Aarau
Die rechtsfreie Insel mitten in der Stadt

Heute vor 500 Jahren kaufte sich die Stadt ein Unikum und machte es zu ihrem Rathaus: den Turm Rore, die Burg in den Stadtmauern.

Katja Schlegel
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Stadtarchivar Raoul Richner an der Turmwand aus dem 13. Jahrhundert im Erdgeschoss des Rathauses.

Stadtarchivar Raoul Richner an der Turmwand aus dem 13. Jahrhundert im Erdgeschoss des Rathauses.

Katja Schlegel

Wild kringeln sich die Buchstaben auf dem Pergament, ein Wort folgt dem andern, ohne Unterbruch. Keine Unterschriften, kein Stempel, nur zwei durchs Dokument gefädelte, zerknautschte Papierstreifen. Das ist sie, die Kaufurkunde vom 12. Februar 1515, dem Montag vor St. Valentinstag. Der Tag, an dem Hans Trüllerei, Bürgermeister von Schaffhausen, und sein Vetter Gangolf Trüllerei der Stadt Aarau den Turm und Freihof Rore mitsamt seinen Gütern für 1700 Gulden verkauften. Die Siegel, die die Urkunde rechtsgültig machten, sind abgebröselt.

Der Blick ins einst zugeschüttete Treppenhaus des Turms
14 Bilder
Über Holzplanken geht es von der Waffenkammer in den Stadtratssaal
Die Tür zur einstigen Waffenkammer
Gut möglich, dass an diesem Fenster vor über750 Jahren das erste Burgfräulein sass und stickte.
Der Blick in die nidere Stube im ausgehöhlten Rathaus 1955
Zeichnung von Felix Hoffmann, Stadtansicht im 13. Jahrhundert.
Zeichnung von Felix Hoffmann vom Rathaus im 17. Jahrhundert.
Zeichnung von Felix Hoffmann vom Rathaus im 18. Jahrhundert.
Das ausgehöhlte Rathaus 1955.
Die Kaufurkunde vom 12.2.1515.
Das ausgehöhlte Rathaus-Treppenhaus anno 1955
Das Restaurant Zollrain vor dem Abbruch 1952
Blick in den Zollrain vor dem Hausabbruch 1952
Fantasiedarstellung aus der «Chronik der Stadt Aarau» von Christian Oelhafen.

Der Blick ins einst zugeschüttete Treppenhaus des Turms

Katja Schlegel

Mit dem Turm Rore sicherte sich die Stadt Aarau ein einzigartiges Gebilde: eine rechts- und steuerfreie Insel mitten in der Stadt, ringsum abgegrenzt durch Mauern und einen Graben. Der Turm selbst, zehn auf zehn Meter gross und mit einer Mauerdicke von bis zu drei Metern, verfügte über ein tiefes Burgverlies und einen Wohnraum für die Burgherrenfamilie. Darüber lagen wohl der Schlafraum und das heutige Turmzimmer, über welches man eine Wehrlaube zur Halde hinaus betrat. So steht es in der «Geschichte der Stadt Aarau». Gebaut worden war der Turm vermutlich von den Kyburgern bei der Gründung der Stadt Mitte des 13. Jahrhunderts. Erstmals erwähnt wird er 1337 in einer habsburgischen Urkunde, in der alle adligen Aarauer Hausbesitzer in Bezug auf Steuern und Dienste den anderen Bürgern gleichgestellt werden – mit Ausnahme der Burg in der Stadt im Besitz von Ritter Heinrich von Rore.

Den Zins nahmen sie dann doch

«Der Besitzer führte ein recht sorgenfreies Leben», sagt Stadtarchivar Raoul Richner. Die Burg war nicht nur von Steuern befreit, sondern hatte auch Anspruch auf den Zehnt aus Hunzenschwil und auf Zinsen von Bauern in Aarau, Buchs, Suhr, Entfelden, Kulm und Schinznach. Ausserdem galt der Turm auch als Freihof, als Zufluchtsort. «Wer sich innerhalb der Mauern aufhielt, durfte nicht verhaftet werden», so Richner. Ob allerdings Flüchtlinge davon Gebrauch machten, ist nicht belegt.

Der Status des Turm Rore war nicht unumstritten: Dem Rat der Stadt Aarau stiessen die Privilegien sauer auf. Jahrzehntelang blieb die Situation aber unverändert, selbst unter der Berner Herrschaft ab 1415, als der Turm längst an die Familie Trüllerei übergegangen war. Der Berner Rat bestätigte sogar die habsburgische Privilegierung der Turmbesitzer, wie Peter Niederhäuser in einem Artikel in «Mittelalter» schreibt, der Zeitschrift des Schweizerischen Burgenvereins. 1515 dann packte der Rat die Gelegenheit beim Schopf und kaufte der Familie Trüllerei, die sich fortan auf Schaffhausen konzentrierte, den Turm ab. Zwei Jahre später wurde «die fryheit des turns daselbs zu Arouw in der statt gelägen genant zu Ror» vom Schultheiss und Rat von Bern auf Bitten der Stadt hin annulliert. Nicht verzichten wollten die Aarauer hingegen auf die Zinserträge aus den umliegenden Gemeinden. Diese heimsten sie noch bis zum Ende des Ancien Régime 1798 ein.

Rumpelkammer und Gefängnis

Aus dem Turm wurde mit dem Kauf 1515 ein öffentliches Gebäude. Räte und Kanzlei siedelten vom Kaufhaus an der Metzgergasse in den Turm beziehungsweise in die Anbauten um. Weil der Turm selbst zu eng war, wurde er als Archiv, Rumpelkammer und Gefängnis genutzt. Die Ringmauer wurde eingerissen und der Graben aufgefüllt. Damals entstand auch der Anbau mit der Uhr zur Rathausgasse hin. Die Räumlichkeiten für die Sitzungen der städtischen Räte richtete man im neuen Anbau des Turmes ein. 1520 waren die Umbauarbeiten beendet – noch heute findet sich diese Jahreszahl im geschnitzten Wappen im Stadtratssaal, der «oberen Stube» im zweiten Stock, wo der Kleine Rat mit neun Mitgliedern tagte. Unter dem Wappen befindet sich im Täfer die Tür zum einstigen Treppenhaus des Turm Rore, über das man – heute via Holzplanken – in die einstige Waffenkammer gelangt. Heute stapeln sich hier Akten und Protokolle, an einem Gestell hängt staubdicht verpackt der Weibel-Talar.

Bemerkenswert – wenn auch in ihrer Aussage nicht einwandfrei deutbar – sind auch die Schnitzereien und Medaillons an der Decke des Stadtratssaals: Was genau der feuerspeiende Mann oder das Antlitz Herkules’ hier zu suchen haben, ist nicht ganz klar. Noch verwirrender sind die Medaillons aber in der «nidern Stube» im ersten Stock, wo sich der 30-köpfige Mittlere Rat oder die Bürgerversammlung zusammenkamen: Hier prangt beispielsweise mitten im Saal als Symbol der Vergänglichkeit ein Totenkopf, auf einem anderen eine Sanduhr.

Bezüglich der Bekleidung der Rats-Ämter habe sich Aarau übrigens erstaunlich offen gezeigt, sagt Stadtarchivar Richner: «In Aarau konnten auch neue Familien im Ansehen und durch ihre Funktionen aufsteigen. In Bern beispielsweise waren diese Ämter nur ein paar wenigen Familien vorbehalten.» Von den Vertretern dieser Familien zeugen noch heute im Turmzimmer die Wappen-Tafeln, die sogenannten «Schiltli». Um Vetternwirtschaft zu vermeiden, durfte aber immer nur ein Vertreter der Familie pro Rat aktiv sein. Wer in den Kleinen Rat, den heutigen Stadtrat, gewählt worden war, war dies auf Lebzeiten. Vorher musste er aber die beiden anderen Räte durchlaufen haben.

Mit dem Regen kam das Gesicht

Über die Jahrhunderte hinweg wurde am Rathaus immer wieder etwas angebaut oder abgerissen, da wieder etwas verschönert und hier etwas umgebaut. 1697 beispielsweise wurde die stadtseitige Fassade von unten bis oben mit einer Szene aus dem Jüngsten Gericht bemalt. Um das Werk rankt sich eine Anekdote, wie Stadtchronist Paul Erismann in «Das Rathaus zu Aarau» aus dem Jahr 1958 schreibt: So soll ein naseweiser Plauderer den Künstler Johannes Brandenberg bei der Arbeit derart gestört haben, dass dieser einer armen Seele im Fegefeuer flugs das Antlitz des Störenfrieds verpasste. Der Blossgestellte lief zum Schultheissen und verlangte, der Künstler müsse ihn übermalen. Das tat der Maler – doch kam der Plauderer nach dem ersten Regenguss wieder zum Vorschein. Zum Gaudi der Stadtbevölkerung hatte der Maler zum Übermalen Wasserfarbe verwendet. Das Gemälde verschwand vermutlich erst bei der nächsten Erneuerung 1762, als dem Anbau die heute bekannten Treppengiebel aufgesetzt wurden.

In den Jahren darauf erlebte das Rathaus seine Blütezeit, nachdem 1798 von dessen Balkon die Helvetik ausgerufen und Aarau kurzzeitig zur Hauptstadt erklärt worden war. Danach wurde es eng: Die eidgenössische und die kantonale Verwaltung richteten sich hier ein, die städtische Verwaltung zog ins Exil ins «Haus zur Zunftstube» in der Pelzgasse. Bis zur Fertigstellung des Grossratsgebäudes im Jahr 1828 tagte sogar der Grosse Rat im Aarauer Rathaus und erst Mitte des 20. Jahrhunderts zogen die kantonalen Institutionen mitsamt dem Obergericht und dem Bezirksgericht aus. Im Erdgeschoss waren die Stadtpolizei und drei Gefängniszellen untergebracht. Hier soll 1854 sogar Gaunerkönig Bernhart Matter in den Tagen vor seiner Enthauptung geschmort haben. Seinen allerletzten Fluchtversuch konnten die Gendarmen gerade noch verhindern; an den Füssen sollen sie ihn aus dem Kamin gezerrt haben.

Den grössten Umbau erlebte das Rathaus in den Jahren 1952 bis 1957. Um endlich genügend Platz zu schaffen, wurden die Bürgerhäuser «zum Bären», das «Derrer-Haus», das «Haus Wacker» und die Liegenschaft «Keller-Läuchli» an der Ecke Rathausgasse/Zollrain aufgekauft und 1952 abgerissen. Unter Architekt Hektor Anliker wuchs der Anbau in die Höhe – nicht ohne böse Nebengeräusche, wie in der «Geschichte der Stadt Aarau» steht: So war Anliker nicht nur Architekt, sondern auch Stadtrat. Obwohl er den Auftrag in einem anonymen Wettbewerb gewonnen hatte, wurde er mittels Flugblatt angeschwärzt, er habe den Auftrag aufgrund seines Amtes bekommen. Zwar gewann Anliker den Prozess gegen den Flugblattschreiber, verpasste aber bei der Stadtratswahl 1953 im ersten Wahlgang das absolute Mehr. Anliker trat als Stadtrat zurück. Nur zehn Tage vor der Fertigstellung des Neubaus 1954 starb er.

Die schwerste Arbeit stand nun aber erst bevor: der Umbau des alten Teils. Dieser wurde – mit Ausnahme der beiden Sitzungszimmer, komplett ausgehöhlt, weil die Bausubstanz zu schlecht für eine Renovation war. Am 7. September 1957, eingeläutet vom Bachfischet, fand das grosse Festwochenende statt. «Alles Volk freute sich, und immer wieder wurde einem versichert: ‹So etwas Schönes und Gediegenes hätten wir nicht erwartet.›», schreibt Stadtchronist Erismann über das Fest. Und weiter: «In der Erinnerung aber verblasst das Fest mit zunehmender zeitlicher Entfernung. Feste vergehen, Rathäuser jedoch bleiben bestehen und pflegen ganze Generationen zu überleben.»