100xAarau
Die rastlose Dominikanerschwester mit der Frohnatur

Vor 100 Jahren lebte Irene Fürnkranz im Schlössli – die Geschichte einer weit gereisten Frau,die die meiste Zeit ihres Lebens in Gefängnissen verbrachte

Katja Schlegel
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Irene Fürnkranz (links) mit ihrem Grossvater, Schwester und Mutter Helene vor dem Schlössli, vermutlich 1917. Stadtmuseum Aarau

Irene Fürnkranz (links) mit ihrem Grossvater, Schwester und Mutter Helene vor dem Schlössli, vermutlich 1917. Stadtmuseum Aarau

Stadtmuseum Aarau

Sie nannten sie Blume. Irene Fürnkranz, 1904 geboren auf einem Bauernhof im Südtirol, zeitgleich wie ein Kalb, das der Bauer auf den Namen «Blume» taufte und das Mutter Helene so gefiel. Das Mädchen, das in Paris ins Konzentrationslager gesteckt wurde, erst zehn Jahre alt, mitsamt der ganzen Familie. Die Frau, die fünf Sprachen sprach und sich Mitte dreissig dazu entschloss, ins Kloster zu gehen.

Es ist ein rastloses Leben, das Leben der jungen Blume: Geboren in Italien und heimatberechtigt in Österreich, kommt Irene Fürnkranz als Vierjährige nach Aarau. Hier arbeitet Vater Wilhelm als Direktor in der Glühlampenfabrik. Nach zwei Jahren zieht die Familie wieder nach Österreich und ein Jahr später weiter nach Paris. Hier wird die Familie bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs interniert und erst im Juni 1915 entlassen. Mit Mutter Helene reisen die Kinder zurück nach Aarau, wo sie im Schlössli Unterschlupf finden. Vater Wilhelm bleibt bis 1917 im Gefängnis.

Lange hält es sie nicht in Aarau

Nach ihrem Schulabschluss geht Irene für rund ein Jahr nach Irland zu Verwandten, um die englische Sprache zu lernen. 1922 kehrt sie nach Aarau zurück und arbeitet im Musikgeschäft ihres Bruders. Doch Aarau hält sie nicht lange: Im Jahr darauf zieht Irene nach Budapest, wo sie im gleichen Geschäft wie Vater Wilhelm als Korrespondentin arbeitet. Damit spricht sie nun fünf Sprachen: Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch und Ungarisch.

Das Ausstellungsstück: Fürnkranz’ ungültig gestempelter Reisepass.

Das Ausstellungsstück: Fürnkranz’ ungültig gestempelter Reisepass.

Stadtmuseum Aarau

1924 kommt sie zurück in die Schweiz und arbeitet in Zürich für ein paar Monate im Büro einer Zigarettenfabrik. 1925 beruhigt sich ihr Leben etwas: Sie nimmt bei alt Oberrichter Steiner in Aarau eine Stelle als Privatsekretärin an. Gemeinsam mit ihm zieht sie nach Lausanne und bleibt da bis im Frühling 1937. Dann zieht sie zurück nach Aarau.

Nach der Besetzung Österreichs durch Hitler 1938 stellt Irene Fürnkranz ein Einbürgerungsgesuch. Wie die Stadtpolizei Aarau in ihrem Schreiben zuhanden der Aargauer Polizeidirektion schreibt, habe Fräulein Fürnkranz in ihrer 13-jährigen Tätigkeit bei Herrn Dr. Steiner «bis heute noch zu keinerlei Klagen Anlass gegeben», auch der Gesundheitszustand lasse «nichts zu wünschen übrig», wie der Beamte schreibt. «Sie ist mit unseren Sitten und Gebräuchen in jeder Beziehung vertraut und kann deshalb zur Aufnahme ins Schweizerbürgerrecht empfohlen werden.» Am 6. Oktober 1939 wird Irene Fürnkranz Bürgerin von Aristau im Bezirk Muri.

Aus der Sekretärin wird eine Nonne

Auch diesmal hält es sie nicht lange in Aarau. Bereits im Dezember 1939 zieht sie weiter nach Frankreich. Hier wird aus der fünfsprachigen Sekretärin eine Nonne: Irene Fürnkranz tritt in den Orden der Dominikanerschwestern von Bethanien ein. Eine Ordensgemeinschaft für Frauen mit belasteter Vergangenheit, insbesondere solche, die aus dem Gefängnis kommen. Irene Fürnkranz nennt sich von nun an Schwester Johanna-Dominik und lebt im Kloster in Kerns im Melchtal.

Spannende Aarauer ohne Marmorsockel

In der Dauerausstellung «100xAarau» im Stadtmuseum Aarau werden 100 Aarauer porträtiert. Viele kennt in Aarau jedes Kind – die meisten Namen und Geschichten aber sind nur wenigen Besuchern ein Begriff. Es sind die Aarauer ohne Gedenktafel oder Marmorbüste. Acht spannenden Lebensgeschichten hat die az in Zusammenarbeit mit dem Ausstellungsteam um Kuratorin Dominique Frey eine Serie gewidmet. Mit diesem Beitrag schliessen wir die Serie ab.

Doch auch als Nonne lebt sie kein zurückgezogenes Leben. Im Auftrag ihres Ordens besucht sie Frauengefängnisse in ganz Europa und führte Gespräche mit den Inhaftierten. Eine Mitschwester, Schwester Irmgard, erinnert sich: «Sie zeigte jeweils am Anfang ihrer Besuche eine Dia-Schau, die von ihr selber fotografiert und zusammengestellt war. Jedes Foto war ein kleines Kunstwerk mit grosser Aussagekraft, das die Herzen aller erreichte, vor allem die Gefangenen, die schon lange keinen Garten und keinen Wald und keine Berge mehr gesehen hatten.» Schwester Johannas Frohnatur habe alle angesteckt: «Sie wirkte heilend, tröstend und schenkte neuen Auftrieb», so Schwester Irmgard weiter. «Durch ihre verschiedenen Sprachkenntnisse und mit ihrer weltoffenen Religiosität konnte sie alle erreichen, Christen und Nichtchristen.» Was für ein Schlag musste es für die humorvolle und lebenslustige Schwester Johanna-Dominik gewesen sein, als eine Demenz ihr zusehends die Erinnerungen raubte. Fünf Jahre lang nagt die Krankheit an ihr, bis sie schliesslich im Mai 1996 stirbt. Schwester Irmgard schreibt: «Mit ihrem Tod, ihrem Weggehen aus dieser Welt in die jenseitige, verliert unser hiesiges Bethanien eine Schwester, die für uns unersetzbar ist, denn sie war einmalig.»