Die Faust kracht auf die Tischplatte, der «Hungerbergler» in den Gläsern schwappt. «Wir wandern aus!», ruft Messerschmied Johann Jakob Märk an einem düsteren Abend im Spätherbst 1816, halbwegs übermütig, tief verzweifelt.

Am Tisch in der engen Stube an der Golattenmattgasse sitzt sein Bruder Adrian Rudolf. «Weg von Aarau, unserer Vaterstadt?», fragt der Jüngere zweifelnd.

Johann seufzt, streicht sich die Haare hinter die Ohren. «Die Lage ist hoffnungslos, die Lebensmittel werden immer rarer und teurer», entgegnet er, «und die Geschäfte laufen miserabel.»

Adrian, der Hutmacher, nickt resigniert, leert sein Glas und verzieht ob dem sauren Wein das Gesicht.

«Hast Du die jüngsten Briefe vom Suhrer Bernhard Steiner gelesen, der schon früher abgehauen ist und schreibt, dass ennet dem grossen Wasser alles viel schöner und besser ist?», will Johann wissen. «Ich habs gehört», murmelt Adrian und nickt geistesabwesend.

Die Brüder diskutieren lange in dieser Nacht, aber in den frühen Morgenstunden sind sie sich einig: Für sie bleibt als Weg aus der Not nur die Emigration.

Zu schlecht läuft das Geschäft für die Handwerker in der Stadt, der scharfe Preis- und Qualitätskampf bricht ihnen das Genick.

In Aarau, vor wenigen Jahren mit über 40 Messerschmieden noch die Schmiedestadt Nummer 1, haben über die Hälfte der Meister das Handtuch geworfen.

Der handwerkliche Mittelstand verlumpt und die gebrochenen Männer versaufen das Wenige, das noch geblieben ist, in den Spelunken.

Der Ausweg: die Flucht, das Auswandern, die Reise in dieses neue, vielversprechende Land.

«Prosit, auf Amerika!», johlen die Märk-Brüder und besiegeln ihren folgenschweren Schritt, der auch ihre Familien einbeziehen sollte. Und der Auftakt zur ersten Aarauer Auswanderungswelle.

Reise endet in der Katastrophe

Das fiktive Gespräch hat eine historisch fassbare Fortsetzung. Bei der ersten Auswanderungswelle ab 1816 mussten die Migranten die Reise selber organisieren und zum grössten Teil auch finanzieren.

Staatliches «Reisegeld» zur Unterstützung floss im Aargau flächendeckend erst ab 1850. Die Brüder Märk waren mit ihrem Alter von 34 und 30 Jahren keine jugendlichen Abenteurer mehr, die auf eigene Faust ins Verderben rennen wollten.

Sie gründeten für ihr Unternehmen deshalb einen Verein mit Gleichgesinnten aus dem halben Aargau und aus dem benachbarten Süddeutschland und buchten bei der Firma Zwissler & Co. im Voraus die Schiffspassage ab Amsterdam. Dort traf die Gruppe Märk, die 117 Personen umfasste, am 20. März 1817 ein.

Mit einigen Tagen Verzögerung konnten die Aargauer die Reise fortsetzen, nach einer weiteren Wartefrist in der Texelmündung traten sie am 9. Mai die Fahrt auf dem holländischen Schiff «De Hoop» über den Atlantik endlich an.

Was in Aarau sorgfältig eingefädelt worden ist, endet in einer Katastrophe. Der Name des Seglers («Hoffnung») erfüllt die Erwartungen nicht.

Adrian Märk schildert die «schauerliche Schiffsreise» in einem Brief, der im Dezember 1817 im «Schweizer-Boten» erscheint.

Nicht weniger als 84 der 117 Mitglieder der Aarauer Auswanderungsgruppe sind auf oder nach der verheerenden Überfahrt gestorben.

«Die Winde standen ungünstig, Stürme beschädigten das Schiff, eine Möglichkeit, zusätzliches Essen zu kaufen, verweigerte der Kapitän», berichtet der Hutmacher.

Auf hoher See mangelt es an Nahrung und Trinkwasser, Krankheiten grassieren. Die Frau von Adrian Märk und das jüngste Kind sterben kurz nach der Ankunft in Philadelphia in einem Lazarett an Schwäche.

Märk selber erholt sich an Land und reiste «mit Ross und Wagen» weiter nach Pittsburg. Dort findet er Arbeit in einer Hutfabrik, mit einem Lohn von beachtlichen zehn Dollar pro Woche.

«Wer einmal hier ist und arbeiten will, findet ohne Mühe sein Brot», schliesst er seinen Rapport an die alte Heimat versöhnlich ab. Über sein weiteres Schicksal ist nichts überliefert. Sein Bruder Johann Jakob Märk kehrte laut dem Bürgerregister 1826 nach Aarau zurück, ob kurzfristig oder länger, ist nicht bekannt.

Geheimnis um «Im Amerika»

Die Behauptung, dass die Brüder Märk bei ihrer Auswanderung mit Geld aus dem Aarauer Stadtsäckel unterstützt worden seien, und zwar mit dem Erlös eines Holzschlags südlich der Echolinde, lässt sich in den Akten nicht verifizieren.

Man versuchte mit dieser Geschichte das Waldstück, das heute noch den Namen «Im Amerika» trägt, zu erklären.

Die Flurbezeichnung stammt aber aus späterer Zeit. Die besagte Rodung diente nicht der Migrationshilfe, sondern der 1816/17 von Hunger geplagten Stadtbevölkerung, die hier zusätzliche Pflanzgärten anlegen konnte.