deshalb gelte es, alle Akteure und Lernfelder, die zur Bildung eines Kindes beitragen, zu vernetzen, sagt De Min. Nebst der formalen Schulbildung müssten auch die nonformale Bildung (Spielgruppe, Mittagstisch, Verein oder Bibliothek) und die informelle Bildung im Alltag und in der Familie einbezogen werden.

«Wir suchen nicht die Kooperation der Bildungsanbieter um der Kooperation willen», sagt Projektleiter Daniele De Min. Es würden auch keine neuen Angebote und Stellen geschaffen. Und es gehe erst recht nicht darum, die Eltern von ihrer Verantwortung zu entbinden. Im Gegenteil, die Eltern spielten in der Bildungslandschaft eine zentrale Rolle. «Die bereits vorhandenen Ressourcen, Akteure und Lernfelder werden vernetzt, damit sie gemeinsam auf ein konkretes Ziel hinarbeiten.»

Leistungsunterschiede erkennen

Gemäss Franziska Graf-Bruppacher, Stadträtin Bildung und Kultur, ist es das erklärte Ziel des Stadtrats, Leistungsunterschiede, die sich durch die Herkunft sowie das soziale und familiäre Umfeld ergeben können, aufzufangen und Chancengerechtigkeit zu fördern. Am Netzwerk beteiligen sich idealerweise Elternorganisationen, die Schule und die Kindergärten, die Sport- und Freizeitvereine, die Tagestrukturen, Quartiervereine, Gemeinschaftszentren, Kindertagesstätten, Spielgruppen, die Kirchen und kulturelle Einrichtungen. Von der Zusammenarbeit all dieser Akteure sollen Kinder von null bis sieben Jahren sowie deren Eltern profitieren.

Die Bildungslandschaft Aarau soll ein gemeinsames konkretes Ziel verfolgen, zum Beispiel die Förderung von Kindern im Übertritt in den Kindergarten und in die Schule. Es sollen nicht nur die kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes gefördert werden, die Kinder sollen selbstständig sowie sozial, motorisch und emotional für den Eintritt in den Kindergarten bereit sein.

Guter Start ins Erwachsenenleben

In einem späteren Schritt ist beabsichtigt, auch Jugendliche vom Projekt «Bildungslandschaft Aarau» profitieren zu lassen. In diesem Projektstadium würden auch die Jugendarbeit und die Sportvereine eingebunden. Nur wenn die Kinder in diesen Organisationen starke soziale und emotionale Kompetenzen erwerben, sei ein guter Start ins Erwachsenenleben gewährleistet, sagt De Min.

«Die Potenziale sind vorhanden, doch wie und in welchem Umfang sie nutzbar gemacht werden können, ist offen», sagt De Min. Ohne Schule geht es aber nicht. Schulpflege und Gesamtschulleitung seien schon mal im Boot.

Box: 20000 Franken pro Jahr von der Jacobs Foundation

Nachdem das Konzept in Deutschland erfolgreich war, fördert die Jacobs Foundation den Aufbau von lokalen Bildungslandschaften auch hierzulande. Die Jacobs Stiftung, 1989 von Klaus J. Jacobs in Zürich gegründet, unterstützt das Projekt in Aarau von 2015 bis 2018 mit jährlich 20000 Franken.

Die Stadt verpflichtet sich, selber den gleichen Betrag aufzuwenden. Das ist auch in Form personeller Ressourcen möglich.

Im März 2015 ist eine Kick-off-Veranstaltung geplant, an der geeignete Massnahmen zur Verbesserung der Chancengleichheit diskutiert und entworfen werden.

Die Jacobs Foundation fördert Forschungsprojekte, Interventionsprogramme und wissenschaftliche Institutionen mit einem Jahresbudget von 40 Millionen Franken.

«Eine Bildungslandschaft entsteht, wenn schulische und ausserschulische Akteure in einem definierten lokalen Raum, gemeinsam, zielgerichtet, systematisch, politisch gewollt und langfristig an der umfassenden Bildung der Kinder und Jugendlichen arbeiten», schreibt die Jacobs Foundation.

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