Das war eine Aufregung damals. Von einem «gespaltenen Dorf» war die Rede, von «hartnäckigen Künstlern», die gegen die Absichten des Gemeinderats auf die Barrikaden gingen und einen hauchdünnen Gmeindsentscheid zu einem Projektierungskredit mit einem Referendum ins Gegenteil bogen. Das war alles vor 2012, alles fast vergessen.
Fünf Jahre ist es nun her, seit die Mieter der «Alten Bürsti» als Genossenschafter das Heft selber in die Hand genommen, im Baurechtsvertrag mit einer Laufzeit von 30 Jahren die Liegenschaften der ehemaligen Bürstenfabrik Walther übernommen haben. Fünf Jahre, in denen sich die Wogen geglättet haben. Fünf Jahre, in denen die Genossenschafter gezeigt haben, dass ihre Idee aufgeht. Aber auch fünf Jahre, die nicht nur eitel Sonnenschein waren.

«Haben es Zweiflern gezeigt»

Urs Döbeli ist Präsident der Genossenschaft. Er war 1994 eines der Gründungsmitglieder des Musikklubs Böröm pöm pöm, dem weitherum bekanntesten Mieter der «Alten Bürsti». 2011 kämpfte er als Kassier der IG Alte Bürsti an vorderster Front für die Erhaltung des Kultur- und Handwerkerzentrums, rang mit der Gemeinde um eine Lösung. «Für die Gemeinde wären das Verkaufen, das Abreissen und Aufstellen einer Wohnüberbauung das Einfachste gewesen», erinnert er sich. Ein schwerer Stand, den die Mieter hatten – auch im Dorf. «Damals wurden wir, die schrägen Vögel aus der Fabrik, für unser Vorhaben belächelt.»

Heute sei das anders, der einst schroffe Ton ist längst einem einvernehmlichen gewichen, auch in der Bevölkerung spüren die Genossenschafter einen grossen Rückhalt. «Wir haben allen Zweiflern gezeigt, dass unser System aufgeht», sagt Döbeli. Selbst in Bezug auf die Kosten in Millionenhöhe, die die Instandhaltung der teils maroden Gebäude mit sich gebracht haben. «Wir haben gut 1,66 Millionen Franken in die Gebäude investiert und 350 000 Franken in den Unterhalt», sagt Döbeli. Zwei Millionen Franken, gestemmt von den Genossenschaftern. 156 Mieter zählt das Areal heute, davon sind über 80 in der Genossenschaft. Über 80 Leute, das ist wie eine grosse Familie. «Die Genossenschaft ist eine grossartige Sache, man ist nicht bloss Mieter, sondern Mitbesitzer. Man wird zu einem Teil von etwas Grossem, kann gemeinsam etwas erreichen, kann mitbestimmen und trägt Verantwortung», sagt Döbeli.

«Man sorgt sich umeinander»

Ein Vorteil, den auch die Mieter schätzen. Das «Miteinander» ist es, das sie so wohlfühlen lässt in der Fabrik und auf dem Areal – nebst dem Charme der einstigen Produktions- und Büroräumlichkeiten. «In der Alten Bürsti ist Platz für so vieles und so viele», schwärmt beispielsweise Sabina Schwaar, mit ihrem Mal- und Papieratelier Mieterin seit 2012. Dieses Unterschiedliche und gleichzeitig die gute Vernetzung, das gefalle ihr gut. «Das hat sicher auch mit dem Gerüst der Genossenschaft zu tun», sagt Schwaar. «Man ist nicht nur Mieter, man sorgt sich umeinander, sorgt sich um das Gemeinsame, das wir haben.» Da bleibt auch Zeit für einen Kaffee, sagt Luc Pfeiffer, der mit seinem Lernatelier 5036 Ende 2013 in die Fabrik gezogen ist: «In der Bürsti arbeitet nicht jeder für sich im stillen Kämmerlein, hier trifft man sich, tauscht sich aus, hilft einander.» Und mit dem Ausleihen einer Stichsäge ist es längst nicht getan: «Man ist sich gegenseitig Inspiration», sagt Stahlkünstlerin Andrea Stahl, Mieterin seit 2013. Das zeigte sich in gemeinsamen Ausstellungen und Projekten. «In der Alten Bürsti herrscht ein Miteinander, das man heute fast nicht mehr findet», sagt Stahl. Und Klangtherapeut Martin Rosenberg meint: «Wir haben untereinander ein sehr gutes Verhältnis, wir beflügeln uns gegenseitig.»

Doch wie in jeder Familie gibt es auch in einer Genossenschaft Reibereien. «Wenn jeder mitreden darf, hat das immer beide Seiten», sagt Genossenschaftspräsident Döbeli. Jeder habe Ansprüche, jeder möchte, das bei ihm investiert wird, dass seine Probleme zuerst gelöst werden. «Gerade bei so alten Gebäuden, wo vieles gemacht werden muss, wird zum Teil hart um die Prioritäten gerungen. Und manchmal ist es eine Gratwanderung, alle gleich zu behandeln», sagt Döbeli.

Der neuste Wurf der Genossenschaft: Die Halle D, wo früher unter anderem eine Brockenstube eingemietet war, wurde für 250 000 Franken umgebaut. Das Problem: Der Raum war zu gross. Nun wurden die riesigen Hallen unterteilt. «Kleinere Einheiten lassen sich problemlos vermieten, als Bandraum, Werkstatt oder Lagerraum», sagt Döbeli. Das spüre man insbesondere auch, seit günstiger Raum grossflächig verschwinde, wie beispielsweise im Torfeld Süd in Aarau. Der Umbau; für ein Abdecken einer grossen Nachfrage. Aber natürlich auch ein Entscheid für zusätzliche Mieteinnahmen, wie Döbeli sagt: «Unter dem Strich zählen auch für uns die schwarzen Zahlen.»

Open Bürsti 6. und 7. Mai mit offenen Ateliers und Werkstätten, Events, Musik, Workshops und Kulinarischem, von 10 bis 17 Uhr. www.open-buersti.ch