Aarau/Kölliken
Die ominöse Julia wurde gefunden – dank dem Genie Albert Einstein

Das Rätsel um die unbekannte Briefeschreiberin Julia ist gelüftet.

Katja Schlegel
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Albert Einstein war ein fleissiger Briefeschreiber. Dank seiner gesammelten Korrespondenz ist Julia gefunden.Keystone

Albert Einstein war ein fleissiger Briefeschreiber. Dank seiner gesammelten Korrespondenz ist Julia gefunden.Keystone

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Vor ein paar Tagen noch war Julia eine Unbekannte. Irgendeine junge Aarauerin, die ihrer Freundin Rosi Winteler im Dezember 1899 ein Brieflein nach Aarau schickte.

Ein Brief, der vor drei Jahren am Flohmarkt in Aarau zum Kauf angeboten wurde – für 50 Rappen. Gekauft hat ihn Odette Hochuli aus Kölliken, Sammlerin alter Karten und Briefe und Mitglied im Verein für Briefmarkenkunde Aarau. Weil Odette Hochuli nicht nur an den Marken, sondern insbesondere an den Lebensgeschichten der Schreibenden interessiert ist, hatte sie um Hilfe aus der Leserschaft gebeten.

Denn Julias Brief war eine Knacknuss: ohne Nachname, einzig mit Hinweisen auf einen Krach mit den Eltern, eine Anstellung als Bibliothekarin und der Nachfrage nach dem Befinden von Albert Einstein.

Jetzt hat sich das Geheimnis um Julia gelüftet. Licht ins Dunkel gebracht hat ausgerechnet Albert Einstein. Oder besser gesagt: Herbert Hunziker aus Oberentfelden, Mathematiklehrer an der Alten Kantonsschule Aarau, der sich seit Jahren mit Einstein befasst. «Mir war nicht sofort klar, um welche Julia es sich handelt», sagt Hunziker.

Aber er wusste, wo man nach Julia suchen könnte: in Einsteins gesammelten Werken, «The Collected Papers of Albert Einstein» von John Stachel. Und tatsächlich: Einstein stand im besagten Zeitraum mit einer Julia im Briefkontakt. Julia Niggli, geboren 1873 als Tochter des Fürsprechers, Gemeindeschreibers und Grossrats Arnold Niggli in Aarburg. Julia ist gefunden, davon ist auch Odette Hochuli überzeugt.

Julia suchte Rat bei Einstein

Einstein besuchte von Oktober 1895 bis Herbst 1896 die Kantonsschule in Aarau. In dieser Zeit wohnte er bei der Familie von Kantonsschulprofessor Jost Winteler im Rössligut. Rosi, die Empfängerin von Julias Brief, war eine von drei Töchtern.

Albert interessierte sich in dieser Zeit längst nicht nur für Physik und Mathematik, sondern hauptsächlich für Rosis Schwester Marie und war ganz insgesamt Frauenbekanntschaften nicht abgeneigt.

Im Hause Winteler lernten sich Albert und Julia 1897 kennen. Die beiden sollen bei ihrem ersten Treffen gemeinsam Schubert-Lieder gespielt haben; sie auf dem Klavier, er auf der Violine.

In den Jahren danach schrieben sich die beiden neckische Briefe und Postkarten. Er erzählte ihr von Klettertouren auf den Säntis und seiner verletzten Hand, vom Geigenspiel, das dadurch viel zu kurz kam, und sie klagte bei ihm über die Beziehung zu einem älteren Mann, der sie partout nicht heiraten wollte. Einstein, damals 20 Jahre alt und damit sechs Jahre jünger als Julia, antwortet ihr daraufhin wie ein gutmütiger Vater:

«Wie doch so eine Mädchenseele aussieht! Glauben Sie denn wirklich, für die Dauer das Lebensglück durch andere, und sei es auch einzig geliebte Mann, finden zu können? O, ich kenne diese Tierchen persönlich aus eigner Anschauung, da ich doch selbst eins bin. Von denen ist nicht so sehr viel zu holen, das weiss ich ganz genau. Wir sind heut mürrisch, morgen übermütig, übermorgen kalt, dann wieder gereizt und halb lebensüberdrüssig ... so geht’s weiter, doch hätte ich fast noch die Untreue und Undankbarkeit und Selbstsucht vergessen, in welchen Dingen wirs auch fast alle bedeutend weiter bringen als die guten Mädchen ... Ich sollt eigentlich nur im eigenen Namen davon sprechen, wenn ich nicht den traurigen Trost hätte, dass die meisten anderen im Grunde auch nicht anders sind.»

Auch Julia selbst wurde Ziel von Einsteins Charme: Mit Erstaunen nahm Julia von einer Einladung Einsteins Kenntnis, ihn im Hotel «Paradies» ob Mettmenstetten zu besuchen.

«Wie konnte ein junger Mann nur daran denken, mich einzuladen, mit ihm ins ‹Paradies› zu gehen?», schreibt sie mit – vermutlich gespieltem – Entsetzen. Einstein beruhigte sie, seine Mama und seine Schwester seien auch vor Ort.

Als Erzieherin um die Welt

Julia Nigglis Geschichte ist nicht nur Albert Einsteins wegen spannend: Nach Aarau gekommen war die Familie Niggli bereits kurz nach Julias Geburt. Vater Arnold Niggli amtete hier von 1875 bis 1909 als Stadtschreiber.

Wie im Lexikon der Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu lesen ist, besuchte Julia nach der Schule das Lehrerinnenseminar. Nach eineinhalb Jahren setzte sie ihre Studien in Morges und einem englischen Institut fort und schloss schliesslich an der Universität Zürich mit dem Fachlehrerpatent für französische und englische Sprache ab. Danach war sie als Erzieherin in England, Italien und den Vereinigten Staaten Nordamerikas tätig.

1910 kehrte sie nach Zürich zurück und führte ihrem verwitweten Vater bis zu dessen Tod 1927 den Haushalt. Danach unterrichtete sie bis 1937 an der Töchterschule und an der Gewerbeschule.

Nach ihrer Lehrerinnentätigkeit widmete sich Julia Niggli voll und ganz dem schriftstellerischen Schaffen. Geerbt hatte sie das Talent von ihrem Vater, der sich nebst seinen Amtspflichten als Kunsthistoriker und Kritiker hervortat.

Bereits während ihrer Zeit in Aarau war ein Auszug aus Briefen unter dem Titel «Aus Briefen einer jungen Aargauern über eine Meerfahrt um Süditalien herum» veröffentlich worden.

Während ihrer Zeit in Zürich veröffentlichte Julia Niggli weitere Artikel, unter anderem auch im «Aargauer Tagblatt» und in den «Aarauer Neujahrsblättern». Ab 1948 lebte Julia Niggli im Schweizerischen Lehrerinnenheim in der Elfenau Bern. Sie starb am 9. Juli 1959.

Odette Hochuli ist über das Finden von Julias Geschichte hocherfreut. Lange hatte ihr die Geschichte, die sich in dem rosaroten Briefumschlag versteckte, keine Ruhe gegeben.

«Ich musste einfach mehr wissen, ich konnte Julia nicht die unbekannte Julia sein lassen.» Jetzt ist sie also wiederentdeckt. Und wieder für ein paar Jahre ins Bewusstsein der Aarauer zurückgekehrt.